Heute vor 65 Jahren, am 13. August 1961, begann der Bau der Berliner Mauer. Sie umschloss auf einer Länge von 155 km bis zum 9. November 1989 Westberlin und zog sich als Schneise quer durch die Stadt.
Die Mauer sollte die Flucht von Ost-Berlin in den Westen verhindern. Seit 1961 ließ die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Mauer mit zahlreichen weiteren Grenzsperranlagen zu einem tief gestaffelten Sperrsystem ausbauen. Der so entstandene Grenzstreifen wurde im Westen „Todesstreifen“ genannt, weil dort viele Menschen bei der Flucht getötet wurden.
1989 fiel die Mauer, mit der die SED versucht hatte, ihre Macht in der DDR zu erhalten. Der Mauerfall läutete das endgültige Ende der SED-Diktatur ein.
Werner Kelm aus Unna schickte uns zum 65. Jahrestag des Mauerbaus einen persönlichen Rückblick auf das geteilte Deutschland. Wir veröffentlichen seinen Text hier leicht gekürzt.
Der Mauerbau und Ich – Teil I
65 Jahre ist es her, als die Mauer zwischen Ost und Westberlin gebaut wurde. Viele von Euch haben sie nicht mehr erlebt.
Es war ein lauer schöner Sommertag, der auf einen Sonntag fiel.
Da ich keine Mutter seit meiner Geburt mehr hatte, wuchs ich bei meiner Oma in Berlin-Neukölln im Westteil der Stadt auf. Mein Vater hatte noch 6 Geschwister und etliche Verwandte, bei denen wurde ich immer durch gereicht. Jeder war mal dran auf mich aufzupassen.
Ab und an war ich auch bei meinem Onkel in Plänterwald, ein Ortsteil von Treptow (Köpenick), der im Ostteil Berlins liegt. Mit fast sieben Jahren kann ich mich natürlich nicht an alles an diesem Tag erinnern. Nur der Abend war mir im Gedächtnis haften geblieben. Ab 0 Uhr in der Nacht, wurde die Grenze zwischen Ost und Westberlin geschlossen, auch das Westberliner Umfeld nach Brandenburg.
Die Sonne blinzelte noch mit dem Rest ihres Abendlichtes kraftvoll durch die rauschenden Blätter der Bäume, die an der Straße zur Wildenbruchbrücke standen. Die Brücke teilte die Berliner Bezirke Neukölln und Treptow-Köpenick, ab jetzt West und Ost. Seile waren zwischen den Bäumen gespannt, um die Bürgersteige von der Fahrbahn zu trennen, auf der auch keine Fahrzeuge mehr fuhren.
Links und rechts auf den Bürgersteigen war Hektik. Zwischen bewaffneten NVA Soldaten und Betriebskampftruppen schlängelten sich die Passanten linksseitig Richtung Westen und rechtsseitig Richtung Osten durch die Menge. So viele Menschen um einen herum.
Als laufender Meter hatte ich natürlich eine andere Sichtweite auf diese Situation hier. Farbe kam da nicht groß vor, eher ein Einheitsgrau von seitlich ausgebeulten Militärhosen die eng in den Knobelbechern, auch Schapka-Stiefel genannt, steckten. Fast eine gespenstische Lage, deren Sinn mir eigentlich nicht bewusst war, ich wurde händchenhaltend von meinem Großonkel, der als Kampfgruppenmitglied seines Betriebes an der Brücke eingesetzt war, bis zur Grenzlinie gebracht.
Diese war in der Mitte der Brücke und die Fahrbahn war mit einem mit Stacheldraht umgebenes Holzgestell versperrt. Erst etwas später wurde die Grenzlinie von der Wildenbruchbrücke zurückgezogen. An der Kanalrandhöhe wurden dann die Mauersteine gesetzt.
Da unsere Arbeitergroßfamilie schon immer einen heißen Draht Richtung Osten hatte, wurde schon vorher im Familienrat beschlossen, dass ich im Westen verbleibe. Im Osten wollte sich keiner der Verwandten um mich kümmern und schließlich war ich Westberliner.
Mein Onkel hat mich dann meiner Oma übergeben, die auf der anderen Seite stand und natürlich auch ein Tränchen nicht verstecken konnte, ihr Bruder blieb nun mal im Osten.
Andersrum bezeugt dies auch, dass der Bau der Mauer nicht von heute auf morgen kam, man hatte es schon länger gewusst. Groß berührt hat mich das nicht, das nächste Wiedersehen fand ja gut zwei Jahre später nach dem ersten Passierscheinabkommen 1963 statt.
Viele Familien wurden durch den Mauerbau getrennt, zwei Verwandte blieben von mir im Osten, fünf andere Verwandte von mir blieben im Westen. Auch Arbeitsplätze gingen verloren die Meisten, bei denen, die im Osten wohnten und im Westen arbeiteten.
Der S-Bahnring innerhalb Berlins wurde gekappt, außer dem Bahnhof Friedrichstraße wurden alle Bahnhöfe der U- und S-Bahnen, die im Osten lagen und von Westberliner Strecken befuhren wurden, eschlossen. Die Züge hielten dort nicht mehr, man fuhr als Westler im Untergrund durch den Osten.
… Der Bahnhof Friedrichstraße war der einzige Bahnhof in Ostberlin, den man als Westberliner ohne Grenzübertritt nutzen konnte zum Umsteigen auf andere U- Und S-Bahnen die Richtung Westen fuhren. Auch der wichtigste Bahnhof für die Fernzüge zwischen Paris und Moskau. Die Intershops, wo man billig Zigaretten, Alkohol und Kaffee für harte Westmark kaufen konnte.
Er war Grenzkontrollpunkt für die Westberliner Bevölkerung und allen anderen , später baute man noch ein Rundel am Bahnhof dran, den berühmten Tränenpalast, weil man sich dort immer heulend verabschiedet hat.
Die Mauer war Mitte der Siebziger Jahre für mich immer gegenwärtig. Ich wohnte in tiefsten Kreuzberg SO36 und jeden Tag, wenn ich hinaus trat aus der Haustür, stand sie vor mir das Ungetüm. Eigentlich waren wir Westberliner die eigentlichen Leidtragenden, eingezäunt wie in einer Irrenanstalt kamen wir nur mit unseren grünen behelfsmäßigen Personalausweisen raus, normale Pässe gab es nicht für uns nicht, die wurden von der DDR nicht anerkannt. Und die im Osten konnten wenigstens in ihr Umland fahren.
Die eigentlich neue Mauer, die seit Mitte der Siebziger gebaut wurde, war ca. 3,60 Meter hoch mit einer abgerundeten Krone, die das Festhalten verhindern sollte. Gebaut wurde sie, um all die gut ausgebildeten Fachkräfte von der Flucht abzuhalten, somit den wirtschaftlichen Ruin zu verhindern. Aber auch, um Westberliner Bürger vom Kauf von Waren in Ostberlin abzuhalten.
Mal als Beispiel: ein Brötchen kostete im Osten 5 Pfennige , im Westen 8 Pfennige. Grundnahrungsmittel waren in der DDR subventioniert, also billig. Aber keine Sorge, der Westteil der Stadt wurde schon immer von der DDR mit frischen Lebensmitteln versorgt. Denn ein Tanklastwagen mit Milch aus Bayern wäre in Berlin damals als Butter angekommen.
Auch zur Luftbrückenzeit ´48, da waren nur die Transitstrecken gesperrt. Und wegen der vielen Sabotagen in den Ostblockstaaten wurde der Antifaschistischer Schutzwall, wie er in der DDR genannt wurde, auch gebaut.
Quer durch die Stadt waren es 43 Kilometer Mauer und ganz herum insgesamt 155 Kilometer in Zaun und Stacheldraht. 140 Tote gab es an der Mauer, darunter auch 8 Grenzsoldaten und 30 Unfällen, Herzinfarkten etc. Über 5.000 Menschen überwunden sie zu Fuß, per Auto oder Lastwagen, sogar eine Lokomotive samt Personen Wagen mit ca. 32 Menschen drin. Menschen verbluteten an ihr und Kinder ertranken in den Wasserwegen, weil keine Seite geholfen hatte.
14 Übergänge gab es rundherum. Die einen Eingänge für Westberliner, die anderen für BRD Bürger, Ausländer oder alle zusammen (Friedrichstr.)Es gab die Transitwege mit Zug oder Auto. Auch gab es mal jemanden, der mit einem Vorschlaghammer auf der Mauer herumtanzte. So wie 200 Landbesetzer des Lenné-Dreiecks, das an der Mauer in der Nähe des Potsdamer Platzes lag, die vor der Westberlin Polizei bei der Räumung über die Mauer Richtung Osten flüchteten.
Die Mauer war ein Ergebnis des Kalten Krieges zwischen West und Ost. Wäre er ein heißer Krieg geworden, wäre die Mauer das Ziel einer Atombombe geworden.
Die Mauer und ich – Teil II
Mein Vater hat ja für den Osten gearbeitet, nein, nicht bei Horch und Guck, wie die Stasi in der DDR genannt wurde. Er war bei der Deutschen Reichsbahn als Transport Polizist beschäftigt, die dann in Bahnpolizei umbenannt wurde und nach der Wende in die Bundespolizei eingegliedert wurde.
Zu Anfang wurde der Lohn noch anteilmäßig aus gezahlt 40% Ostmark 60% Westmark. Nach der Trennung glich sich der Lohn ans Westniveau fast an, sprich 100%. bar. Der Lohn lag zwar 30% unter dem Gehalt eines normalen Lohns, eines Westberliner Arbeiters und die Mitarbeiter der DR unterlagen aber dem Arbeitsrecht der DDR.
Somit waren wir durch seine Arbeit bei der Bahn, auch mit dem Gesundheitssystem der DDR verbunden, und hatten auch das Privileg, durch eine kleine Eingangtür im Bahnhof Friedrichstraße, am Übergang von U-Bahn und S-Bahn, nach Ostberlin zu gehen.
Der berühmte Agentenübergang mit dem Schild an der Tür – Diensteingang – Eintritt für unbefugte Verboten! Dahinter verbargen sich zwei Tresen die mit jeweils einer von der Pass und der Zollkontrolle besetzt war. Dienstausweis und Passierschein vorzeigen. Den Kopf in seitlicher Position bewegen, kurz die mitgeführte Tasche öffnen und schon war man durch. Den Passierschein bekam man von der Kaderabteilung (Die politische Betriebsführung) relativ sofort.
Auf dem Gelände des Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Tempelhof gab es einen kleinen Laden, dort konnten wir Lebensmittel aus der DDR dort kaufen. War der gleiche Inhalt nur in nicht ansprechbarer Verpackung. Oder andere Valutaartikel wie Zigaretten, Kaffee etc., gegen Westgeld. Da ich dort selbst im RAW gearbeitet habe, konnte ich auch beobachten, wenn die Alliierten kontrollierten. Wenn die Amis in ihrem Jeep kamen, war Vorsicht geboten. Die verwechselten das Betriebsgelände immer mit unserer Rennstrecke die AVUS. Hat nur noch das Lasso gefehlt. …
1964 wäre ich beinahe aus der DDR ausgewiesen worden, weil ich meinen ersten Comedian Versuch in einen Wortwitz als 10-jähriger , das Mittagessen in der Charité das große Krankenhaus in Berlin-Mitte zu umschreiben versuchte. Dort lag ich wegen einer Augen-OP, die leider nicht erfolgreich war und ich blieb weiter Einauge, nur das linke Brillenglas brauchte nicht mehr abgeklebt werden. Somit war Schielewip die Tasse kippt passé. Das Hänsel ein Ende.
Es gab die üblichen Kartoffeln, ein bisschen Schweinefleisch und Rotkohl! Ich aber sagte: oh Rotzkohl gibst, worauf die Köchin erbost schrie, ich könne ja sofort wieder in den Westen gehen, wenn mir das Essen hier nicht passt.
Das Leben im Westen war auch nicht leicht, wir wurden wie Menschen 4. Klasse behandelt. Bei der Bahn gab es drei Platzklassen, die Erste, die Zweite und die Dritte mit Holzbank (S-Bahn). Probleme bei Banken, Versicherungen, Wohnungen und Schikanen bei den Behörden waren normal. In der Schule wurde ich dafür gehänselt, weil er dort arbeitete, heute sagt man Mobben dazu.
Mit 13 saß ich auf meinem ersten Herrenfahrrad, als der Nachbarsjunge nach mir rief, kurz darauf hatte ich meinen ersten Nasenbeinbruch mit den Worten – Da, Du Kommunistenschwein -. Sein Vater war Westberliner Polizist und hatte ihm eingebläut, das alle bei der Reichsbahn Kommunisten sind und denen darf man ruhig eins auf die Fresse hauen. Wenn wundert´s, wenn ich in der Fahrkartenausgabe gesessen habe und den Kopf schüttelte habe, gegenüber am Zeitungsladen auf dem Aufsteller der Bildzeitung stand, fahrt nicht mit der S-Bahn, keinen Pfennig für den Osten.
Aber bekanntlich wird ja auch die Politik mit dem Geldbeutel gemacht. Die Fahrpreise waren erheblich billiger als bei der BVG. Die Deutsche Reichsbahn, die im Westen Berlins, überwiegend mit Westberliner Arbeitskräften betrieben wurde. Nur in der hören Etage kamen sie aus dem Osten.
Viele Beschäftigte fand aus politischen Gründen im Westen keine Arbeit mehr. Ich habe es selbst zu spüren bekommen, als ich gekündigt habe. Arbeitslosengeld bekam ich nicht, weil nie etwas eingezahlt wurde. Habe ich beim neuen Arbeitgeber meine frühere Tätigkeit erwähnt, war es sofort Sense mit der Arbeit.
Blieb nur noch der Sklavenhändler übrig. Ob das nun ein Volkseigener Betrieb, war sei da hingestellt. Aus eigener Erfahrungen als ehemaliger Mitarbeiter weiß ich, dass der wirtschaftliche Zustand des Westberliner Teils der Reichsbahn schlimmer als die gesamte Volkswirtschaft in der DDR war.
Arbeitsmaterial wie Schrauben oder Schienen etc. verrotten am Bahngleis, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten geliefert wurden Jahrelang verrosteten. Bei der nächsten Solidaritätsaktion für einen guten Zweck wieder eingesammelt und der Güterwagon dann Einschmelzen gefahren wurde. Der Güter und Fernverkehr hatte Vorrang vor der S-Bahn, aber das fuhr alles auf hart genähter Kannte.
Dass Mitarbeiter ein entsprechendes Parteibuch haben musste, um dort arbeiten zu können, war völliger Quatsch, viele hatten keins. Aber Ich, trotzdem bin ich durch jedes Fettnäpfchen gelascht. Meine Lehre als Schienenfahrzeugschlosser musste ich aus körperlichen Gründen abbrechen, war nichts mit Lokfahren und wechselte in den Betrieb und Verkehrsdienst.
Mir wurde aber klar, dass ich wegen meiner Augen nur nur im Innendienst eingesetzt werden konnte und in Richtung Kaderabteilung (Art Personalabteilung) gehen sollte. Da ich aber meine Kollegen nicht bespitzeln wollte, kündigte ich. Die Folge: Zu Hause flog ich raus und lebte auf der Straße.
Ein halbes Jahr später, man dachte, ich hätte die Lektion im dem Kapitalismus gelernt, stellte man mich als Bahnhofarbeiter wieder ein, um Treppen zu fegen etc. Nur wenn Not am Mann wahr, wurde ich als Schaffner oder in die Fahrkartenausgaben eingeteilt, ob wohl ich alle Prüfungen aus der Lehre im Schnellgang wiederholt hatte. Habe somit einen TeilFacharbeiter gemacht, der aber im Westen nicht anerkannt wird.
Das stetige Auf- und Abdegradieren hatte ich dann bald satt. Ich ging endgültig. Und die Mauer ging 15 Jahre später.
- Werner Kelm, Unna































