„Impfquote verfehlt“ – Neue Kontaktbegrenzungen trotz einstelliger Inzidenz bei Geimpften?

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Corona, Kontaktbeschränkungen - Symbolbild Pixabay

394 neu positiv Getestete binnen 7 Tagen im Kreis Unna (Stand Freitag, 3. September), Inzidenz 96,5 – alle 394 zusammengerechnet. (Am Sonntag, 5. 9., lag die Inzidenz bei 81 im Kreis Unna, NRW-weit bei 114,9.)

Doch der 7-Tages-Indikator je 100.000 Einwohnern allein bei den Geimpften liegt frappant niedriger, denn gerade mal 8,3 Prozent (29 Personen) der vom Kreis notierten Neuinfizierten der letzten Woche (von Freitag bis Freitag) waren vollständig geimpft.

„91,7 Prozent der Neuinfizierten waren also ungeimpft“,

verdeutlichte die Kreisverwaltung. Wir berichteten am Freitag bereits.

Dieser Prozentsatz entspricht dem landes- und bundesweiten Schnitt und spiegelt sich auch in der Zahl der Geimpften unter den klinischen Covid-Patienten wieder:

Im Kreis Unna befinden sich mit Stand vom 3. September 17 Patienten in stationärer Behandlung, 8 von ihnen liegen mit schweren Verläufen auf Intensivstationen. Und von diesen 8 sind 7 ungeimpft, und die achte Person hatte bisher nur eine Impfdosis erhalten, war also ohne vollständigen Impfschutz.

Wäre es also „gerecht“, wenn wieder alle Menschen, ob geimpft oder ungeimpft, ab Herbst wieder ihre Kontakte reduzieren sollen?

Der Berliner Charité-Virologe Christian Drosten hält das für unausweichlich. Der Hauptgrund sei der erlahmte Impfwille, eine „gewisse Gleichgültigkeit“ in der Bevölkerung, sagte Drosten am Freitag im Podcast „Das Coronavirus-Update“ von NDR Info.

Deutschland werde deshalb im Herbst „mit Sicherheit“ wieder Kontaktbegrenzungen brauchen:

„Gelassen in den Herbst zu gehen ist eine gewagte Vorstellung.“

Für Ungeimpfte über 60 Jahre sei es ein „riesiges Risiko“, ungeimpft in diesen Herbst zu gehen.

Über die sogenannte „Pandemie der Ungeimpften“ (Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, beide CDU) sind in den sozialen Netzwerken kontroverse Diskussionen entbrannt, nachdem immer mehr Gesundheitsämter (wie das Kreisgesundheitsamt Unna) die Neuinfizierten und klinischen Coronapatienten nach „geimpft“ und „ungeimpft“ aufschlüsseln.

Es ergeben sich dabei frappante Unterschiede bei den Inzidenzen, was auch die Zahlen aus dem Kreis Unna klarmachen.

Das NRW-Gesundheitsministerium erwägt daher einen zweiten Inzidenzwert einzuführen: einen für Geimpfte, einen für Ungeimpfte.

Die Krankenhausgesellschaft NRW würde das begrüßen, ihr Präsident Jochen Brink sagte der WAZ, dass dies bei der Entscheidung über Schutzmaßnahmen helfen könne. Zudem könne die getrennte Ausweisung der Inzidenzen laut Brink Nicht-Geimpfte dazu motivieren, sich impfen zu lassen, was wiederum die Intensivstationen entlaste.

Die NRW-weite Impfquote liegt aktuell bei knapp 64 Prozent, die deutschlandweite bei 61, auch der Kreis Unna bewegt sich in diesem Rahmen.

Im August stieg die Impfquote nur noch um rund 10 Prozentpunkte. Nach dem aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) sind 83 Prozent der über 60-Jährigen voll geimpft, bei den 18- bis 60-Jährigen liegt die Quote bei 65 Prozent und bei 12- bis 17-Jährigen bei knapp über 20 Prohent.

Nach RKI-Berechnungen müssen jedoch mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Älteren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein, um eine ausgeprägte neue Welle mit vollen Intensivstationen im Herbst und Winter ziemlich verlässlicg zu verhindern.

Virologe Drosten hält das aktuell für utopisch. Seine Empfehlung ist, die Dringlichkeit der Impfungen in Deutschland stärker zu vermitteln. „Ich würde nur ganz wenigen nicht geimpften Personen im Moment unterstellen, dass die jetzt vollkommen verrückte Geschichten glauben.“ Eher verhindere eine gewisse Gleichgültigkeit eine Entscheidung für die Impfung.

Das sei der große Unterschied zu Spanien, Portugal oder Italien:

Diese Menschen dort hätten schrecklich viele Tote und und einen „richtigen Lockdown“ hinter sich, wo man nur zum Einkaufen mit Begründung nach draußen durfte – und auf der Straße patrouillierte das Militär.“ Das sei ein wirklicher Lockdown. „Das haben wir in Deutschland nicht erlebt.“

Optimistisch stimme ihn, so Drosten, die hohe Impfbereitschaft bei den 12- bis 17-Jährigen.

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