Schwerpunkt Lebensmittelbranche beim IHK-Wirtschaftsgespräch Bergkamen: Unternehmen zeigen sich ungeduldig und in Sorge.
Rund 60 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung kamen zum Wirtschaftsgespräch der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund nach Bergkamen zur Firma Busemann GmbH. Dr. Dieter Heinz, IHK-Vollversammlungsmitglied und Head of Site Management & Infrastructure Services bei der Bayer AG, ging auf die „Polykrisen für unsere Wirtschaft” ein und fragte sich mit Blick auf die jetzt einjährige Amtszeit der amtierenden Bundesregierung kritisch:
„Wo ist die Vision für unser Land in zehn Jahren?”
Deutschland habe in den vergangenen Jahren viele traditionelle Standortvorteile eingebüßt, beispielsweise in den Bereichen Energieversorgung und Bildung, habe Nachholbedarf bei der Digitalisierung und sehe sich neuen Herausforderungen wie Cyberattacken ausgesetzt. Sein Appell: „Unser Land braucht Reformen – und wir sollten die Krisen auch zu unserem Vorteil nutzen.”
Jörg Kiefer, kaufmännischer Geschäftsführer der Busemann GmbH, stellte die langfristige Wachstumsstrategie seines Unternehmens durch einen neuen Investor vor. Das 1974 gegründete Familienunternehmen, Spezialist für Wassereis („Bussy”) und Popcorn, hat mit dem Dortmunder Tillmann Schulz – bekannt aus der TV-Show „Höhle der Löwen” – und der MDS-Gruppe einen neuen Gesellschafter an Bord.
Die MDS-Gruppe beliefert mit ihren Produkten rund 40.000 Händler weltweit. „Diesen internationalen Vertrieb können wir gut nutzen, um unser Wassereis auch in anderen Ländern noch stärker zu vermarkten”, so Kiefer. Bislang ist Busemann vorrangig in Deutschland aktiv, die Exportquote liegt bei etwa fünf Prozent.
Nach Popcorn und Wassereis erläuterte Thomas Heinzel (CDU), seit Herbst 2025 Bürgermeister der Stadt Bergkamen, die aktuellen Herausforderungen für die Kommunalpolitik. Der Haushaltsengpass der Kommune führte Anfang des Jahres dazu, dass der Rat die Grundsteuer B auf 995 Basispunkte anhob.
Die Gewerbesteuer wurde auf 500 Punkte erhöht, womit Bergkamen mit Einnahmen von gut 21 Millionen Euro kalkulieren kann.
In schwierigen Zeiten gebe es mit der nun startenden Vermarktung der Wasserstadt Aden und dem geplanten EcoTecHub – als Projekt des 5-Standorte-Programms – aber auch „Zukunftsprojekte für Bergkamen”, so Heinzel, der ausief: „Stadt und Wirtschaft werden die Herausforderungen nur gemeinsam meistern!”
Auch Wulf-Christian Ehrich, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer, kam in seinem Vortrag auf das angespannte Wirtschaftsklima zu sprechen und verwies auf die Ergebnisse der letzten IHK-Konjunkturumfrage, wonach jedes vierte Unternehmen seine Geschäftslage als schlecht bewertet.
Bergkamen sei seit jeher ein wichtiger Standort für das Produzierende Gewerbe gewesen. Fast ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in der Industrie – weit mehr als im bundesweiten Durchschnitt (26,4 Prozent) oder in der gesamten IHK-Region (24,5 Prozent).
Gerade für exportorientierte Industriebetriebe seien aber die internationalen Handelskonflikte und die US-Zollpolitik negativ spürbar. „Viele wichtige Regeln, die seit Jahren den Außenhandel prägten und kalkulierbar machten, werden nicht mehr beachtet”, so Ehrich. Umso wichtiger seien neue EU-Handelsverträge, etwa das vorläufig angewendete MERCOSUR-Abkommen mit vier südamerikanischen Partnern und einem Handelsvolumen von 4,3 Milliarden Euro.
Auch den Krieg in Nahost thematisierte der IHK-Außenwirtschaftsexperte. Rund 1.800 deutsche Unternehmen sind in der Region ansässig oder mit einem lokalen Partner verbunden. Das Handelsvolumen beträgt rund 30 Milliarden Euro – rund ein Prozent des deutschen Außenhandels wird in der Golfregion getätigt.
„Mit Beginn des Irankrieges Ende Februar hat sich die Lage für unsere Unternehmen einmal deutlich verschärft”,
so Ehrich. Die deutlich höheren Energie- und Logistikkosten sowie neue Unsicherheiten in den Lieferketten treffen eine Wirtschaft, die schon vorher stark unter Druck stand.
Die befristete Senkung der Energiesteuer etwa könne Unternehmen und Pendler kurzfristig entlasten. „Aber sie löst nicht die strukturellen Standortprobleme“, so Ehrich.
Notwendig seien dauerhaft niedrigere Energiepreise und eine Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau.
Die von der Bundesregierung ins Spiel gebrachte und inzwischen vom Bundesrat gekippte steuer- und abgabenfreie 1.000-Euro-Prämie für Arbeitnehmer stößt laut Ehrich „bei den allermeisten Unternehmen auf viel Kritik”. „Diese Prämie klingt gut, ist aber in der aktuellen Lage gefährlich missverständlich: Sie weckt Erwartungen an Sonderzahlungen, die viele krisengeschüttelte Unternehmen nicht erfüllen können.“


„Esst mehr Eis!” So launig könnte man das Motto der abschließenden Podiumsrunde zusammenfassen. Über die Erfolge und Herausforderungen der Lebensmittelbranche sprachen in einer von Dominik Stute moderierten Runde Jörg Kiefer sowie Felix Kilian Telgmann, Head of Marketing & IT der EisBerger GmbH, und Fevzi Erdemli, Geschäftsführer der Golden Feinkost GmbH & Co. KG. Erdemli hat den Lebensmittelgroßhändler zusammen mit seinen Brüdern seit 2014 sehr erfolgreich aufgebaut und ist mittlerweile neben Bergkamen auch in Dortmund und Essen aktiv.
Die EisBerger Eismanufaktur der Brüder Telgmann hat in Bergkamen ein neues Zuhause gefunden. Täglich werden dort rund 20.000 Dosen mit leckeren Sorten wie „Spaghettieis” und „Himbeer Holunder” von Hand abgefüllt. In mehr als 300 Eisautomaten ist das Eis bundesweit und sogar europaweit erhältlich, von Litauen bis nach Mallorca. Zu den größeren Kunden zählt seit kurzem auch die Lufthansa.
Quelle IHK zu Dortmund




































