Ein Jahr Schwarzrot unter Merz: Heimische Wirtschaft zeigt sich enttäuscht, das Handwerk ernüchtert

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Bild: Roland Klein, Präsident der IHK zu Dortmund, und Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund. Copyright: Hans-Jürgen Landes

Die heimische Wirtschaft ist „enttäuscht“, das Handwerk im Kreis Unna und Dortmund zeigt sich ernüchtert. Die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammer für Kreis und Region ziehen nach einem Jahr Schwarzrot unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) ein erstes Zwischenfazit. Als Schulnote wäre es ein schwaches Ausreichend – Vier Minus.

Roland Klein, Präsident der aktuell im Ruhrgebiet federführenden IHK zu Dortmund, bringt es auf den Punkt:

„Die Wirtschaft ist enttäuscht und hat sich von dieser Bundesregierung deutlich mehr erwartet.

Die Koalition ist vor einem Jahr mit dem Anspruch gestartet, Deutschland wirtschaftlich wieder nach vorn zu bringen. Dieses Ziel bleibt richtig, aber die Bilanz aus Sicht der Unternehmen im Ruhrgebiet sieht sehr gemischt aus.”

Bei zentralen Themen wie Steuern, Arbeitskosten und Bürokratie komme die Regierung kaum oder viel zu langsam voran. Entlastungen für die Betriebe seien wenig spürbar.

Schon der im Februar 2026 vorgelegte Ruhrlagebericht der Ruhr-IHKs – an der Umfrage beteiligten sich rund 700 Unternehmen mit mehr als 80.000 Beschäftigten – hatte mit einem Konjunkturklimaindex von nur 93 Punkten eine pessimistische Stimmung widergespiegelt. „Mit Beginn des Irankrieges Ende Februar hat sich die Lage noch einmal deutlich verschärft”, so Klein. Die deutlich höheren Energie- und Logistikkosten sowie neue Unsicherheiten in den Lieferketten treffen eine Wirtschaft, die schon vorher stark unter Druck stand.

Ein klarer Reformpfad ist notwendig

Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund, ergänzt: „Wir wissen, dass diese Bundesregierung nicht unter einfachen Bedingungen agiert. Die US-Handelspolitik, der Krieg im Nahen Osten und geopolitische Spannungen engen den Handlungsspielraum ein. Aber gerade in solchen Zeiten müsste die Bundesregierung Orientierung geben. Die Unternehmen brauchen kein Stakkato kurzfristiger Einzelmaßnahmen, sondern einen klaren Reformpfad.” Die befristete Senkung der Energiesteuer etwa könne Unternehmen und Pendler kurzfristig entlasten. „Aber sie löst nicht die strukturellen Standortprobleme“, so Schreiber. Notwendig seien dauerhaft niedrigere Energiepreise und eine Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau.

Deutliche Kritik an der 1.000-Euro-Prämie

Die von der Bundesregierung ins Spiel gebrachte steuer- und abgabenfreie 1.000-Euro-Prämie für Arbeitnehmer stößt auf viel Kritik bei den Ruhr-IHKs. „Diese Prämie klingt gut, ist aber in der aktuellen Lage gefährlich missverständlich“, betont Klein. „Sie weckt Erwartungen an Sonderzahlungen, die viele Unternehmen nicht erfüllen können. Wer im Mittelstand mit explodierenden Energie-, Transport- und Finanzierungskosten kämpft, kann nicht zusätzlich staatlich angeregte Prämienversprechen schultern.”

„Die Bundesregierung muss die Investitionsfrage in den Mittelpunkt stellen“, sagt Schreiber. „Im Ruhrgebiet wissen wir aus vielen Gesprächen mit Unternehmen:

Investitionen werden verschoben, überprüft oder ins Ausland verlagert. Nicht, weil Betriebe dem Standort den Rücken kehren wollen, sondern weil die Kostenrelationen nicht mehr stimmen.“

Die DIHK warnt ebenfalls vor Substanzverlust am Standort Deutschland: Nach ihrer Bewertung investieren Industrieunternehmen wegen hoher Standortkosten zunehmend im Ausland, nicht zur Markterschließung, sondern zur Kostensenkung; der entsprechende Wert liegt bei 43 Prozent und damit so hoch wie seit 2003 nicht mehr.

„Das muss ein Alarmsignal sein“, so Schreiber. „Wenn Unternehmen aus Kostengründen gehen, verliert Deutschland nicht nur Investitionen. Wir verlieren Wertschöpfung, Innovationskraft, Ausbildungsplätze und industrielle Netzwerke. Gerade das Ruhrgebiet mit seiner starken Industrie, Logistik, Energiewirtschaft und unternehmensnahen Dienstleistungen ist auf wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen angewiesen.“

„Unser Zwischenfazit ist bewusst differenziert“, sagt Klein. „Diese Bundesregierung ist gegenwärtig mit vielen internationalen Krisen konfrontiert. Aber hohe Strompreise, langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren, überbordende Berichtspflichten, steigende Arbeitskosten und eine im internationalen Vergleich hohe Steuerbelastung sind keine Naturereignisse. Das sind politische Stellschrauben. Genau hier erwarten die Unternehmen mehr Tempo.“

Handwerk und IHK: „Brauchen jetzt verlässliche Umsetzung statt neuer Ankündigungen“

Die Handwerkskammer (HWK) und die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund ziehen ebenfalls eine Zwischenbilanz. Diese fällt etwas verhaltener, aber ebenfalls ernüchtert aus.

Foto: Roland Klein (l.), Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, und Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund. Bildrechte: © Handwerkskammer Dortmund

Viele Signale zielten auf eine wirtschaftspolitische Neujustierung. Spürbare Entlastungen und Strukturreformen kommen aus Sicht der Betriebe in der Region jedoch zu langsam und zu kleinteilig. Investitionen würden weiterhin zurückgehalten, und die Unsicherheit über Kosten, Auflagen und Verfahren bleibe hoch.

Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 hatten HWK Dortmund und IHK zu Dortmund gemeinsam eine wirtschaftspolitische Kehrtwende gefordert: Energiewende, digitaler Wandel und die Sicherung der Ausbildung müssten entschlossen angegangen werden, damit Betriebe wieder Planungssicherheit gewinnen und Wachstum möglich wird.


Was angekündigt wurde – und was bei den Betrieben ankommt

Die Bundesregierung hat zum Start hohe Erwartungen geweckt: weniger Bürokratie, mehr Investitionen, schnellere Verfahren und ein „Neustart“ für die Wirtschaft. Aus Sicht von Handwerk und Handel zeigt sich nach einem Jahr:

Bürokratieabbau & schnellere Verfahren: Die Richtung stimmt in der Kommunikation, in der betrieblichen Praxis fehlen jedoch vielerorts konsequent wirksame Vereinfachungen, insbesondere bei Nachweis- und Berichtspflichten sowie bei Genehmigungs- und Planungsverfahren. Neue Regelungen, zum Beispiel das Tariftreuegesetz, bringen zusätzlich neue Bürokratie mit sich.

Energie & Kostenbelastung: Viele Betriebe sehen weiterhin hohe Energie- und Standortkosten als Investitionsbremse. So gilt beispielsweise die Stromsteuersenkung zwar für die Industrie, jedoch nicht für Handwerksbetriebe und Privathaushalte.

Steuern und Entlastungen: Eine Senkung der Körperschaftssteuer ist für viele Handwerksbetriebe unerheblich, da sie an Personenunternehmen vorbei geht und zwei Drittel der Handwerksbetriebe als solche organisiert sind. Die kurzfristigen Entlastungsprämien stellen für Betriebe eher einen neuen Kostenpunkt dar.

Fachkräfte & Ausbildung: Die Sicherung der Ausbildung und die Fachkräftesicherung bleiben Kernaufgaben. Die geplante „Migrationswende“ durch Rückführungen und erschwerte Asylverfahren kostet die Betriebe wertvolle Fachkräfte.
Arbeitszeit & Rente: Statt des Acht-Stunden-Tages soll eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festgelegt werden, was Betrieben Flexibilität bieten kann. Das Rentenalter steigt, wobei das Rentenniveau konstant gehalten werden soll.

Gesundheit: Erstmals wurde der Mutterschutz für Selbstständige in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Geplant sind mehrere Maßnahmen, die Finanzierung ist jedoch noch unklar. Die Reform des Krankenkassensystems lässt Beschäftigungskosten steigen.

Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund: „Wir brauchen Maßnahmen, die nicht nur kurzfristige Effekte erzielen, sondern langfristige Perspektiven für den Mittelstand schaffen. Dazu gehören schnellerer Entscheidungen, weniger Bürokratie, die Senkung von Steuern und Abgaben, die Reduzierung von Energiekosten und die Förderung der Fachkräfteausbildung.

Viele Betriebe stehen wegen der hohen Lohnnebenkosten unter Druck, und den Beschäftigten bleibt vom Gehalt spürbar weniger übrig.

Vor allem Jüngere, auch unsere Auszubildenden sowie junge Mitarbeiter blicken mit wachsender Skepsis auf die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Zugleich brauchen ältere andwerker nach Jahrzehnten im Beruf Planungssicherheit und Verlässlichkeit.“

Roland Klein, Präsident der IHK zu Dortmund: „Handel und Industrie brauchen nach einem Jahr vor allem eines: Verlässlichkeit. Ankündigungen helfen nur dann, wenn sie schnell in spürbare Entlastungen übersetzt werden – bei Bürokratie, Kosten und Verfahren. Unsere Unternehmen wollen investieren, ausbilden und wachsen. Dafür muss die wirtschaftspolitische Kehrtwende jetzt im Alltag ankommen.

In Bezug auf die gerade beschlossenen Eckpunkte für den Haushalt 2027 bleiben Betriebsinhaber und Unternehmer, die in den Standort Deutschland investieren sollen, weiterhin völlig im Ungewissen. Es ist allgemein bekannt, dass die Schulden von heute die Steuererhöhungen von morgen sein können.“

HWK und IHK: Zweites Regierungsjahr muss „spürbar“ werden

HWK Dortmund und IHK zu Dortmund fordern für das zweite Regierungsjahr klare, überprüfbare Fortschritte:

– Bürokratieabbau mit messbaren Entlastungen, weniger Nachweispflichten, digitale Verfahren, schnellere Genehmigungen.
– Wettbewerbsfähige Energie- und Standortkosten, damit Investitionen wieder anlaufen.
– Fachkräfteoffensive, die Ausbildung stärkt und Zuwanderung sowie Integration in den Arbeitsmarkt praxistauglich beschleunigt.

„Eine wirtschaftspolitische Kehrtwende gelingt nicht über Ankündigungen, sondern über Umsetzung und die muss bei den Betrieben im Alltag ankommen“, betonen beide Kammern.

Diese Pressemitteilung und weitere Informationen finden Sie übrigens auch im Internet unter hwk-do.de.

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