Mitten in der Nacht lärmten in einer Unnaer Wohnstraße große Baumaschinen los. Die Nachbarschaft der Danziger Straße stand buchstäblich senkrecht im Bett.
Auf einem Baugrundstück dort errichtet die Aktion Mensch derzeit ein inklusives Wohnquartier. Wir berichteten HIER.
Auf seiner Suche nach dem Verantwortlichen, der das nächtliche Getöse erlaubt hatte, erlebte Anwohner Stefan Brückner ein klassisch deutsches Behördenwirrwarr.
Zunächst wandte er sich an die Polizei. Die wollte mal nachschauen, dann kam nichts mehr.
Als Nächstes schrieb Brückner die Stadt Unna an. Ordnungsamtsleiterin Heike Güse erklärte sich als für Erlaubnisse für nächtliche Bauarbeiten als nicht zuständig, verwies an die Bezirksregierung Arnsberg.
Diese rief auf Anfrage des Rundblicks unverzüglich zurück und erklärte sich als nicht zuständig, das sei der Kreis.
Die Kreisverwaltung wiederum gab unserer Redaktion auf schriftliche Anfrage postwendend Rückmeldung: Dieser Lärm war nicht erlaubt.
„Für die Genehmigungen von Nachtarbeit ist die Kreisverwaltung zuständig“, bestätigte Kreissprecher Max Rolke die Auskunft der Bezirksregierung.
„Von 22 bis 6 Uhr sind grundsätzlich Betätigungen verboten, welche die Nachtruhe zu stören geeignet sind.
Ausnahmen von diesem Verbot können zugelassen werden, wenn die Ausübung der Tätigkeit während der Nachtzeit im öffentlichen Interesse oder im überwiegenden Interesse eines Beteiligten liegt. Grundlage dazu bildet der § 9 des Landes-Immissionsschutzgesetzes.“
Im Fall des Baulärms an der Danziger Straße habe die zuständige Untere Immissionsschutzbehörde im Sachgebiet „Gewerblicher Umweltschutz und Abfallwirtschaft“ keine Genehmigung erteilt, erklärt Rolke.
„Es lag bisher auch keine Beschwerde vor. In der Nacht ist die örtliche Polizeidienststelle zuständig.“
Der Kreissprecher leitete die Beschwerde des Anwohners an die Untere Immissionsschutzbehörde weiter. „Die Kolleginnen und Kollegen sehen sich das an, treten in Kontakt mit dem Baustellen-Betreiber und würden gern auch Kontakt zum Beschwerdeführer aufnehmen.“
Dieser sieht sich in seiner Vermutung bestätigt und dankte unserer Redaktion fürs Recherchieren.
Zuvor hatte Stefan Brückner mehrfach versucht, eine zuständige Stelle für diesen aus seiner Sicht durchaus ungewöhnlichen Vorgang zu finden.
Die betreffende Baustelle liegt an der Danziger Straße, wo die Aktion Mensch und das DRK derzeit vier Häuser für inklusives Wohnen errichten.
In der Nacht auf Montag, den 14.09.2026, fanden dort ab ca. 23:15 Uhr über einen Zeitraum von etwa zwei bis drei Stunden umfangreiche Bau- bzw. Anlieferungsarbeiten statt, berichtet Brückner.

„Dabei handelte es sich keineswegs um einzelne leise Tätigkeiten. Unter anderem waren eine Rüttelplatte, mehrere Fahrzeuge bzw. LKW sowie zahlreiche Personen im Einsatz. Es wurden Materialien beziehungsweise Schutt bewegt und abgeladen. Die Arbeiten waren entsprechend deutlich im Wohngebiet wahrnehmbar.“
Noch in derselben Nacht rief der Anwohner deshalb die Polizei über die örtliche Dienststelle an, „ausdrücklich nicht über den Notruf 110.“ Auf seine Nachfrage, ob überprüft werden könne, ob für diese nächtlichen Arbeiten überhaupt eine entsprechende Genehmigung vorliege, sei jedoch keine Kontrolle veranlasst worden. Dies bestätigte Polizeipressechef Bernd Pentrop unserer Redaktion auf Nachfrage mit der Auskunft, es habe „keine Feststellungen“ gegeben.
Am Montag wandte sich Stefan Brückner an die Stadt Unna. „Nach mehreren Telefonaten und Weiterleitungen wurde mir schließlich eine vermeintlich zuständige Stelle genannt. Diese habe ich am Dienstag erreicht. Dort wurde mir wiederum mitgeteilt, dass man für die Angelegenheit nicht zuständig sei, da es sich um eine private Baustelle handele. Ich solle mich bei nächtlichen Störungen an die Polizei wenden.
Damit war ich nach mehreren Gesprächen im Ergebnis wieder exakt am Ausgangspunkt angekommen.“
Da es sich bei mehrstündigen, lärmintensiven Bauarbeiten mitten in der Nacht in einem Wohngebiet aus Brückners Sicht nicht um einen Vorgang handeln sollte, bei dem sich dauerhaft keine zuständige Stelle feststellen lässt, bat der Anwohner schließlich um eine schriftliche Klärung folgender Fragen:
- Lag für die Arbeiten auf der genannten Baustelle in der Nacht vom 13.09. auf den 14.09.2026 eine Ausnahme- oder Sondergenehmigung für nächtliche Bauarbeiten vor?
- Falls ja: Welche Stelle hat diese Genehmigung erteilt und für welchen Zeitraum beziehungsweise welche Tätigkeiten galt sie?
- Falls keine entsprechende Genehmigung vorlag: Welche Behörde bzw. Stelle ist für die Prüfung und gegebenenfalls Ahndung solcher nächtlichen Bauarbeiten zuständig?
- An welche konkrete Stelle sollen sich Anwohner wenden, wenn vergleichbare Arbeiten erneut mitten in der Nacht stattfinden?
Brückner betont:
„Mir geht es ausdrücklich nicht darum, notwendige Bauarbeiten grundsätzlich zu verhindern. Ich halte es allerdings für selbstverständlich, dass mehrstündige lärmintensive Arbeiten ab etwa 23:15 Uhr in einem Wohngebiet entweder auf einer entsprechenden rechtlichen Grundlage erfolgen oder andernfalls eine Behörde für deren Überprüfung zuständig ist.
Besonders irritierend finde ich daher weniger, dass die Arbeiten stattgefunden haben, als vielmehr die Tatsache, dass mir bislang weder Polizei noch Stadt verbindlich sagen konnten, wer die Rechtmäßigkeit solcher Arbeiten überhaupt überprüft.“
Inklusives Wohnquartier an der Danziger Straße

An der Danziger Straße in Unna beginnt die Aktion Mensch ab Ende 2025 mit dem Bau eines inklusiven Wohnquartiers. Gemeinsam mit dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) lud die Sozialorganisation in dieser Woche Gäste aus Kreis- und Kommunalpolitik, Sozialwesen sowie interessierte Bürger und Netzwerkpartner ein, um über den aktuellen Planungsstand und die Hintergründe des innovativen Konzepts zu informieren.
Gelebte Inklusion im Sinne der Selbstbestimmung und Teilhabe
Mit dem nachhaltig konzipierten Wohnquartier schafft die Sozialorganisation modernen barrierefreien Wohnraum in zentraler Lage mit guter Verkehrsanbindung und Möglichkeiten der Nahversorgung.
Auf vier Häuser verteilt sollen rund 30 Wohneinheiten für Menschen mit und ohne Behinderung entstehen, darunter drei inklusive Wohngemeinschaften.
Mit dem Bau des Wohnprojekts reagiert die Aktion Mensch auf den eklatanten Mangel und den steigenden Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und fördert gleichzeitig die inklusive Stadtentwicklung in Unna. Mit einer Fertigstellung ist bis Ende 2027 zu rechnen.
In dem Wohnquartier sollen Wohngemeinschaften mit bis zu 16 Wohneinheiten für Menschen mit und ohne Assistenzbedarf ihren Platz finden – unter anderem für Studenten, Auszubildende, Berufstätige oder Senioren.
Das in enger Zusammenarbeit mit dem DRK-Kreisverband Unna und WOHN:SINN entwickelte Konzept der inklusiven Wohngemeinschaft sieht vor, dass die Mieter ohne Assistenzbedarf ihre Mitbewohner im Alltag unterstützen, beispielsweise im Haushalt oder in der Freizeit. Die Ausübung der Assistenzleistungen erfolgt nach vorheriger professioneller Anleitung.
„Mit unserem inklusiven Quartier in Unna schaffen wir den so dringend benötigten barrierefreien, nachhaltigen Wohnraum – und mehr: ein zukunftsweisendes Wohnkonzept.
Menschen mit und ohne Behinderung, Familien oder Senioren leben in diesem wunderschönen, stadtnahen Areal zusammen, mit Rückzugsmöglichkeiten und zugleich als Teil eines lebendigen Miteinanders. Wir freuen uns, diesen Ort der Begegnung nun umsetzen zu können“,
schwärmt Armin v. Buttlar, Vorstand der Aktion Mensch.
Ein Zuhause für alle: Inklusives Wohnen im nachbarschaftlichen Miteinander
Weiterhin sollen barrierefreie Wohnungen gebaut werden, die sich an junge Familien mit Kindern mit und ohne Behinderung, Alleinstehende sowie Paare richten. Und auch die Nachbarschaft wird einbezogen:
Ein Concierge-Service und ein inklusives Café, großzügige Außenanlagen mit Grillplätzen und Flächen für Obst- und Gemüseanbau sowie ein Bouleplatz tragen zu einem lebendigen Quartiersleben bei. Ergänzt wird das Konzept durch Mehrzweckräumlichkeiten für Veranstaltungen oder gemeinschaftliche Aktivitäten.
„Für uns ist dieses Projekt ein wichtiger Schritt in eine inklusivere Zukunft. Wir setzen hier, mitten in Unna, ein klares Zeichen für Teilhabe und Vielfalt und freuen uns, gemeinsam mit der Aktion Mensch ein Quartier zu schaffen, das allen Menschen offen steht“, kommentiert Johann Härtling, Vorstand des DRK-Kreisverbands Unna.
Der Entwurf des Gebäudekomplexes stammt vom Unnaer Architekten Michael Deterding.
































