„Ihr berichtet nicht objektiv“: Wenn diese Kritik zum selben Thema von beiden Seiten gleichzeitig kommt

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Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Community,

unsere Redaktion hatte und hat den Selbstanspruch, grundsätzlich objektiv und möglichst neutral über aktuelle Geschehnisse zu berichten. Ein Bericht hat per se neutral zu sein. Wenn wir zu einem Thema Position beziehen, dann kennzeichnen wir den Beitrag eindeutig als Kommentar mit dem jeweiligen Verfassernamen.

Unsere Berichte über die aktuellen Großkundgebungen gegen die AfD an diesem Wochenende haben uns nun in die kuriose Situation gebracht, dass zu zwei Artikeln zum selben Thema – die Kundgebung „für Demokratie und Vielfalt“ in Unna und die objektiv zu hinterfragende Rolle des Bürgermeisters als Demo-Aufrufer und -Redner – Vorwürfe kamen:

„Ihr berichtet nicht neutral.“ Und diese Vorwürfe kamen aus beiden politischen Richtungen.

Beim Bericht über die Demo selbst, der aus einer Bilderserie, einem Video, einigen Redeauszügen und dem Hinweis auf mehrere Tausend Teilnehmer bestand, beschwerte sich ein Leser über „mangelnde Objektivität“, weil die Kundgebung aus seiner Sicht „politisch gesteuert“ sei und dies im Artikel so benannt werden müsse, damit er „objektiv“ sei.

Wir antworteten ihm, dass Meinung und persönliche Einschätzung nichts in einem „Bericht“ zu suchen haben. Die Argumentation wurde zurückgewiesen.

Ein weiterer Kommentarschreiber regte sich auf unserer Facebookseite darüber auf, dass wir aus Redebeiträgen die Begriffe „deportieren“ und „Deportation“ zitierten und auch in die Überschrift übernahmen – mit Ausführungszeichen gekennzeichnet. Dieser Leser schrieb uns fälschlicherweise ein Zitat als „Behauptung“ zu und kritisierte das entsprechend als nicht objektiv. Auch ihn konnten wir nicht überzeugen.

Zwei andere Leser wiederum monierten, dass wir überhaupt über diese und die anderen Demos berichteten. Auch das sei „nicht neutral“, denn ständig gehe es „gegen die AfD, auch bei euch“.

Der gleiche Vorwurf, diesmal aber aus der anderen politischen Richtung, kam sehr massiv bei unserem zweiten Bericht über die Kundgebung, in dem wir – aus unserer Sicht sachlich und auf Fakten konzentriert – die Neutralitätspflicht des Unnaer Bürgermeisters thematisierten und entsprechend kritisch hinterfragten, ob sich mit dieser Neutralitätspflicht der Bürgermeisteraufruf zur Demoteilnahme auf der städtischen Homepage und mit seiner Rolle als Redner auf der Kundgebung vereinbaren ließ.

Zumal er sich in dieser Rede für ein Verbotsverfahren aussprach. Auch übernahm er in seiner Ansprache den historisch schwer belasteten Begriff „deportieren“, von dem bisher lediglich vermutet wird, dass er bei dem „Geheimtreffen“ mit Rechtsradikalen und AfD-Politikern im November in einer Potsdamer Villa fiel.

Allein auf die Thematisierung dieser Problematik reagierten einige Leser ausgesprochen verärgert.

Einzelne rückten uns in Kommantaren unverhohlen in AfD-Nähe („Danke, dass ihr jetzt gezeigt habt, wo ihr steht“ – auf unsere Bitte an die Userin, das zu begründen, kam nichts mehr).

Andere kritisierten das Thema als „aufgebauscht“ oder gar „überflüssig“, da diese Kundgebung schließlich dem „dringend nötigen gemeinsamen Kampf gegen rechts“ gedient habe und alles andere ja wohl nebensächlich sei. Mit anderen Worten, der Bürgermeister darf gern eine mögliche Pflichtverletzung begehen, wenn es denn nur der „richtigen Sache“ dient.

Noch deutlicher wurde diese Vorstellung von Objektivität in einer Diskussion, die wir mit einer Leserin auf Facebook führten, nachdem diese bemerkt hatte: „Ihr seid überhaupt nicht neutral“:

Als wir sie um eine Begründung für ihren Eindruck baten, antworte sie: „Alle seriösen Medien schreiben gegen die AfD. Nur ihr bekommt das offenbar nicht hin.“

Diese Leserin setzte „Haltungsjournalismus“, der mit der Berichterstattung zugleich wertet und eine Meinung vorgibt, mit Objektivität gleich. Aus dieser Position heraus empfand sie – nachvollziehbar – jeden Bericht, der nicht explizit „gegen die AfD“ gerichtet war, als „pro-AfD“.

Wir möchten dazu Folgendes festhalten.

  • Wenn in Unna mehrere Tausend Menschen zusammenkommen und gegen die AfD demonstrieren, dann berichten wir das.
  • Wenn der Unnaer Bürgermeister im Rahmen dieser Veranstaltung gemäß Beamtenrecht seine Neutralitätspflichten verletzt, berichten wir das.
  • Wenn bei Kundgebungen in Unna aus der NS-Zeit belastete Begriffe wie „Massendeportationen“ durch Lautsprecher schallen, berichten wir das und vermerken es als Zitat.
  • Wenn ein heimischer Bundestagsabgeordneter die AfD bei einer Podiumsdiskussion als „von vorne bis hinten rechtsextremistisch“ bezeichnet, berichten wir das und kennzeichnen es ebenfalls als Zitat.
  • Und ebenfalls berichten wir auf der Basis von Fakten, wenn ein konservativer Selmer Kommunalpolitiker, der sich gegen ein Verbot der AfD ausgesprochen hat und der Werteunion nahe steht, Opfer einer wahrscheinlich politisch motivierten Vandalismusattacke wird und wenn bei einer „Demo für Demokratie und Vielfalt“ in Schwerte einige Gewalttäter einen Infostand der AfD demolieren.

Und jeder Leser und jede Leserin kann, soll und möge sich dazu jeweils eine eigene, ganz und gar subjektive Meinung bilden.

Wir danken allen unseren Leserinnen und Lesern für jederzeit konstruktive Kritik mit dem Ziel einer ausgewogenen Berichterstattung.

Herzliche Grüße, Ihre Redaktion des Rundblicks Unna.

9 KOMMENTARE

  1. Die Vizechefin von Correctiv hat beim Presseclub erklärt, das Correctiv selber das Wort „Deportation“ nicht benutzt hat, sondern es später von der Presse hinzugedichtet wurde. Wer also davon spricht, das beim Treffen nachweislich von „Deportationen“ gesprochen wurde, verbreitet anscheinend Fakenews. Wer sich darüber echauffiert, wenn journalistisch darauf hingewiesen wird, hat seltsame politische Absichten.

    • Deshalb haben wir auch darauf hingewiesen, dass dieses Wort im Correctiv-Bericht selbst nicht auftauchte, Schmunzler. Sie finden auf Ausblick am Hellweg auch noch einen Extrabericht dazu.

  2. Wir stecken mitten im Kulturkampf, natürlich versucht jede Seite Medien für sich zu vereinnahmen. Das ist nur logisch und natürlich, gute Journalisten sollten sich immer an folgenden Zitat von H.J. Friedrichs orientieren:“Einen guten Journalisten erkennt man daran, […] dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“.

    So funktioniert objektive Berichterstattung, alles andere ist nur Propaganda.

  3. […] Das Phänomen, dass für den „gemeinsamen Kampf“ für das propagierte Richtige, in diesem Fall „den Kampf gegen Rechts“, auch Falschbehauptungen gestattet sind und jeder Hinweis darauf als „Pro AfD“ verurteilt wird, ist auch unserer Redaktion nicht neu.  Zum Thema objektive Berichterstattung haben wir am Sonntag auf Rundblick Unna eine Stellungnahme in eigener Sache verfasst. Sie ist HIER nachzulesen und fügt sich nahtlos in den oben geschilderten Vorfall ein.  […]

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