#Archiv: Coronakontrolle in Privatwohnungen? Interview mit Unnas Ordnungsamt-Chefin

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Corona, Kontaktbeschränkungen - Symbolbild Pixabay

Im Frühjahr sorgte die sogenannte Bundesnotbremse mit nächtlichen Ausgangssperren und privaten Kontakrverboten für heftige kontroverse Diskussionen: wie weit darf und soll der Staat in die Privatsphäre seiner Bürger eingreifen? Mit der jetzt neuen Coronaschutzverordnung sind am 28. Dezember abermals Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten, die vor allem für Ungeimpfte noch stärker reglementieren und gemäß Verordnung auch im privaten Wohnzimmer gelten.

Wir beleuchteten dieses Thema ausführlich in DIESEM Artikel.

Klopft das Ordnungsamt also jetzt an den Türen von Wohnhäusern, zählt die anwesenden Personen und überprüft, wer nicht dabei sein darf? Darüber sprachen wir voriges Jahr mit Unnas Ordnungsamtsleiterin Heike Güse. Aus aktuellem Anlass hier Auszüge aus dem Interview noch einmal.

RB: Frau Güse, finden Sie Ausgangssperre eigentlich gut?

Heike Güse: Zum einen halte auch ich persönlich Ausgangssperren für unverhältnismäßig. Zum anderen müssen wir unter Umständen genau diejenigen Menschen bestrafen, die sich in der Regel an die Coronabeschränkungen halten und sich z. B. mit einem abendlichen Spaziergang lediglich einige Freiräume verschaffen wollen. Zudem ist es ohnehin schwierig, Hotspots für Ansteckungen ausfindig zu machen, wo wir gezielt eingreifen könnten. Daher halte ich die Ausgangssperre für ein Mittel, zu dem man greifen kann, das nicht wirklich zielführend ist.

RB: Wie sind Ihre Erfahrungen nach der Einführung der Ausgangssperre?

Heike Güse: Was wir – auch nach Rücksprache mit der Polizei – feststellen können, ist, dass sich die Menschen in Unna daran halten. Heißt, es gab bisher keine nennenswerten Vorfälle.

RB: Ein sehr heikler Passus in der neuen Verordnung ist, dass sie – anders als alle bisherigen Coronaschutzverordnungen des Landes NRW –  auch im Privatraum greift.  Klopfen Ihre Ordnungskräfte jetzt an den Türen der Bürger an und betreten zur Kontrolle deren Wohnungen?

Heike Güse:
Auch wenn wir durch die neue Gesetzgebung dazu legitimiert sind, wollen wir das nicht. Mit den Ausnahmen, die schon früher galten – wenn wir z. B. aufgrund eines Notfalls gerufen werden und zur Abwendung von Gefahren dringend in die Wohnung müssen. Dann betreten wir sie.  Von solchen Notsituationen aber abgesehen respektieren wir  den Wohnraum der Bürger weiter als vom Grundgesetz geschützten Raum.

RB: Gibt es irgend etwas, das Ihnen in der aktuellen Situation besondere Sorgen macht?

Heike Güse: Da nenne ich mal unsere Obdachlosen, wo ich mir ein kontrolliertes Herangehen wünsche. Es wäre schön, wenn man für diesen Personenkreis Bereiche finden würde, wo sie weder sich noch andere in Gefahr bringen. Momentan versuchen wir, schon einmal rasche Impftermine zu bekommen, um Ansteckungsgefahren zu vermeiden.

Und dann sind da natürlich unsere Kinder zu nennen. Kinder wollen ihre Familie und auch Freunde treffen. Es fehlt das „ mal eben“, also mal eben ein Eis essen oder spielen gehen. Ich finde das total schlimm.

Natürlich kann man noch viele andere Menschen nennen, unsere Senioren z.B., die allein sind. Einfach keine schöne Zeit!

RB: Wie fühlen sich Ihre Mitarbeiter?

Heike Güse: Ich muss einfach sagen, dass wir ein klasse Team und füreinander da sind. Das erleichtert vieles. Natürlich gibt es viele Beschimpfungen von Passanten, aber die Kollegeninnen und Kollegen sind rechtlich gut ausgebildet, was einige Dinge vereinfacht.

Und selbstverständlich erkennen wir auch sofort, ob wir es mit Extremverweigerern zu tun haben oder mit Menschen, die durch die Vielzahl neuer Vorschriften einfach verunsichert sind. Ich bekomme am Tag gut 100 bis 300 Anrufe, in denen ich gefragt werde, was eigentlich gerade erlaubt und was verboten ist.  Das geht von der Kindergeburtstagsparty über die Abi-Feier bis zur Frage, ob man im Auto Masken tragen muss.

Neben Corona gibt es dann ja auch noch unsere „normale“ Tätigkeit,  und es kommt nicht selten dazu, dass wir gefragt werden, warum wir „während Corona“ Knöllchen verteilen.

Für mich ist außerdem wichtig, dass meine Kollegen sich nicht Gefahr bringen, zur Not holen wir dann die Polizei mit ins Boot. Und auch bei Beschwerden über einzelne Mitarbeiter stellt sich im Nachhinein meistens heraus, dass sich Dinge ganz anders abgespielt haben, getreu dem Motto, vier Personen – vier unterschiedliche Meinungen.

RB: Was wünschen Sie sich persönlich?

Heike Güse: Ich wünsche mir, dass wir kein Corona mehr haben (lacht) und das mein Team auch weiterhin so gut zusammen arbeitet wie bisher. Ein weiterer Wunsch ist natürlich auch, dass es zukünftig nicht mehr so viele Einschnitte in unser Leben gibt und endlich wieder Feste stattfinden. Also: Ich wünsche uns unser normales Leben zurück!


Mit der Ordnungsamtleiterin sprach Verlagsleiter Frank Kuhlmann.

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