Anzeige für einsamen Spaziergänger, Joggen mit Maske: Aerosol-Experten warnen vor sinnfreier Symbolpolitik

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Fahrradfahren, hier auf dem Henrichsknübel in Fröndenberg. Foto: RB

Ein einsamer Spaziergänger, der samstagabends gegen 23 Uhr an einer Talsperre im Märkischen Kreis eine Anzeige kassiert – weil er eben spätabends mutterseelenallein spazierengeht.

„Seine Erklärung, ihm sei ,die Decke auf den Kopf´ gefallen, zählte …. nicht“, unterstreicht die Polizei die Konsequenz ihres Tuns.

Diese und weitere Meldungen aus den umfangreichen „Ausgangssperren-Einsatzberichten“ der Märkischen Polizei vom vergangenen Wochenende (Rundblick berichtete) sorgte bei unseren Leserinnen und Lesern für heftige Diskussionen und kaum noch für Verständnis.

Selbst die erklärterweise sonst gutwilligsten Befolger oder auch Befürworter der Corona-Maßnahmen erklärten offen: Hier sei der Punkt erreicht, an dem es ihnen zu weit gehe mit der Kontrolle und Reglementierung der Bürger.

So verhängten Streifenpolizisten z. B. Ordnungswidrigkeitenanzeigen, weil Menschen sich abends noch eine Pizza holten, zu dritte einen Joint rauchten (die Anzeige gab es nicht wegen des Joints, sondern wegen des Verstoßes gegen die Ausgangsbeschränkung), an eine Vierergruppe, die um ein Lagerfeuer tanzte, und eben gegen besagten einsamen Spaziergänger an einer Talsperre.

Auf dem Hintergrund der von der Bundesregierung per Infektionsschutzgesetz geplanten nächtlichen Ausgangssperren schon ab 7-Tages-Inzidenz 100 (der Kreis Unna liegt am zweite Tag in Folge bei über 145) warnen heute (12. April) Experten für Aerosole vor einer Symbolpolitik in der Corona-Krise.

Statt Debatten über Biergärten zu führen, sollten vielmehr strikte Maßnahmen in Innenräumen ergriffen werden – dort herrsche die höchste Gefahr einer Ansteckung.

„Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert“, heißt es in einem Brief an Bund und Länder. Es gelte als sicher, dass sich das Virus vor allem über Luft verbreite.

„Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt“, kritisieren die Verfasser. Maßnahmen müssten nicht draußen ergriffen werden, sondern in Büros, Klassenzimmern und Wohnanlagen.

In Innenräumen könne nämlich auch dann eine Ansteckung stattfinden, wenn sich ein Infektiöser vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten habe. Dazu sei Kontakt gar nicht erforderlich.

Debatten über Joggen mit Maske oder das Verbot abendlicher einsamer Spaziergänge oder Radtouren seien schlicht kontraproduktiv. Im Freien liege die Übertragung von Covid-Erregern im Promillebereich. Auch würden im Freien nie größere Gruppen – sogenannte Cluster – infiziert, wie etwa in Schulen oder Pflegeheimen.

„Ausgangssperren verhindern keine Treffen drinnen“

Auch die Ausgangssperren halten die Wissenschaftler eher für kontraproduktiv:

„Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen.“

Und weiter:

„In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen.“

Die Ausgangsbeschränkungen sollen bekanntlich unterbinden, dass sich Menschen ab einer bestimmten Tageszeit überhaupt treffen. Die Aerosol-Experten raten alternativ dazu,

„Treffen in Innenräumen so kurz wie möglich zu gestalten, mit häufigem Stoß- oder Querlüften Bedingungen wie im Freien zu schaffen, effektive Masken in Innenräumen zu tragen sowie Raumluftreiniger und Filter überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten müssen – etwa in Pflegeheimen, Büros und Schulen“.

Werde das entsprechend kommuniziert, „gewinnen damit die Menschen in dieser schweren Zeit zugleich ein Stück ihrer Bewegungsfreiheit zurück.“

Zu den Unterzeichnern zählen der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, Christof Asbach, Generalsekretärin Birgit Wehner und der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch.

Quellen: Kreispolizei MK / Rundblick Archiv / FAZ.net

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