„Maximale Kontaktreduktion“ – Doch Polizei setzt bei Veranstaltungen weiter auf Präsenz

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Die Polizeiwache Unna. / Archivbild RB

Aufgrund der Corona-Pandemie ist es mehr denn je (aufgrund der wieder steigenden Zahlen) geboten, Abstand zu halten: Soziale Kontakte sollen wo immer es geht vermieden werden, zwischenmenschliche Begegnungen sind, wo immer möglich, digital zu gestalten. So war noch z. B. bis zum 12. März in den weiterführenden Schulen ausschließlicher Distanzunterricht geboten (ab Montag greift ein Wechselmodell).

Die Coronaschutzverordnung NRW regelt diesen (für die Infektionsentwicklung maßgeblichen) „Faktor menschliche Kontakte“ zum einen in Par. 1 Absatz 5: Laut diesem waren private Treffen in der Öffentlichkeit noch bis zum 7. März 2021 lediglich mit einer weiteren Person aus einem anderen Hausstand erlaubt, seit dem 8. März dürfen es wieder bis zu 5 sein.

Doch sollte man laut beständiger Appelle der Politik und der Virologen möglichst weiter auf Kontakte verzichten, auch in den eigenen vier Wänden, in denen die Coronaschutzverordnung NRW nicht greift.

Auch das Berufsleben soll möglichst kontaktarm gestaltet werden: Dies regelt das Land NRW mit einer eigenen Verordnung zum Arbeitsschutz, nach der auch am Arbeitsplatz „maximale Kontaktreduktion“ geboten ist und wo immer möglich digitale Alternativen in Form von Home Office gewählt werden sollen.

Persönliche Begegnungen sollen laut dieser Verordnung auf „unvermeidbaren Kontakt“ beschränkt bleiben, selbstverständlich sind in diesen unvermeidbaren Fällen medizinische Masken zu tragen.

Corona-Arbeitsschutzverordnung in Kurzform – Quelle: Bundesregierung

Ausgerechnet in der sich gerade wieder zuspitzenden Situation mit steigenden Inzidenzen und Fallzahlen richtete nun ausgerechnet die Landesbehörde „Polizei NRW“ in der vergangenen Woche eine üppige Zahl von Präsenzveranstaltungen aus:

Jede der rund 50 Polizeibehörden im Land stellte am Montag (8. März) ihre Kriminalitätsstatistik und am Mittwoch (10. März) ihre Verkehrsunfallstatistik vor, jeweils bezogen auf das Jahr 2020.

„Trotz Corona“ bevorzugten nur die wenigsten Polizeibehörden die Distanz in Form von Onlineformaten: Im Berichterstattungsgebiet des Rundblicks war es nur eine. Und eine andere bot nicht nur, sondern verlangte Präsenz – sonst gab es kein Foto.

Aus journalistischer Sicht nahmen sich diese beiden Statistiken, die hier zur Rede standen, nun schon vorab (erfreulich) undramatisch aus. Denn im Corona-Jahr 2020 sind sowohl die Straftaten als auch die Verkehrsunfälle deutlich zurückgegangen, dies war schon lange vorab bekannt und dürfte niemanden überrascht haben. Zudem bereiten stets alle Polizeibehörden ihre jeweiligen Statistiken umfangreich und anschaulich mit Zahlen, Grafiken und Tabellen auf und stellen sie bereits ab dem frühen Nachmittag digital zur Verfügung.

Aus all diesen Gründen sah unsere Redaktion (wie manche Kollegen anderer Medien) keine zwingende Notwendigkeit zu mehrfachen Zusammenkünften mit einer Vielzahl unterschiedlicher Haushalte.

Diese Notwendigkeit sahen die lokalen Polizeibehörden hingegen offenbar schon: Denn einzig die Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis richtete beide Pressekonferenzen digital aus und hielt sich so penibel ans Gebot ihres Dienstherrn der „maximalen Kontaktreduktion“.

Demgegenüber verweigerte der Leiter der Polizeipressestelle Unna, Bernd Pentrop, im Anschluss an die Pressekonferenz in der Polizeiwache Unna am Montagmittag jenen Redaktionen, die auf Präsenz verzichtet hatten, das (von der Polizeipressestelle angefertigte) Foto zur Statistik; es zeigt Landrat Mario Löhr und rechts und links von ihm zwei leitende Polizeivertreter, die jeweils ein ausgedrucktes Exemplar der Statistik in die Kamera halten (HIER).

Ein quasi identisches Foto ist der Verkehrsunfallstatistik beigefügt, nur dass Löhr und seine Polizeibeamten hier ein ausgedrucktes Exemplar der Unfallstatistik in die Kamera halten, was man aber nur erkennt, wenn man es weiß. Denn Corona-bedingt wird auf den Bildern natürlich Abstand gehalten.

Keine besonders spektakuläre Aufnahme also. Die wir gleichwohl (natürlich mit Quelle) zu unserem Bericht zum Kriminalitätsgeschehen hinzufügten – um, ja, irgendwie auch „unserer Polizei in Unna“ einen Gefallen zu tun, indem wir ihre Vertreter abbilden.

Statt dessen erreichte uns kurz danach die Order des Pressechefs Pentrop: Das Foto dürfe nicht verwendet werden, denn, „Sie sind ja nicht dagewesen. Wären Sie gekommen, hätten sie jetzt auch ein Foto.“ In diese Falle tappte noch mindestens ein anders Onlinemedium, das auf Präsenz bei dieser Veranstaltung ebenfalls verzichtet hatte.

Diese eigentliche Nebensächlichkeit eines unspannenden Fotos nahmen wir gleichwohl zum Anlass, einmal bei den umliegenden Polizeibehörden anzufragen:

Wie hält es die Polizei selbst in Coronazeiten eigentlich mit Präsenzveranstaltungen – wie diesen beiden Pressekonferenzen?

Dazu muss man wissen, dass sich auch die Kreisverwaltung Unna schon bei weitaus „harmloser“ Infektionsentwicklung im vergangenen Frühsommer dazu entschied, mehrere (thematisch sehr relevante) Pressekonferenzen als Telefonschaltkonferenz abzuhalten. Diese Praxis, seinerzeit noch unter Landrat Michael Makiolla, lief stets problemlos auch mit bis zu einem Dutzend Teilnehmenden ab. Mehr Pressevertreter als jeweils waren bei den beiden Polizeistatistik-Vorstellungen vorige Woche auch nicht da, eher weniger.

Folgende Anfrage stellten wir daher gleichlautend an die Polizeipräsidien Hamm und Dortmund sowie an die Kreispolizeibehörden Unna und Märkischer Kreis:

1. Aus welchen Gründen hat sich Ihre Behörde für die Präsenzform bzw. die digitale Form entschieden?

2. Bei Präsenzform: Aus welchen Gründen wurden diese in dieser akut schwierigen Zeit für unbedingt notwendig erachtet?

3. Ergänzend dazu die Frage: Sehen Sie Ihre Behörde bei dieser Entscheidung als gutes Vorbild für die Bürger, die sich bis zum Sonntag noch nicht einmal mit 2 Personen aus einem anderen Haushalt treffen durften? Was sprach gegen eine digitale Form der Pressekonferenz?

Von der Kreispolizeibehörde Unna, den Präsidien Hamm und Dortmund bekamen wir dazu folgende abgestimmte Erklärung:

„Wir haben uns für eine Präsenzveranstaltung entschieden, weil wir bei diesen Grundsatzthemen in den persönlichen Austausch mit den Journalisten gehen möchten und in der Regel auch O-Töne abverlangt und gegeben werden.

Unsere Hygienekonzepte sehen sehr strikte Regelungen zur Einhaltung des Infektionsschutzes vor und genau dazu dienen auch die Passagen in den Einladungen, die auf eine Voranmeldung hinweisen.

Natürlich müssen wir in Zeiten der sog. Aha-Reglungen den Zugang zu Pressekonferenzen beschränken. Und für alle diejenigen Pressevertreter, die nicht zu der Veranstaltung kommen können, dienen die Presseveröffentlichungen und die Veröffentlichungen des jeweiligen Berichts im Internet (PKS und VU-Entwicklung).

Aufgrund der Ausführungen zum Thema Hygienekonzept sehen wir uns zu Recht als Vorbild für die Gesellschaft. Der Polizei ist es bislang für die Dauer der gesamten Pandemie gelungen, arbeitsfähig zu bleiben und Infektionsketten innerhalb unserer Organisation frühzeitig zu unterbrechen. Und das bei einer Institution, die seit über einem Jahr der Pandemie an vorderster Stelle steht. Das macht wohl mehr als deutlich, dass das Thema „Infektionsgefahr“ hier sehr ernst genommen wird und tragfähige Konzepte auch kleinere Pressekonferenzen tragen.“

Polizei Märkischer Kreis – Foto RB

Hingegen griff der Sprecher der Kreispolizei Märkischer Kreis, Dietmar Boronowski, zum Telefonhörer und erläuterte unserer Redaktion die Entscheidung der MK-Polizei für eine Online-Pressekonferenz wie folgt:

„Wir haben uns für die Online-Form entschieden, und zwar für die Vorstellung sowohl der Kriminalitäts- als auch der Unfallstatistik.

im Vorfeld haben hier im Haus darüber diskutiert: Wie sollen wir es machen im Hinblick auf Corona?

Wir hätten z. B. im Kreishaus Iserlohn einen ausreichend großen Raum für eine solche Präsenz-Pressekonferenz zur Verfügung. Das war nicht das Problem. Doch wir haben uns gesagt: Wieso sollten wir es nicht einmal als Onlineveranstaltung versuchen?

Da, was die technischen Kapazitäten anbelangt, nichts dagegen sprach, entschlossen wir uns dazu, unseren lokalen Medienvertretern dieses Angebot einer Online-Pressekonferenz zu machen.

Denjenigen Medien, die einen O-Ton wünschten, haben wir eine entsprechende Aufnahme digital zugesandt. Und selbstverständlich konnten alle Pressevertreter/innen eventuelle offen gebliebenen Fragen im Anschluss telefonisch mit uns besprechen. Diese Möglichkeit besteht ja ohnehin immer. Wir haben der Presse unsere aufbereiteten Statistiken wie immer auch zeitnah am selben Tag auf unserer Homepage zur Verfügung gestellt.

Im Ergebnis kann ich für unsere Pressestelle sagen, dass beide Pressekonferenzen einwandfrei funktioniert haben und dass wir auf dieses Format gewiss auch bei künftigen Veranstaltungen – nicht jeder, aber bestimmt einigen – zurückgreifen werden.“

Zusatz unserer Redaktion: An Stelle eines Fotos mit Landrat und Polizeivertretern bebilderte die MK-Polizei ihre Statistik schlicht mit einer Seite aus der Statistik und einem Kugelschreiber mit Gravur „Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis“.

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