Roth bei Unnas Grünen: Darbende Kultur, schönste Männer, Politik ohne Ideologie

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Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth mit Ratskandidat Michael Sacher und Bürgermeisterkandidatin Claudia Keuchel. (Foto RB)

„Wir haben die stärksten Frauen und die schönsten Männer!“, rief Claudia Roth in die grüne Runde, meinte mit dem „wir“ die Grünen generell und ließ offen, wen sie mit den Männern meinte, neben ihr stand Buchhändler Michael Sacher. Eindeutig war hingegen, wen Roth mit den Frauen meinte, und ihre Namensschwester, Bürgermeisterkandidatin Claudia Keuchel, nahm das Stichwort auf. Sie sagte, sie trete ihre Bewerbung um dieses höchste Unnaer Amt „mit ganz viel Respekt“ an, und sie betonte, dass der neue Stadtrat („es gibt ein buntes Angebot“) allem voran eines brauche:

„Zurück zu sachorientierter Politik ohne Polemik. Manche sagen auch Ideologie.“

Für Polemik und Ideologie hatten die Grünen zuletzt meist selbst in Rat und Ausschüssen gesorgt, insofern konnte man voraussetzen, dass Keuchel, die bislang kein Mandat im Stadtrat hat, ihre eigene Partei bei ihrer mehr als berechtigten Mahnung nicht ausnahm.

Coronaregelkonform Open Air im Freibad Bornekamp veranstalteten die Grünen am Freitagnachmittag, 28. 8., eine der raren öffentlichen Wahlkampfveranstaltungen in diesem Corona-Ausnahmewahljahr. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, Unna verbunden seit den 80er Jahren, brach unter dem Thema „Sozial!Kultur im Bornekamp“ eine Lanze für eine auskömmliche Finanzierung der Kultur.

Sie zitierte die AfD im Bundestag, die Kultur an sich als „linksgrün versifft“ verhöhne und sich verblümt freue, wenn „dieses linksgrün versiffte Zeug“ aufgrund der Coronakrise endlich von der Bildfläche verschwinde. „Nein, wir verschwinden nicht!“, rief Roth kämpferisch aus und wusste natürlich, dass sie bei dem Publikum vor sich auf der grünen Wiese offene Türen einrannte.

Wie meist bei Wahlkampfveranstaltungen blieben auch beim freitagnachmittaglichen Open Air mit der prominenten Besucherin aus Berlin die Parteigänger und -anhänger weitgehend unter sich. Als einer der wenigen Nicht-Grünen mischte sich FDP-Bürgermeisterkandidat Frank Ellerkmann unter die Besucher und zeigte beim Foto anschließend mit seiner grünen Mitbewerberin, dass man sich bestens versteht und bereits per Du ist. Ein erster Schritt, ideologische Grabenkämpfe hinter sich zu lassen.

Auf Du: Bürgermeisterkandidatin Claudia Keuchel, Bürgermeisterkandidat Frank Ellerkmann. (Foto RB)

Sarah-Lee Heinrich aus dem Bundesvorstand der Grünen Jugend sagte zuvor etwas zur Wichtigkeit kultureller und sozialer Jugendangebote. Damit ist es in Unna bekanntlich nicht mehr wirklich weit her, weshalb schon mehrfach (bei Diskussionen in sozialen Medien sowied auch wieder beim Wahlkampfauftritt an diesem Freitagnachmittag) die Skaterbahn zwischen Hansastraße und Autobahn als Beispiel dafür dienen durfte, wie gute Jugendarbeit geht. Dass die Grünen jetzt vor der Wahl so plötzlich die Skaterbahn und auch die Eissporthalle für sich entdecken, mochte schon manche leise wundern, die die entsprechenden Diskussionen in den letzten Wochen verfolgten. Meist schwankt die Leser- und Kommentatorenschaft aktuell zwischen „alles Wahlkampfgetöse“ und „na ja, vielleicht ändern die Grünen ja doch noch den einen oder anderen Standpunkt.“

Den Unnaer-Grünen-Standpunkt zu ordentlicher und aufgestockter Finanzierung der Kultur wird eine Grüne Bürgermeisterin Claudia Keuchel eins zu eins adaptieren, daran lässt die Bewerberin auf ihrer Homepage keinen Zweifel offen. Anders als die Gemeindeprüfungsanstalt, die der Kreisstadt Unna das kulturelle Angebot einer Großstadt attestiert, betonen die Grünen unermüdlich: Die Kultur ist in Unna unter- und nicht überfinanziert.

Jetzt in der Coronakrise „leiden die kulturellen Einrichtungen wie z.B. die Lindenbrauerei unter finanziellen Einbußen und ringen um ihre Existenz. Da ist es umso wichtiger, dass wir Kultur nicht nur als schmückendes Beiwerk, als sogenanntes Sahnehäubchen, sondern vielmehr als integralen, unentbehrlichen Bestandteil des Lebens in unserer Stadt betrachten„, heißt es in der Einladung zur Veranstaltung im Bornekamp unmissverständlich.

Vornehmlich grünes Publikum versammelte sich auf der grünen Wiese. (Foto RB)

Es dürfe eben nicht so sein, dass für Kultur nur dann Geld gegeben werde, wenn man gerade nichts nennenswert Wichtigeres zu finanzieren habe. „Dass Beschäftigte im Kulturbereich auf ihr eh schon niedriges Gehalt verzichten, zieht sich seit Jahren wie ein roter Faden durch Unnas Kulturpolitik. Regelmäßig wird hier auf dem Rücken der Kulturschaffenden gespart. Viele Einrichtungen, mit denen sich Unna gerne schmückt, wie z.B. das Theater Narrenschiff, überleben nur durch großes ehrenamtliches Engagement und mit viel Herzblut der Beteiligten.“

In den frühen 80ern habe Claudia Roth zusammen mit Rio Reiser und Peter Möbius versucht, diesen Anspruch in Unna umzusetzen.

Sollten die Grünen bei der Wahl am 13. September 2020 in verantwortliche Positionen rücken, ist statt „weniger Geld für die Kultur“ also (deutlich) mehr zu erwarten.

Zwei Gegenpositionen nahmen unter unserer Ankündigung der Veranstaltung auf unserer Facebookseite die Ratskandidaten Sven Arnt (Wir für Unna) und Rudolf Fröhlich (CDU) ein:

Sven Arnt: Natürlich ist auch Kultur in Unna gut und wichtig, sie erreicht teilweise aber offensichtlich nicht alle Bürger und es gibt „Leuchtturmprojekte“ die sehr deutlich gefördert werden und andere Kleinkunstschaffende nicht oder nur wenig. Ich kann mich noch gut dran erinnern, dass man nur mit besten Beziehungen damals schon nen Proberaum in der Linder ergattern konnte. Im Kulturetat wurde auch nicht eingespart, da ist die Darstellung ja schlicht falsch. Es gibt tolle Angebote in Unna, ich sehe aber, grade auch im Hinblick auf die vielen anderen Bereiche in denen die Stadt überhaupt keine Angebote hat, keine Notwendigkeit da noch aufzusatteln. Ich würde mich ohnehin fragen, wie das finanziert werden soll.“

Rudolf Fröhlich: Eben. Die grüne Antwort lautete bisher: An der Kultur wird kein Euro gespart!
Damit wurden alle Diskussionen abgewürgt. Alle unsere Vorschläge wurden mit Hilfe der SPD abgeblockt. Und der aktuelle Bürgermeister hat diese Haltung ebenfalls unterstützt und nichts unternommen. Dabei gäbe es Möglichkeiten, durch den Abbau von Doppelstrukturen Kosten einzusparen ohne das Angebot zu kürzen!

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