Demütigung und Ablehnung – Sprecher der Polizeischule Selm macht Alltagsrassismus öffentlich

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Victor Ocansey mit seinen Söhnen Vincent, 19, und Leroy, 23 Jahre. (Fotorechte: V. Ocansey/via FB)

„Die Uhren standen heute zunächst auf Sonne, Musik und Strandgefühl in Münster, aber am Nachmittag auf Demütigung und Ablehnung.“

So beginnt ein Facebookpost von Victor Ocansey, Polizeibeamter aus Hamm und Sprecher der Polizeischule Selm. Er wollte am Sonntag mit seinen beiden Söhnen ein Event in Münster besuchen. Die Vorfreude war groß. Die Ernüchterung umso heftiger.

Victor Ocanseys Post sorgte auf dem Hintergrund des Themas „alltäglicher Rassismus“ für hochemotionale Diskussionen in den sozialen Netzwerken.

Hier seine Schilderung im Wortlaut (leicht gekürzt).

„Mir fällt es schwer, diese Geschichte zu teilen, zumal sie sehr persönlich ist, aber ich erachte dies im Lichte der Situation, meiner Person und Integrität als durchaus notwendig.

Alles auf Anfang: Es sollte heute ein schöner Sonntagnachmittag mit meinen beiden erwachsenen Söhnen (Vincent 19 Jahre und Leroy 23 Jahre) mit afrikanischen als auch karibischen Klängen in einem Beach Club im Münsteraner Hafenviertel werden. Mein Sohn Vincent hatte gestern die Idee. Ich fand diese klasse, „quality time“ mit meinen Jungs, da sage ich natürlich nicht nein und bestellte sogleich drei Tickets für jeweils rund 20,00 Euro online. RnB-, Dancehall-, Reggae-, Reggaeton- and Latin- Music: Die Werbung auf Facebook versprach einen bunten Event und die Vorfreude war entsprechend groß.  Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass der darauffolgende Sonntag (19.07.2020) mein Scharmgefühl zu Tage fördern würde, wie ich es seit vielen Jahren nicht mehr selbst erlebt habe.

Heute Nachmittag fuhren wir schließlich die rund 60 Kilometer von Hamm nach Münster. Die Sonne schien und wir stimmten uns mit eben dieser afrikanischen und karibischen Musik auf das bevorstehende Beach-Club-Event ein … Stimmung gut, die Sonne im Herzen und in diesem Moment bereits afrikanische Pop-Klänge des Events im Ohr – einfach alles gut, prima, es konnte losgehen. …

Das „Erlebnis Türsteher“

Am Eingang angelangt, baute sich ein Türsteher vor mir auf. Er war etwa so groß wie ich, also um die 1,90 Meter, bärtig und mit breiten Schultern. Auch er trug eine Gesichtsmaske, so dass ich nicht all zu viel von seinem Gesicht und dessen Mimik erkennen konnte. Er holte Luft, der Brustkorb blähte sich auf und er sagte: „Nein, Ihr heute nicht. Habt Ihr Tickets? Wenn ja, hole ich den Veranstaltungsleiter dazu und Ihr erhaltet Euer Geld zurück! Am besten geht Ihr woanders hin!“

Ich bestätigte sofort, dass wir entsprechende Online-Tickets erworben hätten und schaute ihn irritiert an und war zweifelsohne perplex. Zu diesem Zeitpunkt lächelte ich noch etwas gequält, wenngleich man dies durch die Maske sicherlich nicht sehen konnte. Ich dachte, was für ein blöder und unangebrachter Witz und ich rechnete ganz fest damit, dass der „Scherzbold von Türsteher“, seinen Scherz nun schnell auflösen und uns Einlass gewähren würde. Mitnichten!

Im Hintergrund nahm ich eine Kassiererin wahr, meine Söhne auch wie sich später in den Gesprächen herausstellen sollte. Sie schwieg, aber verfolgte die „Konversation“. Mit Sicherheit weiß ich es nicht, aber Ihre Körpersprache verriet mir, dass ihr das Verhalten des Türstehers, Ihrer Türsteherkollegen insgesamt, peinlich war.

Da waren wir uns drei in der Nachbetrachtung einig. Es glich meines Erachtens eher einer Art Machtdemonstration.

Ich wartete mehrere Sekunden und dann suchte ich nach einer versteckten Kamera, ja wirklich(!) …

Ich fragte wiederholt nach: „Wie jetzt, was? Ich verstehe das nicht? Ist das ein Witz? Warum kommen wir nicht rein?“ Zwischenzeitlich erreichte der Veranstaltungsleiter, der durch den Türsteher herbeigeholt wurde, den Eingangsbereich…

Der Veranstaltungsleiter

Der „Chef vor Ort“ erfragte jedoch nur noch meine E-Mail-Adresse und hantierte mit seinem Handy herum, um mir die Ticketgebühren von rund 60,00 Euro via PayPal zu erstatten.

Ich bat ihn um einen direkten Austausch über das Geschehene und um die Darlegung von Gründen, die möglicherweise eine Zutrittsverwehrung rechtfertigen könnten. Er lehnte dies strikt ab und sagte: “Da kann ich nichts machen! Wenn der Türsteher das so sieht und sagt, ist es so!“ …

Der Türsteher blähte seinen Brustkorb weiter auf, stellte sich mir noch demonstrativer in den Weg und wurde verbal etwas aggressiver und versuchte unmissverständlich zu erklären, dass er mir bzw. uns keine weitere Erklärung schulde. „Es passt mit Euch einfach nicht und fertig! Ihr habt Hausverbot und ich bitte Euch, das Gelände jetzt zu verlassen.“

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich fühlte noch mehr Wut, Fassungslosigkeit und Traurigkeit und das alles auch noch vor meinen Söhnen, die beim Weggehen fragten „Und was jetzt?“.

Was jetzt? Polizei? Hmmm, ich bin doch selbst Polizist und mein Sohn Leroy obendrein

Ich rang mich zu der Entscheidung durch, die Polizei Münster mit meinem „Fall“ behelligen zu müssen und zum Ort des Geschehens zu bitten, da ich mit Blick auf die noch ausstehende Ticketrückzahlung die Personalien des Veranstaltungsleiters bzw. der Verantwortlichen in Erfahrung bringen wollte, um so notfalls ein zivilrechtliches Streitverfahren und sonstige juristische Optionen sichern zu können.

Dieser Anruf war mir unendlich peinlich, als Mensch und auch als langjähriger Polizeibeamter, aber eine andere Option gab es in diesem entscheidungserheblichen Moment für mich nicht. Noch während die Daten durch zwei freundliche Polizisten festgestellt wurden, erreichte mich plötzlich die PayPal-Rückzahlung. Grund für die verspätete Rückzahlung war lediglich ein Tippfehler bei der zuvor notierten E-Mail-Adresse, so der Veranstalter, dem ich sogar dahingehend Glauben schenke, aber darum geht es eigentlich auch überhaupt nicht.

Schweigen ist Gold, Reden ist silber? Einfach ignorieren oder davon erzählen?

Warum schreibe ich das alles hier? Ich möchte meinen desaströsen Nachmittag mit denen, die es interessiert, in aller Offenheit teilen. Polarisierung, Hetze und Ähnliches lagen und liegen mir selbstverständlich fern – immer! Ich möchte mit diesem Post auch keine etwaigen Kampagnen weiter anfachen und es wäre mir unstrittiger Weise lieber gewesen, auf einen wunderbaren Nachmittag mit meinen Lieben zurückblicken zu können. Nichts zu sagen und zu schweigen und es schlichtweg -wie in jungen Jahren – hinzunehmen .., einfach verdrängen, halte ich nach reiflicher Überlegung für falsch und wäre u.a. meinen Söhnen gegenüber ein schlechtes Signal…“

VORFALL AUF DER RNBEACH – STELLUNGNAHME DER DOCKLAND GmbH:

Die Dockland-GmbH erklärte umgehend öffentlich auf Facebook ihr Bedauern und bat um Verzeihung:

„Lieber Victor, lieber Leroy, lieber Vincent,
ich sitze gerade in Berlin wo mich eure Nachricht über unsere Social Media Abteilung erreicht. Zunächst möchte ich mich im Namen der Dockland GmbH für den Vorfall entschuldigen. Mein Vater ist Koreaner, meine Frau halbe Äthiopierin und somit stammt die Hälfte meiner Familie aus diesem wunderschönen Land. Nichts liegt mir persönlich ferner als Rassismus und kaum etwas widert mich mehr an als selbiger.

Auch wenn die Veranstaltung heute keine Veranstaltung der Dockland GmbH war, sondern eine Fremdveranstaltung wie jede RnBeach, übernehme ich als einer der Geschäftsführer der Dockland GmbH trotzdem Verantwortung und werde direkt morgen daraus Konsequenzen ziehen. Der oder die Türsteher, die euch offensichtlich nur abgewiesen haben, weil ihr eine andere Hautfarbe als die Weiße habt, wird/werden nie wieder an unserer Tür stehen.

Ebenso werde ich mich mit dem Veranstalter Vibetown über diesen Vorfall auseinander setzen, da ich prüfen muss, ob der Türsteher direkt von Vibetown gebrieft wurde oder selbstständig so gehandelt hat. Sollte der Veranstalter ebenso verantwortlich für den Vorfall sein, werden wir auch mit diesem die Zusammenarbeit unverzüglich beenden.
Wenn ihr uns nochmal eine Chance geben wollt, sind Deine Familie und Du jederzeit bei jeder unserer hauseigenen Veranstaltungen willkommen. Gerne auch auf Gästeliste inkl. Drinks, als kleine Wiedergutmachung….

Traurig, dass sowas immer noch passiert, zumal wir seit Jahren jedem Sicherheitsunternehmen was für uns tätig ist immer und immer wieder erklären, dass Hautfarbe, egal welche, niemals ein Kriterium für den Einlass darstellen darf.
Im Namen der Dockland GmbH entschuldige ich mich nochmal von ganzem Herzen bei Dir und Deinen Jungs und würde mich wie erwähnt über einen direkten Austausch in den nächsten Tagen freuen!

UPDATE:
Die agierende Sicherheitskraft wurde identifiziert und wir haben uns von ihr getrennt. Die Person wird nie wieder bei uns an der Tür stehen. Zudem werden wir in Zukunft vor jedem Event noch intensiver briefen, dass Niemand aufgrund seiner Hautfarbe abgelehnt werden darf.
Für ein weiteres Gespräch kehrt der Chef der beauftragten Sicherheitsfirma nun frühzeitig aus seinem Familienurlaub in der Türkei zurück. Dann werden weitere Schritte besprochen.“

Für Victor Ocansay war die prompte Entschuldigung ein ermutigends Zeichen:

„Das ist nach meinem Dafürhalten das richtige Signal. Mir ist auch klar, dass der Job eines/einer Türstehers/Türsteherin kein leichter ist. Es ist zweifelsohne schwierig, stets die Gesamtsituation an der sogenannten „Tür“ im Blick zu behalten. Insofern wird den jeweiligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern u.a. ein hohes Maß an Scharfsinn, Besonnenheit, aber auch Empathie und Achtsamkeit abverlangt. Sie haben entsprechende Schlüsse daraus gezogen, was ich ebenfalls begrüße und mich durchaus hoffen lässt. Darin liegen auch meines Erachtens Chancen für die Zukunft.“

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