Wenn Hilfe zu spät kommt: Frauenhäuser im Kreis unter Druck – Projekt in Bergkamen soll Gewaltopfern neue Wege eröffnen

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Das Angela Knocks-Haus an der Ebertstraße in Bergkamen ist gedacht als Übergangsort für Frauen, die Gewalt erlebt haben und nach dem Aufenthalt im Frauenhaus Unterstützung auf dem Weg in ein eigenständiges Leben benötigen. (Foto Michaela Neu)

Gewalt gegen Frauen – Projekte wie das Angela-Knocks-Haus in Bergkamen sollen Betroffenen neue Wege eröffnen:

Von unserer Mitarbeiterin Michaela Neu

Gewalt gegen Frauen bleibt auch in Deutschland ein erschreckend verbreitetes Problem. Während Frauenhäuser vielerorts ausgelastet sind, entstehen im Kreis Unna neue Projekte, die Betroffenen einen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollen – etwa das Angela-Knocks-Haus.

Es entsteht derzeit an der Ebertstraße in Bergkamen. Das Projekt soll Frauen nach einem Aufenthalt im Frauenhaus beim Neustart in ein eigenständiges Leben unterstützen.

Rückblick.

Eine 35-jährige Mutter von fünf Kindern wird auf offener Straße erstochen. Der Tatverdächtige: ihr eigener Lebensgefährte. Fälle wie dieser zuletzt in Hagen erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Gleichzeitig zeigen sie, wie präsent das Thema Gewalt gegen Frauen weiterhin ist.

Auch im Kreis Unna rückt die Frage verstärkt in den Fokus: Reichen die Hilfsangebote für betroffene Frauen aus?

Während bundesweit über neue Gesetze und zusätzliche Schutzplätze diskutiert wird, arbeiten lokale Initiativen daran, konkrete Hilfe vor Ort auszubauen.

Neustart nach dem Frauenhaus: Das Angela-Knocks-Haus in Bergkamen

In Bergkamen entsteht derzeit ein besonderes Projekt: das Angela-Knocks-Haus. Mit der Grundsteinlegung an der Ebertstraße wurde ein Gebäude auf den Weg gebracht, das Frauen nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus eine neue Perspektive geben soll.

Der geplante dreigeschossige Komplex soll 14 Wohneinheiten, Gemeinschaftsräume und ein Kompetenzzentrum umfassen. Gedacht ist das Haus als Übergangsort für Frauen, die Gewalt erlebt haben und nach dem Aufenthalt im Frauenhaus Unterstützung auf dem Weg in ein eigenständiges Leben benötigen.

Die zentrale Lage mitten in der Stadt ist bewusst gewählt. Einkaufsmöglichkeiten, Busbahnhof, Kitas und andere Einrichtungen sind schnell erreichbar – ein wichtiger Faktor für Frauen, die ihr Leben neu organisieren müssen.

Ein weiterer besonderer Aspekt: Die Heinz-Knocks-Stiftung übernimmt sowohl die Baukosten als auch die Finanzierung der Personalstellen. Für die Stadt Bergkamen entstehen dadurch keine zusätzlichen Kosten.

Zahlen zeigen das Ausmaß der Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist kein Einzelfall. Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurden im Jahr 2023 insgesamt 360 Frauen in Deutschland getötet, weil sie Frauen waren.

Fast 400 Frauen und Mädchen erleben täglich Gewalt, und etwa jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Frauenhäuser bieten Betroffenen Schutz, Unterkunft und Beratung – häufig rund um die Uhr. Doch bundesweit fehlen vielerorts Plätze.

Frauenhäuser bundesweit am Limit

Wie angespannt die Situation tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die bundesweite Versorgungslage. „Die Versorgungssituation bleibt trotz politischer Fortschritte strukturell kritisch“, sagt Juliana Fiegler, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Frauenhauskoordinierung e.V.

Bundesweit gibt es derzeit rund 400 Frauenhäuser mit etwa 7800 Schutzplätzen. Nach den Empfehlungen des Europarates im Rahmen der Istanbul-Konvention müssten jedoch rund 19.900 Plätze zur Verfügung stehen.

„Damit fehlen in Deutschland über 12.000 Schutzplätze“,

erklärt Fiegler. Eine bundesweite Frauenhaus-Statistik aus dem Jahr 2024, die Daten aus 189 Einrichtungen auswertet, zeigt die hohe Nachfrage:

Hochgerechnet fanden im vergangenen Jahr rund

• 13.700 Frauen

• 15.300 Kinder und Jugendliche

Schutz in einem Frauenhaus. Die Nachfrage übersteigt die vorhandenen Kapazitäten deutlich.

Tausende Frauen müssen abgewiesen werden

Besonders dramatisch wird die Situation bei der Aufnahme. „Frauenhäuser müssen täglich Frauen abweisen – nicht weil sie es wollen, sondern weil die Plätze fehlen“, sagt Fiegler. Eine Kostenstudie des Bundesfamilienministeriums zeigt, dass allein im Jahr 2022 über 16.000 Frauen keinen Platz in einem Frauenhaus bekamen:

• 10.114 Frauen mit Kindern

• 6.268 Frauen ohne Kinder.

Zusätzlich konnten 4862 Frauen aus anderen Gründen nicht aufgenommen werden, etwa wegen fehlender Barrierefreiheit oder ungeklärter Kostenübernahmen.

Gewalt wird selten angezeigt

Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Eine neue repräsentative Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamtes (LeSuBiA) zeigt, dass körperliche und psychische Gewalt in Partnerschaften 20-mal häufiger vorkommt, als sie offiziell angezeigt wird. Das Anzeigeverhalten liegt laut Studie unter fünf Prozent.

„Die Frauen, die in einem Frauenhaus ankommen, sind nur die Spitze des Eisbergs“, erklärt Fiegler. Viele Betroffene suchen keinen Schutzplatz – etwa aus Scham, aus Angst vor dem Täter oder weil sie schlicht keinen freien Platz finden.

Warum viele Frauen lange keine Hilfe suchen

Eine häufig gestellte Frage lautet: Warum verlassen betroffene Frauen ihre Partner nicht früher? Fachstellen erklären, dass Gewalt in Beziehungen häufig schleichend beginnt. Am Anfang stehen psychischer Druck, Kontrolle oder Isolation. Körperliche Gewalt entwickelt sich in vielen Fällen erst später.

Weitere Gründe erschweren den Ausstieg:

  • Angst vor weiterer Gewalt
  • Scham und Schuldgefühle
  • emotionale Bindung an den Partner
  • Sorge um gemeinsame Kinder
  • finanzielle Abhängigkeit oder fehlende Wohnung
  • Manipulation und Drohungen durch den Täter.

Viele Frauen hoffen zudem lange, dass sich die Situation wieder verbessert.

Ärztliche Erfahrungen: Gewalt bleibt häufig unsichtbar

Dass Gewalt häufig im Verborgenen bleibt, bestätigt auch die Ärztin Helga Hoppe, die viele Jahre sowohl im Krankenhaus als auch in eigener Praxis gearbeitet hat. „Während meiner Tätigkeit im Krankenhaus hatte ich wenig den Eindruck, dass häusliche Gewalt ein Thema war“, berichtet sie rückblickend.

Auch während ihrer 18 Jahre in eigener Praxis seien entsprechende Fälle selten gewesen. „Erinnerlich hatte ich nur zwei Fälle häuslicher Gewalt.“ In beiden Situationen hätten die betroffenen Frauen selbst offen über die Gewalt gesprochen und bereits Kontakt zur Polizei aufgenommen.

Den häufig beschriebenen Verdacht, dass Verletzungen etwa mit einem angeblichen Sturz erklärt werden, habe sie persönlich nie gehabt.
„Vielleicht bin ich auf diesem Gebiet auch etwas zu naiv und glaube an das Gute im Menschen“, sagt Hoppe selbstkritisch. Gleichzeitig sieht sie eine wichtige Rolle für das Gesundheitswesen.

„Ärztinnen und Ärzte können helfen, Gewalt früher zu erkennen“, sagt sie. Informationsmaterial in Praxen könne Betroffenen den ersten Schritt erleichtern. Entscheidend sei jedoch Vertrauen. „Durch eine gute Arzt-Patientinnen-Beziehung fällt es Frauen oft leichter, persönliche Probleme von sich aus anzusprechen.“

Gewalthilfegesetz soll Situation verbessern

Mit dem neuen Gewalthilfegesetz soll das Hilfesystem langfristig verbessert werden. Erstmals soll es einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder geben. Allerdings gilt dieser Anspruch erst ab 2032, damit Länder und Kommunen genügend Zeit haben, das Hilfesystem auszubauen.

Aus Sicht vieler Fachstellen ist das ein wichtiger Schritt – allerdings möglicherweise zu spät.

Gewalt verhindern: Arbeit mit Tätern

Neben dem Schutz der Opfer gewinnt ein weiterer Ansatz zunehmend an Bedeutung: die Arbeit mit Tätern.
Ein Beispiel ist der Verein „Die Brücke Dortmund“. Dort werden Programme für Männer angeboten, die in Partnerschaften Gewalt ausgeübt haben. In Trainings und Beratungen lernen Teilnehmer, ihr Verhalten zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte künftig ohne Gewalt zu lösen.

Ziel dieser Programme ist es, weitere Gewalttaten zu verhindern und Gewaltspiralen zu durchbrechen.

Hilfe für Betroffene – rund um die Uhr

Frauen, die Gewalt erleben, können sich jederzeit an das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden. ☎ 116 016

Die Beratung ist kostenfrei, anonym und rund um die Uhr erreichbar – an 365 Tagen im Jahr. Auch Angehörige, Freundinnen, Freunde oder Fachkräfte können sich dort beraten lassen.

Ein Netzwerk gegen Gewalt

Projekte wie das Angela-Knocks-Haus zeigen, dass Hilfe für Betroffene aus vielen Bausteinen besteht: Frauenhäuser, Beratungsstellen, Präventionsangebote und Täterprogramme.

Doch eines bleibt entscheidend: dass Frauen, die Hilfe brauchen, sie auch rechtzeitig finden – und dass genügend Schutzplätze zur Verfügung stehen.

Denn hinter jeder Statistik steht eine persönliche Geschichte. Für viele Frauen beginnt der Weg aus der Gewalt erst dann, wenn sie einen sicheren Ort finden – und Menschen, die ihnen zuhören und ihnen glauben.

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