Werkstatt-Chef alarmiert: Corona lässt Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit explodieren

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Foto Werkstatt im Kreis Unna

„Die Corona-Pandemie wirft uns bei unseren sozialpolitischen Erfolgen um Jahre zurück!“

Herbert Dörmann, Leiter der Werkstatt im Kreis Unna, zeichnet ein bedrohliches Bild. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist explodiert, die Jugendarbeitslosigkeit steigt extrem, und ein Teil der jungen Generation droht langfristig gänzlich ohne Berufsabschluss zu bleiben: „Wir müssen alles daran setzen, dass nicht viele junge Menschen als Corona-Generation abgehängt werden.“ 

Langzeitarbeitslosigkeit explodiert 

Bis zum Ausbruch der Krise im März 2020 konnte die Langzeitarbeitslosigkeit von 7.000 (2017) auf 5.000 Betroffene reduziert werden. Bis April 2021 stieg die Zahl dann sprunghaft um 38 % auf 7.400 Langzeitarbeitslose an.

Die Eingliederungschancen für diese Personengruppe sind aus Dörmanns Sicht denkbar schlecht, da der überwiegende Teil nicht über einen Berufsabschluss verfügt. Gerade Wirtschaftsbereiche, in denen Arbeitskräfte im unteren Qualifikationsbereich eingestellt werden, wie die Gastronomie oder die Zeitarbeit, liegen Corona bedingt derzeit am Boden. 

Jugendarbeitslosigkeit steigt erheblich 

Als dramatisch bezeichnet der Werkstatt-Geschäftsführer auch die Lage der Jugendlichen im Kreis Unna: Bis März 2020 war die Gesamtzahl junger Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit von 1.300 (2017) auf 900 gesunken. 1 Jahr später liegt die Anzahl der Betroffenen wieder bei 1.300 – ein Anstieg um fast 45% innerhalb eines Jahres. 

Herbert Dörmann, Geschäftsführer der Werkstatt im Kreis Unna. (Foto Werkstatt)

Corona verschärft Benachteiligungen 

„Die Corona-Pandemie hat damit schon vorhandene Problemlagen deutlich verschärft“, erklärt Dörmann. Soziale Benachteiligungen, wie die Arbeitslosigkeit der Eltern, das Aufwachsen in beengten Wohnverhältnissen, Sprachprobleme und ein geringes Familieneinkommen verstärken grundsätzlich das Risiko,  keinen Schulabschluss oder keine Lehrstelle zu erhalten. Unter Covid-19-Bedingungen kommt hinzu, dass oftmals förderliche Bedingungen zum Lernen zuhause, die nötige Technik zum Home-Schooling, die man sich mit Geschwistern teilen muss, und die Lernunterstützung aus der Familie fehlen. 

In der Fachöffentlichkeit wird daher laut Dörmann befürchtet, dass z.B. die Zahl der jugendlichen Schulverweigerer und Schüler ohne Abschluss erheblich ansteigen wird. Wer keinen Schulabschluss schafft, hat denkbar schwierige Startbedingungen am Ausbildungsmarkt.  

Ausbildungsmarkt unter Druck 

Der ist ohnehin extrem angespannt – zum Einstellungstermin 2020 ging die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsplätze im Kreisgebiet allein in Industrie und Handwerk um 260 auf 1.840 zurück. Aktuell stehen jedem Ausbildungsbewerber rechnerisch nur  0,87 Ausbildungsplätze zu Verfügung.

Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss laufen Gefahr, keine Stelle zu finden. Hinzu kommt, dass durch Corona die Berufsorientierung in der Schulzeit und die persönliche Beratung weitgehend auf der Strecke blieben.

Online-Formate konnten das nur bedingt ausgleichen, und so wissen viele junge Menschen nicht, welche Ausbildungsmöglichkeiten bestehen und wie sich die Anforderungen der Betriebe darstellen. Auch fehlt es häufig an geeigneten Bewerbungsunterlagen.

So wundert es laut Dörmann nicht, dass trotz des Bewerberüberhangs viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, da Unternehmen und Bewerber im Moment nur schwer zusammen finden. 

Gefahr der Entkopplung 

Als ganz besonders problematisch erachtet der Werkstatt-Geschäftsführer, dass immer mehr Jugendliche kaum noch erreicht werden. Da die Schulen geschlossen waren, aber auch die Berufsvorbereitungsangebote und die persönliche Beratung der Arbeitsverwaltung nicht stattfinden durften, haben sich viele junge Menschen zurückgezogen, psychische Problemlagen haben deutlich zugenommen.

„Wir müssen hier sehr darauf achten, dass nicht viele junge Menschen den Anschluss an Ausbildung und Beruf verlieren und von einer guten Zukunftsperspektive abgekoppelt werden“, betont Dörmann: „Das wird eine regionale Kraftanstrengung aller Akteure erfordern, die nicht in ein paar Wochen erledigt sein wird!“ 

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