580 Saatkrähen-Brutpaare in Unna rauben Anwohnern und Bauern den letzten Nerv – Politik „erschüttert“ darüber, was alles nicht geht

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Saatkrähe im Flug - Foto Privat /Für RBU

Sie bescheren den Landwirten in Unna jährlich gut fünfstellige Ernteschäden. Sie „stürzen sich auf den Mais, zerren auch noch 10 bis 15 cm große Jungpflanzen aus dem Acker, um an die Saatgut zu kommen. Die sind so misstrauisch wie nur was. Die sind derart intelligent, das glauben Sie nicht. Die schicken Scouts vor. Und wenn nur einer nicht zurückkommt, sehen Sie nie wieder eine andere dort. Sie können sich Fahrzeuge merken. Sie unterscheiden Fahrzeuge nach roten und gelben Felgen.

Sagenhaft!“

Das hohe Lied auf die Saatkrähe sang CDU-Ratsvertreter und Ortsvorsteher Bernhard Albers aus Billmerich im Ausschuss für Feuerschutz, Sicherheit und Ordnung (FSO) mit einem gepeinigten Unterton. Denn als Landwirt muss er sich mit den Negativseiten der außerordentlichen Intelligenz der streng geschützten Rabenvögel herumschlagen, welche sich in einigen Kommunen des Kreises, darunter auch Ortsteile von Unna selbst, rasant vermehren, die frisch eingesäten Felder plündern und in Wohngebieten Anwohnern durch ihre Kommunikationsfreude und natürlichen Bedürfnisse den letzten Nerv rauben.

An der Platanenallee in Königsborn etwa, assistierte Ortsvorsteher Burkhard Böhnisch (SPD) seinem krähengeplagten CDU-Ortsvorsteherkollegen, „leiden die Anwohner ganz massiv unter Krach und Kot. Artenschutz ist wichtig, Artenschutz geht immer vor. Menschenschutz ist aber auch wichtig.“

Er schlage vor, ergänzte Bernhard Albers, „dass wir uns mit anderen Kommunen verbünden.“ Er selbst schließe auch „andere Maßnahmen“ nicht aus, kündigte der Landwirte unverhohlen an, „ihr kennt ja hier mein Hobby.“

Im zuständigen Ausschuss debattierten Verwaltung und Politik am 17. Februar über einen Antrag der CDU, in dem es um eine Auslotung der Möglichkeiten ging, der stetig wachsenden Saatkrähenpopulation im Stadtgebiet beizukommen. Davon, zum Gewehr zu greifen und kurzen Prozess zu machen, sprach niemand offen, doch die Idee schwang, von Albers aufgebracht, diffus durch den Ratssaal, als endgültige Ultima Ratio.

Wilder Abschuss ist natürlich streng verboten, doch auch viele andere, tierschonende Maßnahmen gegen die Saatkrähe sind entweder gar nicht oder nur eingeschränkt erlaubt. Diesbezüglich raubte Beigeorndeter Markus von der Heide den sichtlich ernüchterten Ausschussvertertern schonungslos jede Hoffnung auf eine zeitnahe Lösung des Problems.

Als Werler im Kreis Soest beheimatet, wo das Thema Krähe allgegenwärtig ist, verfolgt von der Heide die Eindämmungsversuche schon seit vielen Jahren. Zum Vergleich nannte er Zahlen.

Unna hatte zum 13. 5. 2025 rund 580 Brutpaare. Die Kurve in den letzten Jahren zeigt steil nach oben. Soest, ebenfalls Kreisstadt am Hellweg, hat 2000 Saatkrähen-Brutpaare, also fast das Vierfache von Unna.

Jährlich gibt die Stadt Soest 30.000 Euro für die wenigen Maßnahmen aus, die erlaubt sind: Bäume zurückschneiden, Eier aus den Nestern nehmen. Beides darf nur in einer begrenzten Zeit im Jahr geschehen. An der Platanenallee, weil eine Allee, sind zusätzlich die Bäume geschützt, weshalb der Kreis als Untere Landschaftsbehörde dort auch keinen Rückschnitt genehmigt, um den Saatkrähen ihr Verweilen ungemütlicher zu machen.

Aber auch wenn es erlaubt wäre, würden die hochintelligenten Vögel wahrscheinlich einfach in ein anderes Quartier umsiedeln, musste man in der Diskussion eingestehen. Alles was an Verbrämung erlaubt und möglich ist, versucht Soest seit 20 Jahren, berichtete Markus von der Heide den zusehens entgeisterten Lokalpolitikern. „Praktisch nichts hatte messbaren Erfolg.“

Damit Unna überhaupt mit Maßnahmen gegen die Krähen beginnen kann, verlangt der Kreis erst einmal ein wissenschaftliches Konzept, erläuterte der Beigeordnete weiter. Kosten: gut 20.000 Euro. „Ohne erst einmal irgendeine Aussicht auf Erfolg“, würgte von der Heide weitere zarte Hoffnungskeime ab.

Seit 2019 seien NRW-weit 45 Anträge auf Saatkrähenverbrämungen gestellt worden. Sieben ware erfolgreich.

Zum heiklen Thema Abschuss (das wäre theoretisch im Zeitfenster von Oktober bis Februar zu tun): Während sich Bernhard Albers viellecht im Geiste schon mit dem Gewehr im Anschlag an seinem Billmericher Maisfeld lauern sah, regten sich im Ausschuss doch leiser Skrupel bei dieser Vorstellung, zumal vorher so überschwenglich die sagenhafte Intelligenz der Rabenvögel anerkannt worden war.

Und „auf dem Feld von Bauer Albers sitzen nicht die Krähen von der Platanenallee“, kam der Einwand, damit wäre also kaum etwas gewonnen. In Wohngebieten sind Abschüsse verboten.

Für eine NRW-weite Initiative zur Reduzierung der Saatkrähenpopulation sieht Unnas Beigeordneter faktisch keinerlei Grundlage. Denn der Kreis Unna ist mit seinem Problem weitgehend allein. In gerade einmal 9 der 53 Landkreise in NRW ist der Bestand an Saatkrähen so groß, dass Handlungsbedarf bestünde. Und die Saatkrähe ist nicht nur in Nordrhein-Westfalen und nicht nur in Deutschland geschützt, sondern in ganz Europa. „Das macht ein Vorgehen gegen größere Populationen in einzelnen Kreisen sehr, sehr schwierig“, fasste von der Heide zusammen.

Michael Tietze von der SPD, die auf Kreisebene ebenfalls einen Antrag in Sachen Saatkrähen und Anwonhnerschutz gestellt hatte, zeigte sich nach den Ausführungen „erschüttert“ davon, was alles nicht geht. „Und dafür müssten wir erst einmal 20.000 Euro aus dem Haushalt locker machen…“? Da der Haushalt für 2026 ohnehin beschlossen ist, ginge das erst im nächsten Jahr.

Man einigte sich, sichtlich und merklich auf dem Boden der Realität aufgeprallt, das Thema Krähe dennoch anzugehen, sich beispielsweise mit ebenfalls betroffenen Kommunen kurzzuschließen. Für fast ungläubiges, etwas gequältes Gelächter sorgte Markus von der Heide schließlich noch mit dem Hinweis auf eine der wenigen Krähenbekämpfungsmethoden, die in Soest funktioniert habe: Dort setzte man ernsthaft eine „Dienst-Eule“ als natürlichen Fressfeind auf die Krähen an.

Leider sei der gefiederte Stadtbedienstete inzwischen verschieden.

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