Seit Monaten kein Gehalt – Mitarbeiter in Hemmerder Pflegeheim wussten nicht mehr weiter: „Niemand hilft uns“

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Senior im Pflegeheim - Symbolbild, Quelle Pixabay

Weil sie seit Monaten kein Gehalt bekommen haben sollen, wollten Mitarbeiter eines Pflegeheims im Osten Unnas am Mittwoch, 1. April, aus Verzweiflung ihre Arbeit niederlegen.

Seit mehreren Monaten gebe es Probleme mit der Auszahlung der Gehälter im Pflegeheim „Haus am Hellweg“ in Unna-Hemmerde, bestätigte der Kreis Unna auf Presseanfragen.

Deswegen sollen Mitarbeiter dem Betreiber eine Frist bis Mittwochvormittag gesetzt haben, 1. April, sonst würden sie ihre Arbeit niederlegen.

Das hätte bedeutet, dass das Heim noch am selben Tag hätte geräumt werden müssen.

Dies ist jetzt wohl erst einmal vom Tisch. Das Unternehmen, das das Pflegeheim betreibt, teilte dem WDR mit: „Nach intensiver Prüfung und Rücksprache mit unseren Mitarbeitern wurde festgestellt, dass die Versorgung der Bewohner vollständig gewährleistet ist.“ Eine Räumung sei nicht mehr erforderlich.

Die Heimaufsicht des Kreises bestätigt, dass der Betrieb bis Ostermontag sichergestellt sei.

Der Kreis haben den Angehörigen geraten, sich um anderweitige Pflegeplätze zu bemühen. 42 Bewohner werden in dem Heim betreut, die Hälfte soll es bereitd verlassen haben.

+++Update am 2. April+++

Auf unsere Berichterstattung hin erklärten sich in Kommentaren auf Facebook auch Mitarbeiterinnen der Einrichtung. Wir veröffentlichen hier zwei Beiträge anonymisiert.

In einem der Kommentare fasst eine Mitarbeiterin ihre Empfindungen emotional wie folgt zusammen:

„Hallo, ich bin eine der Mitarbeiterinnen dort und weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich das alles in Worte fassen soll.

Wir alle haben unser Herz in dieses Haus gesteckt. Nach der ersten Insolvenz haben wir es mit Liebe neu aufgebaut. Gemeinsam haben wir uns alles erarbeitet und konnten miterleben, wie sich Bewohner trotz ihrer Krankheiten weiterentwickeln. Dieses Haus ist für uns alle ein Zuhause geworden.

Für die älteren Menschen wollten wir ein familiäres Umfeld schaffen trotz all der Probleme, die von außen auf uns einwirken.

Was sollen wir jetzt tun?

Ich war heute 12 Stunden im Dienst und musste mit ansehen, wie Bewohner ausziehen mussten. Menschen, die wir über lange Zeit begleitet haben, die wir in schweren Momenten gestützt haben und die oft auch uns Halt gegeben haben.

Natürlich könnte man sagen: „Dann sucht euch doch einen neuen Job.“

Aber die Mitarbeiter und Bewohner hier sind etwas ganz Besonderes. Ich habe in keinem Altenheim im Kreis Unna oder Dortmund jemals so ein wundervolles Team und so besondere Menschen erlebt.

Wir kommen an einen Punkt, an dem wir einfach nicht mehr weiterwissen. Uns wird die Schuld zugeschoben „Wenn ihr nicht kommt, wird wegen euch geschlossen, weil die Pflege nicht mehr gesichert ist.“

Es gibt so viele Berichte von außenstehenden Personenm aber keiner weiß wirklich, was wir hier leisten. Wie viel Herz, Kraft, Zeit, Hoffnung und Liebe in unserer Arbeit steckt.

Das Haus am Hellweg ist mein Zuhause – genauso wie für viele andere.

Wir wollen nicht gehen. Aber wir haben auch Bedürfnisse: Wir müssen unsere Miete zahlen, wir müssen leben, wir brauchen Geld zum Überleben.

Und trotzdem tut es weh zu lesen, dass alles von uns Pflegekräften abhängen soll – ob das Haus bestehen bleibt, ob die Bewohner dort weiter leben können.

Niemand hilft uns. Wir stehen allein da.

Alle schauen zu, wie ein wundervoller Ort voller Lachen und Liebe zerbricht und urteilen darüber, wie „dumm“ wir doch seien, weil wir dort weiter hin gehen.

Ambiente Care verliert mal wieder eins seiner Unternehmen. Die Bewohner und Mitarbeiter verlieren ein Zuhause.“

Eine andere Mitarbeiterin erklärt:

„Es ist traurig zu lesen, wie viele über etwas urteilen, ohne alle Informationen zu haben. Allein in den Kommentaren werden falsche Behauptungen aufgestellt.

Ja, es kann sein, dass viele emotional und finanziell nicht damit klarkommen, wenn sie ihr Gehalt nicht bekommen. Fakt ist, für uns geht es um Menschen, um Menschen, die krank sind, um Menschen, die schlimme Zeiten in ihrer Kindheit erlebt haben und denen man einfach ein wunderschönes Zuhause geben wollte, wo sie eigentlich bis zu ihrem Lebensende bleiben.

Viele Bewohner verstehen noch nicht einmal, was gerade überhaupt da vorgeht. Was leider auch sehr stark mit dem Gewissen mitspielt, ist, dass einige Bewohner diesen Umzug eventuell auf Dauer nicht überleben werden, denn wenn man sich mit deren Krankheitsbildern vertraut macht, weiß man, was passieren kann, wenn sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden.

Wir wissen alle, dass wir irgendwo einen Job bekommen werden.

Unser Statement ist aber, dass wir dieses Haus, die Bewohner, das Zuhause und auch ein Stück Familie von uns Mitarbeitern nicht zerbrechen lassen wollen.

Wir möchten, dass unser Betreiber uns ziehen lässt, jemand anderem die Möglichkeit lässt, das Tolle in diesem Haus zu sehen und mit uns kämpft, dieses Haus wieder aufzubauen.

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