Hilfskonto und Aufräumen nach Fröndenbergs Flut – „Man betet, dass nicht noch was kommt“

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Grundstück und Wohnhaus von Katja und Olaf Westhoff aus Fröndenberg-Warmen wurden am Sonntag zur braunen Seenlandschaft. Das gesamte Inventar des Erdgeschosses und des Gartens wurde zerstört. Hinzu kommen beträchtliche Schäden am Haus. (Foto: Westhoff / Für RB)

„Bleiben die jetzt hier dauerhaft stehen?“

So fragt ein älterer Herr, der sich am schwülwarmen Mittwochnachmittag drei Tage nach Fröndenbergs Hochwasserkatastrophe langsam an seinem Rollator über den verödeten Netto-Parkplatz schiebt.

Der Markt, der unmittelbar an der Westicker Straße liegt, ist geschlossen. Das Ausmaß der Überschwemmungsschäden: bislang unübersehbar.

Am Rande des verwaisten Parkplatzes stehen in Reih und Glied Dutzende weißer Säcke. Es sind „Big Packs“, mit denen das Technische Hilfswerk und die Feuerwehren seit Montag den akut bruchgefährdeten Deich im randvollen Angelteich oberhalb Westicks im Waldstück absicherten.

Big Packs gegen die Flut stehen säuberlich aufgereiht am Rande des Netto-Parkplatzes an der Westicker Straße. (Foto RB)

Der dergestalt verstärkte Deich hielt. Zum riesigen Glück, sonst wäre eine womöglich noch schlimmere Katastrophe für die Bewohner unterhalb des Waldstücks hereingebrochen.

Schlamm- und Wassermengen wurden von Technischem Hilfswerk und Feuerwehren am Dienstag nach einem kontrollierten Deichdurchbruch langsam über Stunden hinweg abgelassen.

Ob die jetzt also „hier stehenbleiben“, diese Big Packs. Fürs nächste Hochwasser vielleicht schon? „Na hoffentlich nicht“, stoßseufzt der ältere Herr.

Er war selbst vom Sturzregen am Sonntagnachmittag betroffen, ja, nickt der geschätzt 70- bis 80-Jährige. „Bei mir stand es nur 30 Zentmeter“, er zeigt die Wasserhöhe mit seinen Händen ungefähr an, „das reicht aber, wenn man nicht mehr so kann“, deutet auf seinen Rollator, packt die Griffe. „Na dann, auf Wiedersehen.“ Er bedankt sich für die guten Wünsche und geht sehr bedächtig und ganz langsam weiter über den leeren Parkplatz zum gegenüber liegenden Wohngebiet.

Abgeflatterter Schlammbereich auf dem Netto-Parkplatz. (Foto RB)

Überall an den Straßenrändern künden Pfützen und Schlammanhäufungen stumm von der Unwetterkatastrophe drei Tage zuvor.

Maren Pforr: Alles mit Schlamm bedeckt, Garten zerstört

Einige 100 Meter weiter in Richtung Innenstadt hat die Flut Dutzende weitere Anwohner getroffen. Zu ihnen gehört Maren Pforr.

Sie wohnt unten am Hirschberg, erzählt sie, „und wir hatten leider auch richtig Pech.“

Zerstörter Garten (oben), geflutetes Erdgeschoss (unten) von Maren Pforr.

Das Wasser floss ins Haus, der Garten wurde vollständig überschwemmt. Er ist zerstört.

„Alles, was man sich über Jahre schön gemacht hat, ist innerhalb weniger Stunden fort. Man ist den ganzen Tag mit Aufräumarbeiten beschäftigt und betet, dass nicht noch etwas kommt.“

(Maren Pforr)

Sicherlich, sagt sie und das weiß sie auch: „Es hat andere noch härter getroffen.“ Und trotzdem, „man hat aber auch selbst kaum noch Kraft und Energie, alles aufzuräumen und vom Schlamm zu befreien.“

Katja und Olaf Westhoff: Wohnungsinventar in Container gestapelt

Härter, hammerhart getroffen hat es viele an diesem Katastrophensonntag, dem 4. Juli. Am schlimmsten von den Wasser- und Schlammmassen heimgesucht wurden die kleinen östlichen Fröndenberger Ortsteile Neimen, Frohnhausen und Warmen.

Es sind diese wenigen Kilometer vom Bahnübergang Neimen und der Spedition Huckschlag im Tal entlang an der der Ruhrtalschützenhalle vorbei, über die Landstraße bis zum bergigen Anstieg hinauf nach Bentrop, wo die Folgen dieser „Jahrhundertflut“, wie Bürgermeisterin Sabine Müller dieses statische Starkregenunwetter treffend nannte, in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar werden.

Ortseingang von Warmen am 7. Juli. (Foto RB)

Gehwege und Teile der Fahrbahn sind hellbraun statt grau. Sshlammverkrustet die Bürgersteigkanten, seenlandschaftsähnlich die Wiesen. Hier stand am Sonntag alles bis zu Kniehöhe unter Wasser.

Sperrmüllberge, von braunen Schlammresten bedeckt, stapeln sich jetzt schon an diesem Mittwochabend an den Einfahrten, warten darauf, am Freitag und Samstag im Auftrag der Stadt kostenlos abgeholt zu werden.

Auf vielen Grundstücken sieht man gleich Container, so auch an der Landstraße 59b.

Dort steht ein Container, mannshoch, bis obenhin aufgetürmt ist mit dem, was bis Sonntagvormittag noch eine Wohnungseinrichtung war. In wenigen Stunden bis zum Nachmittag wurde praktisch alles, was das Erdgeschoss möblierte und dekorierte, zerstört.

Katja Westhoff aus Fröndenberg-Warmen vor den Überresten ihres Inventars. (Foto Westhoff)

Das schmucke Fertighaus von Katja und Olaf Westhoff wurde am Sonntag unter dem Sturzregen und überströmendem Rammbach in kürzester Zeit buchstäblich wie ein Schwimmbad geflutet.

Das Haus lief voll, 1,50 Meter hoch schwappten Wasser und Schlamm im Erdgeschoss. Der Gesamtschaden ist für das Paar bisher kaum zu überblicken.

„Sprachlos.“ Olaf Westhoff stand fassungslos von dem, was der Sturzregen binnen kürzester Zeit aus seinem Haus und seinem Grundstück gemacht hatte.

„Das Haus hat eine Elementarversicherung. Das Inventar ist leider nicht versichert. Das müssen wir alles selbst finanzieren.“

(Katja Westhoff)

Das Paar hat uns Bilder geschickt, die dokumentieren, was das Unwetter in den wenigen Stunden zwischen Mittag und Nachmittag mit ihrem Haus und ihrem Grundstück anrichtete.

Bürgermeisterin Sabina Müller: „Man erlebt weinende Leute, die Hab und Gut verloren haben“

An die Westhoffs, die Pforrs und die vielen anderen so hart von den Überschwemmungen Getroffenen richtet Bürgermeister Sabina Müller ihr ganzes Mitgefühl.

Auch ihr eigener Keller lief voll, erzählt sie uns, als wir sie am Mittwochabend nach einem weiteren erschöpfend langen Arbeitstag um 18.45 Uhr auf dem Weg vom Rathaus nach Hause treffen.

So ein voller Keller und auch andere Schäden wie verstopfte Rohre und Gullis seien aber Nichtigkeiten angesichts dessen, was vielen anderen Menschen widerfahren sei.

„Wir waren heute in Warmen unterwegs. Man erlebt weinende Leute, die ihr Hab und Gut verloren haben. Das rückt so manches, was ,wichtig´ erscheint, zurecht“, sagt die Sozialdemokratin, die 9 Monate nach ihrem Amtsantritt bereits die erste Naturkatastrophe in ihrem Städtchen meistern muss.

Bürgermeisterin Sabina Müller (SPD) bei ihrer Videoansprache am Donnerstag, 8. Juli.

„Wir befinden uns in einer absoluten Ausnahmesituation“, erklärt die Bürgermeisterin am nächsten Morgen, dem Donnerstag, in einer Videobotschaft und einer begleitenden Pressemitteilung.

„Ohne Vorwarnung traf uns ein Jahrhundert-Starkregen, unter dessen Auswirkungen viele noch zu leiden haben.

Die Gefahrenlage am Teich nördlich von Westick konnte mit glücklichem Ausgang bewältigt werden. Der Bereich um den Teich bleibt dennoch für weitere Tiefbauarbeiten vorläufig weiträumig gesperrt.

Weiterhin gesperrt: der Weg von der Westicker Straße gegenüber Netto über den Bahnübergang hinauf ins Wäldchen, wo der Teich liegt. (Foto RB)

Ich bin froh, dass alle von der Evakuierung Betroffenen wieder nach Hause zurückkehren und die Firmen in Westick wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten.

Die Aufräumarbeiten stellen uns jetzt vor große neue Herausforderungen. Straßen- und Ablaufreinigungsarbeiten laufen auf Hochtouren.

Für Fragen und Sorgen rund um das Thema Sperrmüllabfuhr finden Sie auf der Städtischen Homepage neue Informationen. Außerdem haben wir ein Info-Telefon (02373 976-278, Frau B. Humrich) und eine eigene E-Mailadresse (sperrmuell@froendenberg.de) eingerichtet.

Ich möchte allen freiwilligen Helferinnen und Helfern aus tiefstem Herzen für ihren Einsatz danken! Allen Feuerwehrmännern und Feuerwehrfrauen, der Polizei, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Technischen Hilfswerks, dem Deutschen Roten Kreuz, den Maltesern und allen anderen danke ich für ihre hervorragende Arbeit und ihren persönlichen Einsatz in dieser Gefahrenlage. Herzlichen Dank an alle freiwilligen spontanen Hilfsangebote von Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn! Ebenso für die angebotenen Sachspenden. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist riesig!

An Rewe Bielemeier in Langschede, den Isselmarkt Edeka in Fröndenberg-Mitte und die Firma Amecke sowie KS-Reisen für den Shuttleservice für Evakuierte zur Gesamtschule meinen herzlichen Dank für Ihre Unterstützung. Mein besonderer Dank gilt der Firma Herbrügger Baustoffe sowie Bürgermeister Dr. Roland Schröder aus unserer Nachbarstadt Menden, die gemeinsam mit den Stadtwerken Fröndenberg Wickede am Montagabend dafür gesorgt haben, dass Big Packs mit Schotter bereitstanden, die das THW sofort zur Absicherung des Gefahrenbereichs Teich verbauen konnte.“

Hilfskonto für die Betroffenen

Für alle, die die Hilfebedürftigen mit einer Spende unterstützen möchten, hat die Fröndenberger Bürgerstiftung „Gutes Tun“ unter dem Verwendungszweck „Starkregen“ ein Konto bei der Sparkasse eingerichtet: IBAN DE65 4435 0060 1415 1617 18.

Hier gibt es Informationen zur Stiftung: https://gutes-tun-stiftung.de/

Lesen Sie auch: Donnerstag – der nächste Starkregen

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