Schulöffnungs-Strategie „unberechenbar und ungerecht“: Brandbrief an Gebauer

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Schulministerin Yvonne Gebauer bei einer Pressekonferenz im Landtag. (Screenshot_2021-01-26)

Vollständige Präsenz sogar in Klassenstärke in Abschlussklassen ist ab heute (22. 2.) erlaubt, Wechselpräsenz in Grundschulen – und alle anderen Schülerinnen und Schüler bleiben weiter im Distanzunterricht.

Als „unberechenbar und ungerecht“ kritisieren Elternverbände und die Schulleitungsvereinigung haben die Schulöffnungsstrategie der NRW-Regierung. Sie sei „nicht vermittelbar“, monierten mehrere Verbände am Sonntag in einem offenen Brief an Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Die Verbände fordern ein „grundsätzliches Konzept für eine verlässliche Schule in der Pandemie“, das eine Arbeitsgruppe unter Führung Gebauers anfertigen soll.

Im Zentrum müsse stehen, wie die Kinder unter Einhaltung des Gesundheitsschutzes „regelmäßig und gerecht in Präsenz beschult werden können“ und welche ergänzenden Arbeiten zu Hause erledigt werden sollen.

Nicht akzeptabel sei es auch, die Lehrer, aber nicht die Schüler zu schützen (offenbar mit Blick auf die Diskussion um vorgezogene Impfungen) und den Schulen Freiheiten in der Organisation des Pandemiebetriebs zu gewähren, sie dabei aber weder zu unterstützen noch zu kontrollieren.

„Unsere Geduld und Belastbarkeit sind am Ende. Nicht nur Ihr Haus hat die Pandemie unterschätzt.“

Hier das Schreiben im Wortlaut.

Sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Staatssekretär,

wie Ihnen sicherlich nicht verborgen geblieben ist, sind (nicht nur) die unterzeichnenden Elternverbände über die Schulorganisation in der Corona-Krise sehr enttäuscht. Unsere zahlreichen Anregungen, Vorschläge und Wünsche wurden spät oder gar nicht berücksichtigt, so dass wir uns aktuell in einer unberechenbaren Hop-on-hop-off-Unterrichtsplanung im Zweiwochentakt befinden.

Ihre Entscheidungen haben Einfluss auf 2,5 Mio. Schüler, Millionen von Eltern und 180.000 Lehrer. In Abschlussklassen 100% Präsenz ohne Abstand zuzulassen, anderen Klassen aber zum Schutz der Gesundheit den Unterricht gänzlich zu verwehren, ist nicht vermittelbar. Sich um den Schutz der Lehrer aber nicht der Schüler zu kümmern, ist nicht akzeptabel.

Den Schulen Freiheiten in der Organisation zu gewähren ohne auch Unterstützung und Kontrolle zu gewährleisten, ist nicht vertretbar. Unberechenbarkeit erzeugt großen Stress bei allen Betroffenen, deren Kraft wir brauchen, um unseren Kindern die verpassten Bildungsangebote „nachliefern“ zu können. Mit anderen Worten:

Es reicht! Unsere Geduld und Belastbarkeit sind am Ende.
Nicht nur Ihr Haus hat die Pandemie unterschätzt.

Wir fordern nunmehr, dass ohne jedes Zögern eine Arbeitsgruppe unter Ihrer Führung ins Leben gerufen wird, die ein grundsätzliches Konzept für eine verlässliche Schule in der Pandemie erarbeitet, – evtl. nach Schulform und Alter der Schüler differenziert. Diese soll erarbeiten, wie unsere Kinder unter Einhaltung des Gesundheitsschutzes auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnislage regelmäßig und gerecht in Präsenz beschult werden können, – und wie die ergänzende „Haus“arbeit dazu aussehen soll.

Dazu müssen sicherlich althergebrachte Grundgewohnheiten aufgebrochen und Kompromisse gefunden werden. Wir Eltern bieten dazu gerne unsere Mitarbeit an. Beteiligt werden müssen alle Betroffenen, insb. auch die Schulträger,  mit einer Vertretung, die effizientes Arbeiten ermöglicht. Die ewigen Diskussionen und die Pseudo-Beteiligungen müssen ein Ende haben.

Das sind wir unseren Kindern schuldig!

Wir wissen weder, wie lange uns diese Pandemie im Griff haben wird, noch, ob und wann die nächste kommt. Staatsmännische/-frauliche Führung bedeutet langfristiges vorausschauendes Handeln, das Vertrauen rechtfertigt. Jetzt!

Mit freundlichen und ungeduldigen Grüßen

Martin Schulte (Bildungspolitischer Sprecher) DGhK-Regionalvereine in NRW
Behrend Heeren (Vorsitzender) Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule– Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens e.V. (GGG NRW e.V.)
Bernd Kochanek (Vorsitzender) Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen e.V. (GLGL e.V.)
Anke Staar (Vorsitzende) Landeselternkonferenz NRW (LEK NRW)
Jutta Löchner (Vorsitzende) Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen e.V.
Eva Thoms (Vorsitzende) Mittendrin e.V.
Harald Willert (Vorsitzender) Schulleitungsvereinigung NRW

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