„Etwas Verlässlichkeit wäre schön gewesen“ – Unnas City im Endspurt vor dem Lockdown

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Unnas Alter Markt am Samstag vor dem dritten Advent mit dem riesigen Weihnachtsbaum, den inzwischen zumindst eine Lichterkette ziert. In normalen Jahren strahlte hier der Weihnachtsmarkt, drängelten sich Besucher um die Glühweinstände. Diesmal ist alles anders. (Foto RB)

Hier ging´s heute Vormittag zu wie bei samstags bei Aldi. Warteschlangen und viele Leute echt aggressiv und schlecht drauf. Wir können ja auch nichts dafür, dass sie ihre Wurst nicht hier vor dem Laden und auch nicht im Laden essen dürfen.“

Annett Kyncls Senfladen auf der Massener Straße bekommt an diesem Samstag vor dem dritten Advent einen Hauch von Torschlusspanik der Weihnachtskundschaft zu spüren, welche, aufgeschreckt von dem plötzlich vor der Tür stehenden Lockdown, kurz vor Toresschluss noch eilig in die City gespurtet kommen zum hastigen Geschenkekauf.

Wenn voraussichtlich am Mittwoch alle Geschäfte bis auf die des täglichen Bedarfs abermals schließen müssen, zum zweiten Mal in diesem von der Coronakrise geprägten Jahr, platzt dieser harte Lockdown den Händlern mitten ins Weihnachtsgeschäft hinein und damit in die umsatzstärktste und wichtigste Zeit im Jahr.

„Und auch viele Kunden werden eiskalt erwischt“, weiß Annett Kyncl, der selbst noch eine Warenlieferung ins Haus steht – „am Donnerstag!“ Jetzt muss sie kürzestfristig umdisponieren und sieht sich damit in guter Gesellschaft, denn zahlreiche Einzelhändler hatten sich im Vertrauen auf einen Lockdown erst NACH den Feiertagen noch mit üppigen Warensortimenten für die beiden letzten Vorweihnachtswochen bevorratet.

In den Geschäften in der Unnaer Fußgängerzone sieht man an diesem frühen Samstagnachmittag vor dem 3. Advent gleichwohl keine Kundenmassen, die sich gegenseitig auf den Füßen herumtrampeln. Die Bahnhofstraße ist recht belebt, aber nicht voll und erst recht nicht überfüllt, die durchgängige Pflicht zum Mund-/Nasenschutz wird sichtbar: nicht nur an den Schildern, die die Stadt am Freitag an den Eingangsbereichen zur Bummelzone angebracht hat, sondern auch am weitgehenden Befolgen der neuen Order.

Komplett ohne Maske sieht man tatsächlich nur eine Handvoll Passanten in der Einkaufszone herumlaufen. Darunter sind zwei junge Mädchen, die – unbekümmert ums Ess- Trink- und Rauchverbot – auf der Massener Straße ihre Pommes genießen, und da ist eine Familie mit zwei Kindern, die sich bei Backwerk mit Backwerk eingedeckt hat und ihre Masken entweder an der Hand baumelnd oder gar nicht trägt.

Nicht selten wird das als Mund-/Nasenbedeckung gedachte Utensil freilich lässig als Kinnschutz getragen, oder es fungiert bei freier Nase als reiner Mundschutz, was indes das Ordnungsamt nicht zu kümmern schien, denn kein Ordnungsdienstler ist in Sicht, zumindest nicht zwischen 14.30 und 16.30 Uhr. Wohl ein Polizeiauto, das eine Weile am Café Extrablatt steht und dann im Schritttempo die Bahnhofstraße hinabrollt, lässig, ohne Eile.

Vor dem Café Extrablatt am Alten Markt dudelt „Last Christmas“ aus den Boxen, ein geschmückter Weihnachtsbaum verheißt das nahende Fest und ein Schild vor dem (geschlossenen) Lokal Glühwein und Bratwurst, die man jedoch beide nicht vor dem Lokal und auch sonst nirgendwo in der Fußgängerzone genießen darf, denn die durchgängige Maskenpflicht geht laut städtischer Order mit durchgängigem Ess-, Rauch- und Trinkverbot einher. Entsprechend hält der der Andrang vor dem Glühweinstand in Grenzen.

Die Händlerinnen und Händler, die wir an diesem Nachmittag sprechen, so auch im Schuhhaus auf der Bahnhofstraße, gehen übrigens unisono von einem Lockdown ab Mittwoch aus und mit entsprechenden „Torschlusspanikkäufen“ am Montag oder Dienstag: Wäre schön gewesen, fasst Senfspezialistin Annett Kyncl die Stimmung unter der Kaufmannschaft zusammen, wenn man etwas verlässlicher hätte planen und sich hätte vorbereiten können, „und da spreche ich vor allem auch für die Kunden.“

Dass, wie momentan von der Bundes- und Landesregierung angekündigt, nach dem 10. Januar wieder geöffnet werden darf, daran glaubt an diesem Samstagnachmittag in Unna niemand, mit dem oder der wir reden. Die Grundstimmung ist: „Wir müssen da jetzt durch.“ Und der meist gehörte Abschiedsgruß ist heute nicht „frohe Weihnachtstage“, sondern: „Bleiben Sie gesund.“

Unten auf dem Rathausplatz fährt derweil ein einsames Leierkastenmobil herum, und unverdrossen spielt Unnas Leierkasten-Robby Ralf Wolske-Böttcher fröhliche, aufmunternde Weihnachtsweisen. Auf die Gesichter einiger Passanten malt er damit ein Lächeln. Bald ist das Christfest da.

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