Ein Intensivpfleger schreibt: „,Niemand stirbt an Covid´ – solche Aussagen ärgern mich“

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Symbolbild Pixabay

„Ist einfach eine Grippe“, „an Covid stirbt niemand“ – solche Aussagen ärgern ihn, sagt unser Leser Martin Schmidt.

Martin Schmidt ist Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie aus dem Kreis Soest. In mehreren umfangreichen Kommentaren auf unserer Facebookseite äußerte er sich in den vergangenen Tagen zu medizinischen Fragen der Corona-Problematik. Er ist damit einverstanden, dass wir zwei seiner Kommentierungen hier als Lesermeinung wiedergeben.

Zum häufigen Vergleich mit der Grippe stellt Martin Schmidt klar,

„… dass sich Grippe und Covid19 sich im Verlauf der Erkrankung ganz klar unterscheiden. Das kann man als Laie nicht wissen, aber wenn man sich bei beiden Krankheiten mit den Behandlungsmethoden, z. B. alleine mit der Beatmung der Patienten, beschäftigt, fallen gravierende Unterschiede auf. Dies lässt sich auch bei weiteren Behandlungsmethoden erkennen. (In den Krankenhäusern) wird nicht nur auf Sars2 getestet, sondern auch auf andere Keime oder Viren.

Zu dem Punkt „krank machen und töten kann jedes Virus“: Das ist verallgemeinert. Nur dieses spezielle Virus hat eine Pandemie ausgelöst.

Die Politik ergreift Maßnahmen, um Schlimmeres zu verhindern. Da das Virus neu ist, sind wir alle in einem Lernprozess befindlich. Und werden halt noch Fehler gemacht, aus diesen lernen wir und versuchen sie in Zukunft zu vermeiden. Dies ist in meinen Augen besser, als nichts zu tun und die Pandemie so durchlaufen zu lassen.

Unser Gesundheitssystem muss überarbeitet werden, ja, aber das wird gemacht. Jeder in diesem Land bekommt eine Behandlung, wenn er krank ist, dass ist nicht überall so.
Ich arbeite jeden Tag mit Ärzten verschiedener Fachabteilungen zusammen, Intensivmedizinern, Anästhesisten, Pulmologen, Kardiologen usw. Keiner von denen nimmt die Erkrankung Covid19 auf die leichte Schulter.

Die Regierung, die Wissenschaft, das Gesundheitswesen orientieren sich momentan an den Fakten und Tatsachen, die für das Virus Sars2 und die Erkrankung Covid19 vorliegen. Es werden Maßnahmen und Behandlungen angepasst, und da das alles neu ist, befinden sich alle in einem Lernprozess.

Ich persönlich ärgere mich aber über Aussagen „niemand stirbt an Covid“. Solche Aussagen kann man schon fast mit der Aussage gleichsetzen „die Erde ist eine Scheibe“. Panik ist falsch, aber sich den Tatsachen verweigern und keinen Respekt vor etwas zu haben, wo sich noch nicht alle Folgen absehen lassen, halte ich für grundlegend falsch und gefährlich.

Von Januar bis zum 3. 11. waren es 21.659 Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt wurden, die mussten nicht nur in ein Krankenhaus. Bisher mussten 45.116 von 420.592 Personen in ein Krankenhaus aufgenommen werden, das sind 11%. Derzeit 3.11. sind 2.388 auf Intensivstationen in Behandlung, 1.256 werden beatmet. Am 30.10. waren 18.145 Betten belegt, am 3.11. 21.482 Betten. Das ist der Grund für die Maßnahmen.

Pflegerische und ärztliche Kollegen erkranken zunehmend. Es werden also weniger Betten zur Verfügung stehen.

Die WHO folgt beim Feststellen einer Pandemie einem 6-Phasen-Plan. Dieser Plan wurde zuletzt 2013 angepasst. Aber eine hohe Sterblichkeitsrate war bei der WHO nie Voraussetzung für eine „Pandemie“. Wäre auch sehr fragwürdig, um nicht zu sagen dämlich, wenn man warten würde, bis 50 Millionen gestorben sind, um eine Pandemie festzustellen.

Covid und Grippe unterscheiden sich im Verlauf ganz klar voneinander, durch z.B. Behandlungsmethoden der spezifischen Beatmung, Röntgenaufnahmen der Lunge, Dehnungsfähigkeit der Lunge, Wassereinlagerungen im Interstitium usw.. Die außergewöhnlich starke Grippewelle 2017/18 hat nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Bisher sind leider in Deutschland 10.717 Menschen an Covid19 verstorben. Obwohl Maßnahmen ergriffen wurden und es Anfang November ist. Wir haben also noch ein paar Monate vor uns.

Bei 10 % der mild Erkrankten, also nicht im Krankenhaus behandelten Patienten kommt es zum „Long Covid Syndrom“. Hinzu kommt, dass die Grippe Saison von Dezember bis Mai noch dazukommt.

Warum ist die Grippe keine Pandemie? Gott sei Dank kommt es nicht in jeder Grippesaison zur Pandemie. Eine Pandemie wird vom Generaldirektor der WHO von einer Epidemie zur Pandemie ausgerufen, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. (Phase 6, Pandemie: Wachsende und anhaltende Übertragungen von Mensch zu Mensch in der gesamten Bevölkerung.)

Schweden hat 54 Todesfälle pro 100.000 Einwohner, Deutschland hat 13 Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Die schwedische Wirtschaft wird in diesem Jahr deutlich schrumpfen, das Bruttoinlandsprodukt wird laut einer Prognose des Nationalen Instituts für Wirtschaftsforschung voraussichtlich um 7 Prozent sinken. 40 Prozent der Schweden waren im Frühjahr im Homeoffice. In Schweden waren bis ungefähr September die Besuche in Altenheimen komplett verboten. Seit Frühjahr haben sie keine Veranstaltungen mit über 50 Menschen durchführen lassen. Schüler ab 16 machen in Schweden Home schooling.

Eine Maske zu tragen war bereits vor der Pandemie in Japan üblich. Japaner halten sich ohne große Proteste an die Regeln. Abstand, Kontakte einschränken, Menschenmassen meiden. So reichen für die Japaner offenbar Empfehlungen statt Einschränkungen. Vielleicht können wir in Deutschland von Japan lernen?

Haben (die Kritiker der Maßnahmen) schon einmal in Vollschutzausrüstung ( FFP2/FFP3 Maske, Kittel, Schutzbrille/Visier, Handschuhe) gearbeitet und Patienten gepflegt über Stunden? Die Pflege hat eh schon schwierige Arbeitsbedingungen ohne diese Ausrüstung, mit dieser notwendigen Ausrüstung wird es nochmal um einiges Kräfte zehrender. Wie lange hält man das durch? Ich weiß es nicht.

An die Kritiker: Sie werfen mir Panikmache vor und bezweifeln, was die Mehrheit der Mediziner als Einschätzung zur momentanen Situation sagt? Mit Blick auf unsere Nachbarländer und den sich in Deutschland deutlich füllenden Intensivstationen ist dies bestimmt nicht nur für mich als Pflegekraft ein Schlag ins Gesicht. (30.10.2020 18.145 belegte Betten, 4.11.2020 21.695 belegte Betten, 30.10.2020 1839 Covid Patienten auf der Intensivstation 4.11.2020 2.546 Covid Patienten auf der Intensivstation, 29.10.2020 7.559 Betten,4.11.2020 7068 freie Betten).

Mit freundlichen Grüßen und bleiben Sie gesund.“


3 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Bericht und Hochachtung für Martin Schmidt der die Situation in aller Sachlichkeit und Nüchternheit erklärt.
    Genau so ist es, egal ob der Bezug zum Gesundheitssystem, die Erläuterung zum Krankheitsverlauf, das Schwedenthema oder Maske.
    Es ist ja still geworden um diese Schreihälse die sich Mitte des Jahres noch über die 2te Welle und leere Intensivbetten lustig gemacht haben.
    Vielleicht auch bald um diese Ignoranten wenn sie selbst oder ein Familienmitglied mal erlebt was der Unterschied zwischen einer Grippe und Covid19 ist.

  2. Ich muss bekennen, dass ich die Coronamaßnahmen kritisch sehe. Ich sage nicht, keiner stirbt an Corona. Aber dasselbe würde ich auch bei einer Grippewelle sagen. Wenn dieser Krankenpfleger doch auf Intensivstationen tätig ist, warum berichtet er nicht von seinen persönlichen Erfahrungen? Warum wiederholt er Zahlen, die man jeden Tag von der Qualitätspresse ins Gesicht geklatscht bekommt? Vielleicht könnten seine persönlichen Erfahrungen doch einen anderen Blick auf die sogenannte Pandemie werfen. Vielleicht müsste auch er zugeben, dass seine eigenen Erfahrungen nicht dazu taugen die Leute in Angst und Panik zu versetzen. Viele der Gegner der Coronamaßnahmen leugnen nicht die Gefährlichkeit von Corona, sie haben aber gute Gründe anzunehmen dass es sich hier um keine Pandemie handelt. Leider kann man darüber in unserem Land keine Diskussion führen. Was einem schon sehr bekannt vorkommt. Menschen, die an Demos gegen die Maßnahmen teilnehmen werden gesellschaftlich geächtet und können auch ihre berufliche Existenz verlieren. Das sind Entwicklungen, die auch die hellhörig machen sollten die für die Maßnahmen sind. Dieses Land verändert sich nicht zum Guten. Ich denke oft, die Spaltung unserer Gesellschaft lässt sich nicht mehr aufhalten. Ich gebe dafür vor allem der Presse und der Politik die Schuld. Wer sich die Berichterstattung zu der Leipziger Demo ansieht, kann nur verzweifeln. Manipulation und verzerrte Darstellung der Ereignisse und das kann jeder mit etwas Mühe und Interesse (sehr wichtig) nachprüfen. Und das mit dem Ziel, die Menschen die dort demonstriert haben zu diffamieren und letztendlich zum „Abschuss“ freizugeben. Ja, so hart kann und muss man das sagen. Denn was folgt auf die gesellschaftliche und berufliche Ausgrenzung, da kann sich jeder seinen Teil denken. Ich würde mich freuen, wenn im Rundblick auch mal ein Gegner der Corona-Maßnahmen zu Wort kommen würde. Es gibt Ärzte, die den Mut haben dies zu tun. Und ich denke, es gibt auch Pfleger die kritisch zu den Maßnahmen stehen. Ob sie den Mut haben würden, dies öffentlich zu machen? Ich denke oft nicht. Sie wissen, was sie erwartet und halten lieber den Mund. Schade, dass dies so vielen Menschen so egal ist. Dass die Demokratie und Meinungsfreiheit nur noch auf dem Papier existiert. Dass Menschen Angst haben müssen ihre Meinung zu sagen. Das ist so traurig. Aber das schlimmste ist, dass so viele Menschen in Deutschland dafür überhaupt kein Interesse haben. Mutige Menschen, die ihre kritische Meinung äußern wird jeder Beistand verweigert. Wie Zombies schaut die große Masse zu, wie gute und mutige Menschen niedergemacht werden. Wie tief ist das deutsche Volk gesunken. Ich schäme mich für dieses Volk.

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