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Wie wir das – jetzt noch – schaffen können: Gedanken zur Flüchtlingskrise

 
Wir schaffen das. Wie sollen wir das schaffen? Was genau sollen wir eigentlich schaffen – was ist „das“? Und wieso „wir“? Kein Thema wird seit Monaten, spätestens seit Silvester, hitziger diskutiert als die Flüchtlingskrise. Auch hier auf Rundblick.
Hier deshalb kein weiteres Streitgespräch, sondern Statements von zwei befreundeten Lokalisten: Kemal Cakir (44), Inhaber des Intensivpflegezentrums Cakir in Bönen, und Frank Kuhlmann (53) vom Rundblick-Magazin und Rundblick-Unna.de.
1. Momentane Situation 
Frank Kuhlmann: Ich finde es absolut katastrophal, was gerade passiert. Es zeigt, dass man aus der Vergangenheit nicht viel gelernt hat. Glaube und Religion werden nach wie vor dafür benutzt, Menschen zielgerichtet zu beeinflussen und zu kriminalisieren. Und im schlimmsten Fall, um Menschen zu töten.
Als fatales Nebenprodukt davon kommt zudem die Pauschalisierung hinzu. Denn durch diese kriminellen Gruppierungen und Organisationen werden auch alle nichtkriminellen und normalen Personen in den gleichen Sack gesteckt, auf den man gerne rumhaut. Folglich sind dann bei einigen Menschen z.B. alle Ausländer schlecht und kriminell. Das ist aber ja keineswegs der Fall.
Wenn, dann gibt es nur gute und schlechte Menschen!
Zur Frage, was politisch abläuft: Es ist schon beachtlich – Achtung, Ironie! – dass die hohe Politik sagt: Wir schaffen das! – ohne sich vorher gezielt und fundiert Gedanken darüber zu machen, „wie“ wir dieses riesige Problem überhaupt in den Griff bekommen sollen. Ich meine damit die gesamte Regierung, nicht nur Frau Merkel.
Dass wir Menschen in Not helfen müssen und helfen wollen – das ist doch klar! Aber es ist naiv zu glauben, dass man eine Million Leute und noch mehr in kürzester Zeit integriert bekommt. Man kann diesen Menschen, die mit solcher Wucht in so großer Zahl kommen, weder vernünftigen Wohnraum noch Perspektiven bieten. Quasi hat man sie sich selbst überlassen. Um nach außen gut da zu stehen – meine Meinung!
Kemal Cakir: Ich sehe die aktuelle Situation eigentlich nicht sehr viel anders als seit Jahrzehnten schon.
Deutschland war schon immer ein Super-Sozialstaat, kein Land dieser Erde hat dieses einzigartige Gesundheitssystem und diese Infrastruktur.
Deutschland hat schon immer auch viele Menschen aufgenommen, Hunderttausende in den letzten Jahrzehnten. 80 Millionen Einwohner, zusätzlich 1,1 Millionen Flüchtlinge, die alle auch die Sozialleistungen genießen. Welches Land außer Deutschland schafft das?
Nur wie jetzt damit umgegangen wird, erschreckt mich. Die Talkshows und Medien, vor allem auch soziale Medien beeinflussen negativ, so dass die Stimmung kippt. Diejenigen, die schon vorher negativ gegen Flüchtlinge waren, fühlen sich bestätigt, die in der Mitte stehen, werden durch die ständigen schlimmen Nachrichten ebenfalls negativ beeinflusst.
Ich will gar nicht abstreiten, dass es Kriminalität und Übergriffe gibt. Aber ich bin überzeugt, dass es nicht so schlimm ist, wie es dargestellt wird, dass das Negative jetzt aufgebauscht wird und dass das alles nichts mit dem Islam als Religon zu tun hat.
Fehlende Transparenz und schlechte Vorbereitung sind das Problem. Aber ich bin absolut überzeugt, dass Deutschland die aktuelle Situation schaffen kann.

Kemal Cakir und Frank Kuhlmann

Privat befreundet: Kemal Cakir (li.), Inhaber des Pflegezentrums Cakir in Bönen, tauschte mit Rundblick-Chef Frank Kuhlmann Gedanken über die Flüchtlingskrise aus.

2. Die Fehler von früher
Frank Kuhlmann: Nur ganz kurz zur Außenpolitik, das würde sonst zu weit führen: Wenn man bedenkt, dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, weil Waffen geliefert und Kriege angezettelt werden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn diese Leute auch kommen, um nicht getötet zu werden!
Integration wurde in Deutschland nie richtig betrieben. Man hat Zugewanderte schon früher ghettoisiert, in Großstädten ist das frappant sichtbar, man hat sie nicht eingebunden, sich selbst überlassen. Man hat auch keine Integration von ihnen eingefordert. Keine verpflichtende Sprachkurse, kein verpflichtender Kitabesuch, nur um zwei Beispiele zu nennen.
Das alles fällt uns jetzt auf die Füße. Dass man in einem fremden Land Seinesgleichen sucht, ist verständlich. Aber Integration funktioniert nur mit vernünftiger Durchmischung.
Kemal Cakir: Ich bin 1971 in Unna geboren, meine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei. Ich kann bestätigen, was Frank sagt.Integration war in Deutschland immer sehr lückenhaft. Die Migranten, die Ende der 60er Jahre nach Deutschland kamen, waren einfache Leute, die sich nur auf ihre Arbeit und ihre Familie konzentrierten. Bestimmte Sachen sind da massiv untergegangen: den Kindern die Werte des Gastlandes zu vermitteln und sich selbst diese Werte anzueignen. Das hat man in vielen Migrationsfamilien verpasst. Viele Kinder hatten daher gar keine Chance auf Integration und gute Bildung. Die Folgen zeigen sich massiv in der dritten Generation. Man sondert sich ab, da auch keine Integration vom Staat verlangt wird.
Jetzt kommen über eine Million Weitere hinzu, Hunderttausende werden verweilen. Auch das war absehbar. Man hätte viel früher entsprechende Strukturen schaffen müssen.
3. Was jetzt geschehen muss
Kemal Cakir: Man muss jetzt schnell handeln. Nicht mehr in Talkshows rumsitzen, sondern agieren.
Die Zuwanderung momentan zu begrenzen halte ich für sinnvoll, damit nicht noch mehr auf den Nerv der Gesellschaft drücken. Man muss zügigst integrative Infrastruktur schaffen. Es muss klar sein: Das kostet uns sehr viel Geld!
Man muss Offenheit und Transparenz schaffen. Das Positive herausstreichen – die Bereicherung, neue Kulturen, viele junge Neubürger. Das Negative nicht schönreden, aber auch nicht so massiv breit treten.
Ich erwarte, dass jeder eigenverantwortlich seine Chance ergreift, auch wenn man erst einmal nur 10 Euro verdient. Ich war Anfang der 90er auf der Krankenpflegeschule im EK Unna der einzige türkische Mann, und man hat mich früher in meiner Jugend auch als „Kümmeltürke“ verspottet, na und? Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt´s an der Badehose? Quatsch! Ich hätte mich auch in die Ecke setzen können, mich besaufen und anfangen können, kriminell zu werden. Ich habe statt dessen meine Chancen genutzt und erwarte das von jedem, der herkommt, und von den Einheimischen sowie dem Staat Unterstützung.
Frank Kuhlmann: Zwingend erforderlich sind aus meiner Sicht: Pflicht zur Integration – klare Anwendung von Recht und Gesetz, wo nötig mit entsprechender Verschärfung. Transparenz auf allen Ebenen!
Wenn man mitbekommt, dass seitens übergeordneter Organe das Volk ruhig gestellt werden soll, zeigt dass mal wieder, dass man nicht begriffen hat, dass man die Wahrheit letztendlich nicht unter den Teppich kehren kann.
Es fördert extreme Gruppen, rechte wie linke. Nur weil man entscheidet, über etwas nicht zu berichten, verschwindet doch das Problem nicht von selbst!
Gerade im New Media-Zeitalter ist das ein Trugschluss. Fehlende oder gar manipulierte und unwahre Informationen machen die Bevölkerung nur noch wütender und das Vertrauen in Medien und Staat wird nachhaltig zerstört.
Und noch viel schlimmer: Es treibt die Leute zu Informationsquellen im rechts- und linksextremen Spektrum.
Alles zusammen ist das absolutes Gift für ein friedliches Miteinander.
Das Gespräch wurde im Januar 2016 von Silvia Rinke aufgezeichnet.

Kommentare (6)

  • Christoph Krause

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    Ein Gespräch das Mut machen sollte. Die beiden sind mir sympatisch.

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  • Helmut Brune via Facebook

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    Wenn man seine Gedanken zu diesem Thema schweifen lässt, kommt man zu vielen Schlüssen. Ohne jetzt politisch auf irgendeiner Seite stehen zu wollen, denke ich, dass es Gegensätze und Übereinstimmungen gibt. Zu den Übereinstimmungen gehört z.B. , dass jeder seines Glückes Schmied ist und damit individuell Verantwortlich für sein eigenes Handeln. Das ist nicht Abhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Glauben. Eine Multikultigesellschaft funktioniert nur, wenn wir alle genügend Respekt und guten Willen aufbringen. Zu den Gegensätzen zählt, dass die Normen und Werte in der Islamistischen Welt sich doch unterscheiden von denen der Christlichen Welt, oder derer, die keinem Glauben nachgehen. Wir Alle müssen uns daran gewöhnen, dass die Dinge verschieden sind und das auch akzeptieren. Wenn wir das gemeinsam schaffen, können wir auch zusammen etwas am wirklichen Weltproblem tun, nämlich der Habgier der Superreichen und der Grosskonzerne. Damit könnten wir sorgen, dass der Reichtum, den die Welt uns bietet, ehrlicher verteilt wird. Meiner Meinung nach ist Letzteres nämlich der wahre Grund für alle Spannungen in der Welt. Das wird aber wahrscheinlich nur mein Wunschtraum bleiben, dass da irgendwas gelöst wird.

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  • Udo

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    Lesenswert! Es zeigt noch mal, dass es einfache Lösungen nicht geben kann, gleichwohl menschliche Lösungen geben muss. Schönen Dank!

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