Rundblick-Unna » Voll, voller – Ray Wilson im Kühlschiff: Ex-Genesis-Sänger riss nicht nur mit Genesis-Songs vom Hocker

Voll, voller – Ray Wilson im Kühlschiff: Ex-Genesis-Sänger riss nicht nur mit Genesis-Songs vom Hocker

Er sang für zwei Bands: Stiltskin und Genesis. Genesis kennt jeder.  Stiltskin im Grunde auch – durch „Inside“, den Levi´s Werbesong in den 90ern. Jetzt singt Ray Wilson Songs beider Bands sowie seine eigenen Nummern, die man sich ziemlich (!) gut anhören kann. Das fand ganz entschieden auch das Konzertpublikum gestern Abend in der Lindenbrauerei.

Voll, voller, krachend voll – Kühlschiff! So sollte es immer sein, dann wäre das Kulturzentrum im Nullkommanichts seine finanziellen Sorgen los. Aber klar kriegt man nicht jedes Wochenende den ehemaligen Frontmann einer Bandlegende nach Unna.

Ray Wilson

Ausnahmezustand also, auch auf der Bühne. Denn Ray Wilson reist mit großem Gefolge an. Sechs Musiker plus eine Musikerin flankieren den Schotten, der mit seiner mega-sympathischen Art sofort alle Herzen im Sturm erobert: auch von denen, die „eigentlich nur gekommen sind, um Genesis zu hören.“

Sie kriegen natürlich auch viel von Genesis zu hören, aber nicht nur. Abwechselnd mit Stiltskin (klar – „Inside“, als Kracher in der zweiten Konzerthälfte). Plus Songs von Wilsons Solo-Alben. „Gute Mischung“, findet eine unablässig mitwippende und -mitklatschende Besucherin hochzufrieden. Ihr Begleiter, ganz offenbar ein Genesis-Fundi, ist nach vorn in die Menge vor der Bühne abgetaucht und singt inbrünstig jede Zeile mit.

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Wilson und Genesis war im Grunde ein Missverständnis. Britische Musikkritiker spotten, dass der Schotte zu dieser Band ungefähr so gepasst hat wie eine Dohle in einen Ziervogelkäfig. Phil Collins, den Wilson 1996 als Frontmann beerbte, soll seinen Nachfolger in musikalischer Hinsicht unsäglich gefunden haben. Aber, nun ja, so mancher Fan von Collins´ Vorgänger Peter Gabriel fand den Drummer in der Sängerrolle mindestens ebenso unsäglich.

Und dass das grenzwertige „Calling All Stations“-Album das Projekt Genesis 1997 final versenkte, ist nicht Ray Wilsons Schuld. Das haben Tony Banks und Mike Rutherford mit ihren öden, langweilig weichgespülten Gefälligkeitskompositionen auf dieser Platte schon selbstständig besorgt. „Dieses Album“, schrieben britische Musikzeitungen im damals allgemeinen Verriss, „hätte auch  Collins und noch nicht mal Gabriel retten können.“ Genau.

Ray Wilson

Dennoch greift Ray Wilson mit seiner rauen, sehr an Peter Gabriel erinnernden dunklen Stimme auch auf „Calling All Stations“ zurück. „Congo“ – dieses Stück mit den wuchtigen Bässen, das man sich auf diesem Album noch am ehesten anhören kann. Bei „Ripples“, diesem konzertanten Opus von dem bombastischen „Wind and Wuthering“-Album, wird spätestens klar, wieso sich Wilson gleich sein komplettes Orchester mitgebracht hat. Geigerin und exzellenter Saxophonist, alles da. Ultimatives Gänsehautfeeling bei „Follow You Follow Me“, zumal sich bei diesem wundervollen Schmuse-Wiegesong gleichzeitig die Glitzerkugel unter der Kühlschiffdecke zu drehen beginnt und sphärenhafte Sternenhimmelstimmung im ganzen Saal verbreitet. Hach, ist das schön!, möchte man seufzen, und einige seufzen auch und wünschen sich Wunderkerzen herbei.

LIndenbrauerei Kühlschiff

Die Discokugel findet der Schotte übrigens äußerst faszinierend. „I love this glitter ball“, schwärmt er auf das Teil an der Decke zeigend und erzählt in  gebrochenem Deutsch eine Anekdote von einem Abend in „die Deutsche Weinstube“ in Stuttgart, wo er an einem Kneipentisch genau unter einem solchen „Glitter Ball“ mit (zu viel – viel zu viel) Jägermeister hoffnungslos versackte. „I was drunken for six months.“

Danach bringt er „Mama“ – ganz ähnlich diabolisch wie Phil Collins, mit unheimlich angestrahlter Fratze und hämischem „Ha! Ha!“- Gelächter.

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Erfreulicherweise bekommt der Sänger von dem dankbaren Kühlschiff-Publikum auch für seine eigenen Songs kräftigen Applaus und Beifallpfiffe. Zum Bespiel für „Change“, einem wunderschön eingängigen, gitarrendominiertes Stück,  in dem Wilson seine Abschiedsphase von Genesis anklingen lässt. Fast drei Stunden dauert dieses tolle Konzert – der Abschlusssong ist, als kleine Überraschung, nicht von Genesis, sondern von Stiltkin: „Constantly Reminded“ .  Ein ziemlich genialer Konzertabend. Klasse.

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