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Urteil gegen Unnaer Hebamme rechtskräftig: Lange Haft wegen Totschlags eines Babys

Das Urteil ist rechtskräftig. Wegen Totschlags eines Babys muss eine Hebamme aus Unna für sechs Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil des Dortmunder „Schwurgerichts jetzt bestätigt, meldeten die WDR-Nachrichten am heutigen Nachmittag. Die Geburtshelferin scheiterte damit mit ihrer Revision.

Das Urteil in dem tragischen Fall fällte das Schwurgericht bereits im Herbst 2014 (wir berichteten). Das Neugeborene, ein Mädchen, war 2008 bei der von der Hebamme begleiteten Hausgeburt qualvoll erstickt. Die Entbindung hatte in einem Hotelzimmer stattgefunden und 17 Stunden gedauert.

Die Dortmunder Richter sahen es als erwiesen an, dass die – seit vielen Jahren erfahrene – Geburtshelferin während des dramatischen Geburtsverlaufs aus Selbstüberschätzung keinen Arzt hinzugerufen habe. Sie habe, so die harten Worte der Richter, den Tod des kleinen Mädchens „sehenden Auges in Kauf genommen“.

Deswegen erging im Herbst 2014 das entsprechend  harte Urteil: Totschlag.

Bei fahrlässiger Tötung (so werden die meisten ärztlichen Behandlungsfehler juristisch bewertet) wäre das Strafmaß deutlich geringer ausgefallen. Doch auch der Bundesgerichts sah die Schuld der Hebamme in jenen dramatischen Stunden in dem Hotelzimmer als erwiesen an.

Die Unnaerin muss damit ihre Haftstrafe antreten.


In einem ausführlichen damaligen Bericht auf „Der Westen.de“ hieß es damals nach dem Urteilsspruch des Landgerichts:

Hoffnung auf Anita R.-L., die in Fachkreisen der Hebammen als Kapazität gilt, hatte sich ein in Lettland lebendes deutsches Paar gemacht. Obwohl das Kind zum Ende der Schwangerschaft in der als Risiko eingestuften „Beckenendlage“ lag, beruhigte Anita R.-L. die beiden, die das Kind in einer Hausgeburt in Deutschland zur Welt bringen wollten. Richter Meyer: „Die Beckenendlage ist in einigen Fällen lebensbedrohlich und nicht eine Variante der Normalgeburt, wie die Angeklagte Glauben machen wollte.“

Auf den Rat der Hebamme mietete das Paar ein Zimmer in einem Hotel in Unna. Obwohl es am 30. Juni 2008 frühmorgens die ersten Wehen an die Hebamme meldete, wurde diese noch nicht aktiv. So kam es dazu, dass die Schwangere später aus Schwäche das Hotelzimmer nicht mehr verlassen konnte. Erst nachmittags kam die Hebamme, verzichtete aber darauf, die Verlegung in eine Klinik zu veranlassen.

Die kleine Greta hatte so keine Chance. Tot kam sie um 22.14 Uhr zur Welt. Überlebt hätte sie, wenn sie noch um 19 Uhr in eine Klinik gebracht worden wäre.

„Sie hatte auch Angst um ihr Ansehen, um ihre fachliche Reputation“, nannte Richter Meyer ein Motiv der Angeklagten, warum sie keine Klinik eingeschaltet und den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen hatte. Er erinnerte daran, dass der Tod Gretas kein Einzelfall gewesen sei. 2007 sei ein Kind bei einer ähnlichen Konstellation tot zur Welt gekommen. Damals hätte die Notärztin auf Verlangen von Anita R.-L. ohne eigene Untersuchung einen natürlichen Tod bescheinigt.“

Kommentare (25)

  • Ed Hart via Facebook

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    2008 ist das passiert…? hat die Hebamme danach weiter praktiziert?
    Schon traurig so etwas!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Ja, Ed Hart, wir haben das eben selbst noch mal nachrecherchiert und eine Passage aus einem damaligen Gerichtsbericht eingefügt.

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  • Mike

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    Krass, wenn soetwas aber schonmal vorgefallen ist, war die Dame wohl lernbefreit, jetzt hat sie ja Zeit nachzudenken

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  • Gunnar

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    Keinen Plan von der ganzen Materie haben und nach einem Zeitungsbericht von „lernbefreit“ und „Zeit nachzudenken“ reden. So was liebe ich an uns Menschen. Was der erste Fall mit dem zweiten zu tun haben soll, erschließt sich offenbar bloß den Richtern aus Dortmund – und Ihnen, Mike. Bei Geburten können durchaus auch Kinder sterben, das ist schlimm, aber Natur. Die Verurteilte war eine äußerst erfahrene Hebamme und Ärztin.

    Im aktuellen Fall wirkte der Prozess auf mich teilweise sehr befremdlich. Und Totschlag ist schon ein krasses Urteil.

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    • Ferenc

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      Ärztin ist sie nicht. Und es handelt sich hier ja um einen gut dokumentierten Fall. Sie hat sich wohl einfach zu viel zugetraut und nur weil man etwas 100 mal gut gemacht hat, ist das nun mal eine Bereich in dem man dann einen schon nicht mehr als fahrlässig zu bezeichnend Fehler begeht nicht antun kann. Ein Kind ist tot. Beckenendlagen sind etwas fur’s Krankenhaus, Ende.

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    • Nicole Hudson via Facebook

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      Hast du den Bericht mal gelesen??? Erstens kam die „erfahrende“ Hebamme erst am Mittag zu der Schwangeren. Obwohl Morgens schon die ersten Wehen gemeldet worden sind und die Hebamme hat keinen erfahrenden Arzt bzw einen Krankenwagen dazugerufen. Die hat es in Lauf genommen. Bin mir aus kann man die im Keller sperren. Ohne essen und ohne trinke Und ohne Decke!

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    • Mike

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      Ich zitiere mal: „Damals hätte die Notärztin auf Verlangen von Anita R.-L. ohne eigene Untersuchung einen natürlichen Tod bescheinigt.“ „Er erinnerte daran, dass der Tod Gretas kein Einzelfall gewesen sei. 2007 sei ein Kind bei einer ähnlichen Konstellation tot zur Welt gekommen.“

      Warum verlangt man einen natürlichen Tod zu bescheinigen wenn man nichts zu verbergen hätte ? Dann hätte der Notarzt das Kind ja untersuchen können und es hätte keinen Befund gegeben.

      Eine Hebamme ist keine Ärztin, und ja es gibt Todgeburten. Es war aber in beiden Fällen eine Risikogeburt und spätestens dann wenn erste Komplikationen auftreten, MUSS man den Notarzt rufen, daß was die Hebamme da begangen hat hat das Gericht als Totschlag eingestuft. Das Kind ist erbärmlich erstickt weil die Hebamme nicht kompetent genug war ihre Grenzen zu erkennen und Hilfe zu rufen ! Wäre rechtzeitig Hilfe gerufen worden, könnte das Kind evtl. noch leben, zumindest wäre dann alles Menschen mögliche gemacht worden um das Kind zuretten.

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      • Anika Osthoff via Facebook

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        In diesem Fall ist die Hebamme aber auch Ärztin… Was es nicht leichter macht….

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        • Mike

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          Stimmt, habe ich gerade auch woanders gelesen, macht es in der Tat nicht leichter sondern eher schwerer weil eine Ärztin wohl eine kritische Lage noch besser einschätzen können sollte als eine Hebamme.

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      • Mike

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        Sehr interessant zu dem aktuellen Fall, zweimal versucht einem Notarzt etwas vorzugeben:

        „Notarzt hatte empört abgelehnt

        Verlangt hatte die Hebamme das auch vom Notarzt, der ihr den natürlichen Tod Gretas bescheinigen sollte. Das hatte er aber empört abgelehnt und die Polizei eingeschaltet.“

        http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/hebamme-in-dortmund-wegen-totschlags-zu-haftstrafe-verurteilt-id9889984.html

        Das ist echt krank, somit wurde als es zu spät war doch der Notarzt gerufen, das hätte man viel eher machen können und laut Gericht hätte das Kind dann wohl überlebt.

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  • Marcus Stadel via Facebook

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    Hier rennen tausende frei rum, die Schlimmeres getan haben…

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    • Ferenc

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      Schlimmeres?! Ein Kind ist tot weil die GEBURTSHELFERIN (!) nicht in der Lage war einzugestehen, dass diese Geburt nicht in einem Hotelzimmer (!!!) klappen kann. Was kann es schlimmeres geben? Sie haben offenkundig keine Kinder

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Solche Anspielungen finden wir hier gerade mal ganz entschieden deplatziert, Marcus Stadel. Sorry.

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    • Marcus Stadel via Facebook

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      Ein Mensch, der sich selbst überschätzt hat, hoffentlich fahrlässig. Ok, eine schlimme Geschichte… aber Taten gegen Leben und Gesundheit, vorsätzlich begangen, werden oft geringer bestraft.

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  • Melina Mroncz via Facebook

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    Marcus Stadel ernsthaft? Was gibt es schlimmeres als den Tod eines Kindes zu verantworten? Ohne Worte! !!!

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  • Anika Osthoff via Facebook

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    Das ist alles von außen schwer zu beurteilen. Mir fehlt immer ein bisschen, dass die Eltern, die diese außerklinische Geburt bei Beckenendlage ja auch um jeden Preis wollten, doch auch ein bisschen Verantwortung übernehmen müssten…. Allein der Hebamme die Schuld zu geben, erscheint mir recht einseitig….

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  • Jacqueline Krüger via Facebook

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    Da bleibt einem die spucke weg…. da war ihr das ansehen von Kollegen wichtiger als das Leben eines kleinen Menschen…. traurig

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  • Thomas Fabri via Facebook

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    Der ganze Fall ist krank.
    Ich habe vor einem halben Jahr die WDR Dokumentation hierzu gesehen und war selten so erschüttert.
    Die Eltern werden die Entscheidung, um jeden Preis eine Hausgeburt zu wollen, ein Leben lang mit sich tragen müssen.
    Sie wurden jedoch durch die Hebamme in ihrem Ansinnen bestärkt.
    Zum Geburtsverlauf: Für mich absolut unverständlich, dass weder der anwesende Vater noch die Hebamme zeitig die Reißleine gezogen haben.
    Ich habe nichts gegen Hausgeburten, das muss jeder für sich selbst entscheiden, jedoch sollte reguliert werden, dass bei Risikoschwangerschaften davon Abstand genommen wird. Es geht um Menschenleben und nicht um Ideologien. Ebenso sollte bei auftretenden Komplikationen ein „Plan B“ jederzeit eingeleitet werden können.

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  • Jacqueline Krüger via Facebook

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    Jeanie Claudia

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  • Marion

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    Es ist traurig was da passiert ist. Ich habe diese Hebamme bei der Geburt meines Enkels 2001 kennengelernt. Auch eine Hausgeburt. Eine sehr erfahrene, hilfsbereite Frau. Schade das ihr dieser Fehler unterlaufen ist.

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  • Saliha Volkmer via Facebook

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    Leyla Volkmer

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  • S.D.

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    Ich habe eben im WDR das Feature ‚Tod eines Neugeborenen‘ gehört.
    Alle hier Kommentierenden waren wohl selbst nicht bei der Geburt dabei und sollten deshalb sehr vorsichtig mit Schuldzuweisungen sein.
    Aus der Schilderung ergeben sich für mich Ungereimtheiten seitens des Gerichts, denen nachgegangen werden sollte, wenn sie denn den Tatsachen entsprechen (was sich objektiv nachprüfen lässt). Ebenso wie es natürlicherweise Todesfälle unter der Geburt geben kann und Fehler der begleitenden Ärzte oder Hebammen gravierende Auswirkungen bis hin zum Tod haben können, sind aber auch Gerichte in ihrer Einschätzung nicht ohne menschliches Versagen.
    Ich will damit nicht sagen, dass es in diesem Fall so ist – lediglich: es könnte sein.
    Und im Sinne der Gerechtigkeit wäre es wünschenswert, diesen Zweifel zu prüfen.
    (Mutter von 4 Kindern)

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  • Marius

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    Die Urteilsbegründung ist unter
    https://openjur.de/u/739937.html
    zu finden.

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