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„Teilen, teilen, teilen…!!!“ – Polizei: Privatfahndung kann Hysterie auslösen und ist oft nicht hilfreich

„Bitte teilen“, „bitte teilen!!!“ Für Aufsehen sorgte am vergangenen Wochenende eine private Vermisstenfahndung in den sozialen Medien. Eine junge Frau aus Unna-Mühlhausen war am Freitagmittag verschwunden.

Ab den Abendstunden wurde der verzweifelte Suchaufruf von Angehörigen inklusive eines Fotos der Vermissten hundert-, wenn nicht tausendfach geteilt und über Facebook und WhatsApp weiterverbreitet. Vorab: Die junge Frau wurde am Sonntag von der Polizei gefunden. Dem Vernehmen nach verletzt, aber nicht allzu schwerwiegend.

Auf uns kamen ab Freitagabend Leserinnen und Leser dutzendweise zu, die uns baten, den Aufruf mitsamt dem Foto der jungen Frau ebenfalls weiterzuverbreiten. Für unsere Erklärung, weshalb wir das auf keinen Fall ohne eine offizielle polizeiliche Fahndung tun – wir haben sie unten noch einmal angehängt –  hatten erfreulicherweise die allermeisten Leser großes Verständnis. Vereinzelt wurden wir aber auch dafür angefeindet: von „schäbig“ war die Rede, davon, dass die Polizei ja nichts tue, dass es für die Polizei „ja nicht wichtig genug“ wäre, diese junge Mutter wiederzufinden. Und ob wir auch so einen „schäbigen Text“ verfassen würden, wenn ein eigener Angehöriger betroffen wäre.

Darum ging es nicht. Und wir bleiben bei unserem Standpunkt, dass wir private Suchaktionen übers Internet grundsätzlich erst dann unterstützen, wenn die Polizei eine öffentliche Vermisstenfahndung herausgibt.

Wir haben aufgrund der Aufregung über diesen Fall am Wochenanfang noch einmal mit der Kreispolizeibehörde Unna Rücksprache gehalten.

Ihr Pressestelleneleiter Thomas Röwekamp (im Bild) antwortete auf unsere Fragen Folgendes:

“ 1.       Die junge Frau ist im Bereich der Kreispolizeibehörde Soest  angetroffen worden. Weitere Einzelheiten kann ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht mitteilen, da es sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren in Soest handelt.

2.       Wie Sie auch schon richtig auf Ihrer Facebookseite angeführt haben, unterliegt die Fahndung – und damit auch die Veröffentlichung – von privaten Daten ganz engen gesetzlichen Voraussetzungen. In diesem Fall wurde durch die Polizei in Unna geprüft, ob die junge Frau (volljährig) im gesetzlichen Sinne als vermisst anzusehen ist und Fahndungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen. Nach Prüfung aller Fakten lagen in diesem Fall die Voraussetzungen des polizeilichen Vermisstenerlasses nicht vor.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Polizei nichts macht, im Gegenteil. Zur sicheren Einschätzung des Sachverhaltes wurden besonders in diesem Fall umfangreiche Ermittlungsmaßnahmen durchgeführt.

3.       Wie Sie auf Ihrer Seite auch bemerkten, kursieren die Daten bei Veröffentlichung in den sozialen Medien dort und werden mehrfach geteilt. Dann sind sie natürlich dort weiter irgendwo vorhanden und auch nicht mehr kontrollierbar.

Aus polizeilicher Sicht ist die Veröffentlichung oftmals nicht hilfreich, da eine Hysterie und falsche Gerüchte entstehen.

Die polizeilichen Fahndungsmaßnahmen werden eingeleitet, sobald es sich rechtlich um einen Vermisstenfall handelt. An dieser Stelle sei noch festgestellt, dass Zeiträume keine Rolle spielen. Die Behauptung, die Polizei werde erst nach 24, 48 Stunden oder gar 7 Tagen tätig ist nicht richtig.“


Unsere Erklärung auf Facebook lautete:

IN EIGENER SACHE: VERMISSTENFAHNDUNG
Liebe Community, wir sind seit Freitag von zahlreichen Leserinnen und Lesern gebeten worden, eine private Vermisstensuche aus Unna-Mühlhausen weiterzuverbreiten. Wir machen das ohne eine entsprechende Fahndung der Polizei auf gar keinen Fall. Hier unsere Gründe:
Solche Fahndungen bedeuten tiefe Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht des betreffenden Menschen und sind rechtlich mehr als heikel. Sie verletzen insbesondere das Recht am eigenen Bild. Dieses Bild kursiert auf Ewigkeiten im Internet, ist inzwischen dutzend-, gar hundertfach geteilt worden.
Es geht hier zudem um eine erwachsene, mündige Frau, die das Recht hat zu gehen, wohin auch immer sie will. Es handelt sich weder um einen hilflosen dementen alten Menschen noch um ein Kind.
Die Polizei überlegt sich aus guten Gründen sehr gut, wann sie Vermisstenfahndungen mit Bildern öffentlich macht. Wir werden uns an der Suche beteiligen, sobald die Polizei entsprechend aktiv wird.
Bis dahin hoffen wir, dass es der Vermissten wohl ergeht und sich alles schnell aufklärt.

facebook logo
Christian Holthey Das kommt daher, weil die Leute nicht mehr nachdenken, sondern sagen, „Wenn die Anderen das teilen, kann es ja nicht verkehrt sein.“.
Und sie merken gar nicht, dass sie der Polizei damit die Arbeit unnötig erschweren.
Davon, dass das dann jahrelang durchs Netz geistert, will ich gar nicht reden.

Rundblick Unna Wir hatten mehrere erschreckte Reaktionen, als wir per pn auf die Probleme hinwiesen. Da merkte man genau das, was du schreibst, Christian Holthey, dass oft einfach – weil „man helfen MUSS“ – nicht nachgedacht wird.

Nicole Baitz Genau richtig gehandelt, ich habe es auch nicht geteilt aus genau diesen Gründen! Bin natürlich froh das die Frau wieder aufgefunden worden ist, aber mir tut sie jetzt schon fast ein wenig leid da durch das ganze teilen und weiterverbreiten die arme jetzt wohl kaum noch unerkannt durch die Stadt gehen kann
Rundblick Unna Das ist genau das Problem, Nicole Baitz. Wir haben ja an dem Wochenende auch immer wieder betont, dass wir die Angst der Angehörigen verstehen können. Aber eben mit dem großen „aber“.
Heiko Blitz Alles richtig gemacht 👍

Rundblick Unna Danke. Ich fand´s krass, welche Lawine da losging.

Heiko Blitz Ich auch…. ich jedenfalls möchte nicht vorschnell öffentlich gesucht werden.

Rundblick Unna Heiko Blitz – solche Fotos verfolgen dich dauerhaft. Und letztlich ist es ja auch ein eklatantes Misstrauensvotum an die Polizei, die es ja „eh nicht geregelt kriegt“.
Tanja Sengotta Da habt Ihr wirklich sehr gut und reflektiert agiert. Hysterisch ein Bild durchs Netz zu schießen, gerade wenn die Hintergründe nicht bekannt sind, sehe ich auch mehr als kritisch. Das Internet vergisst leider nichts! Großes Lob an Euch!
Rundblick Unna Vielen Dank, Tanja Sengotta.

Anna Caroline Petereit Ich persönlich sehe das zwiegespalten. Einerseits ging es darum dass eine junge Frau mit Kind unüblicherweise verschwunden ist und die Angehörigen sich sorgen um Leib und Leben der beiden gemacht haben und andererseits die Veröffentlichung. Ja es ist schlimm dass die Polizeilichen Ermittlungen behindert wurden und ja Sie wird jetzt auf der Straße erkannt aber nichts desto trotz ist es in meinen Augen wichtiger dass sie lebend gefunden wurde. Es hätte ja auch weitaus schlimmer enden können. Ich zumindest bin froh (auch wenn ich die Dame nicht kenne und ihren Namen bereits vergessen habe) dass sie wieder bei ihrer Tochter ist. Alles andere sollen die Herrschaften untereinander hinter geschlossen Türen klären.

Sandra San Dra Scholz Erst heute wurde der Aufruf erneut in einer Gruppe gepostet.
Warum die Leute auf jeden Zug aufspringen müssen, bleibt mir rätselhaft.Für Gesprächsstoff hat’s alle mal gereicht und die „vermisste Person“ wird sicherlich noch einige Nachwirkungen zu spüren bekommen.

Rundblick Unna Hier zeigt sich genau eines der Riesenprobleme, Sandra San Dra Scholz. Wer nicht zufällig mitbekommen hat, dass die junge Frau ZUM GLÜCK! (immer wieder) bereits gefunden wurde, teilt das einfach weiter… und weiter… und weiter… möglicherweise noch über Jahre. Ich finde das wirklich gruselig!

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