Rundblick-Unna » „Solche Schwarzköpfe wie Sie dürfte man gar nicht einstellen“: Ein interkulturelles Gespräch

„Solche Schwarzköpfe wie Sie dürfte man gar nicht einstellen“: Ein interkulturelles Gespräch

Sie sind ca. 20 Unnaer Frauen, Musliminnen, Jüdinnen, Christinnen. Seit sechs Jahren treffen sie sich regelmäßig ca. alle drei Monate, umüber Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sprechen, über Werteerziehung und Umgang mit Menschen im Alter. Auch, um sich ihre Diskriminierungserfahrungen im Alltag zu schildern. Ein Besuch beim interkulturellen Frauengesprächskreis Unna.

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Frau Redzepi, wieso finden Sie: Über den interkulturellen Frauengesprächskreis muss einmal berichtet werden?
Josef Redzepi (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Unna): Aktuell findet eine Vielzahl an gesellschaftlichen Diskussionen darüber statt, wie Toleranz und friedliches Zusammenleben gelingen kann. Wir sehen diesen Kreis als positives Beispiel.

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Meryem Koc (Integrationsrat / Türkisch-Islamische Gemeinde): Auf Ebene der Frauen einen Dialog beginnen, der von gegenseitigem Respekt und Verständnis geprägt ist… Mit diesem Ziel haben wir diesen Kreis gegründet.

Josefa Redzepi (lachend): Ich sei schön neutral, hat man mir gesagt, ob ich mir vorstellen könnte, einen solchen Kreis zu leiten. Ja, das konnte ich mir sehr gut vorstellen. Und ich finde es toll, wie wir hier an unseren Abenden ins Gespräch kommen und gegenseitiges Verständnis wächst. Das braucht natürlich Zeit.

Wie spielen sich Ihre Treffen ab?
Josefa Redzepi: Wir sind in Herz-Jesu gewesen, wir sind in der Moschee gewesen. Reihum lädt jede Gruppe ein. Die Gesprächsthemen wechseln. Oft sind sie tagespolitisch aktuell. Im Februar waren natürlich die Anschläge von Paris ganz frisch…
Meryem Koc: Nach diesen Anschlägen konnte man richtig sehen, wie tief die Gräben gehen. „Du bist Moslem.“ So viele Sachen hat man sich schon anhören müssen. Aber da ist man das erste Mal so angegriffen worden.

Wie lange leben Sie in Deutschland, Frau Koc?
Meryem Koc: 38 Jahre. Ich bin hier geboren (lacht bitter), habe einen deutschen Pass. Das erste Mal aber habe ich eine solche Trenung empfunden.

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Anna Da Silva (Integrationsrat): Ich bin Portugiesin, katholisch, und mir passiert das auch: dass ich durch mein Aussehen nicht dazu gehöre. Ich muss praktisch beweisen, dass ich dazugehöre. Das finde ich traurig, und es ist auch anstrengend und ermüdet.

Meryem Koc: „Solche Schwarzköpfe wie Sie dürfte man gar nicht einstellen!“ Das sagte mir ein Kunde offen an der Kasse ins Gesicht. Ich bin sofort zu meinem Chef: Entweder dieser Kunde verlässt das Geschäft sofort, oder ich kündige. Mein Chef war auf meiner Seite. Ich musste nicht kündigen.

Figen Sürücügil (Türk.-Islam. Gemeinde): Mehrere dunkelhaarige Kinder – das genügt auch schon, damit Nachbarn Sie ablehnen.

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Alexandra Khariakova (Jüdische Gemeinde haKochaw): Meine Erfahrungen in Deutschland waren anders, ich erlebte enorme Hilfsbereitschaft. Mein Mann ist Christ, unsere Tochter ist zum Islam konvertiert – und wir müssen trotzdem friedlich leben. Wenn das bei uns klappt: Wieso soll das nicht auch im Großen klappen? Ich kenne aber natürlich auch die andere Seite. In der Sowjetunion haben die jüdischen Frauen ganz viel Antisemitismus erlebt. Wenn wir dort unsere Religion ausgeübt hätten…! Das wollen wir auf keinen Fall wieder haben!

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Ursula Sowinski (Kath. Herz-Jesu Gemeinde Königsborn): Auch als Christ kennt man Diskriminierung. Ich habe Verwandte in der früheren DDR. Dort hätte man auch heftige Ressentiments erlebt, wenn man offen seinen christlichen Glauben hätte leben wollen.

Michaela Labudda (Gemeindereferentin Pastoralverbund Unna): Ich sehe an vielen Stellen eine problematische Entwicklung. Diese Lust am Benennen von Andersartigkeiten erleben alle, die Migrationshintergrund haben. Dass viele Menschen geradezu etwas suchen, was sie benennen können. Das finde ich problematisch. Bei jüdischen Gottesdiensten: Problematisch, dass da ein Polizeiauto vor der Tür steht. Ich befürchte, dass es sich verstärkt. Thema Flüchtlinge. Manche interessiert gar nicht, dass die im Mittelmeer ertrinken.

Irina Teplytska (Jüdische Gemeinde haKochaw; eindringlich): Ich habe ein Flüchtlingskind bei einem Fototermin erlebt. Es hat bei jedem Blitz der Kamera laut geschrien, so traumatisiert war es vom Krieg.

Josefa Redzepi: Der Integrationsrat trägt auch hier viel dazu bei, um Verständnis zu wecken und aufzuklären. Die Interkulturelle Woche ist eine super Sache.

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Gertrud Sandker (privat / In Via Unna): Auch das Internationale Frauenfest dieses Jahr wieder… Ich sagte den Kindern, sie sollten die Welt malen. Ein islamisches Mädchen malte ein ganz zauberhaftes Bild: Diese Erde ist schön, diese die Welt ist schön. Es gibt viele Religionen, und alle sollen sich akzeptieren. Für dieses Kind war das so wunderbar klar und völlig selbstverständlich.

Alexandra Khariakova: (begeistert) Beispielhaft!

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Michaela Labudda: Wenn Sie fragen, ob wir hier im Kreis auch kontrovers diskutieren: Ich glaube, wir gehen sehr behutsam miteinander um. Erst mal zuhören, wenn so viele verschiedene Religionen am Tisch sitzen. Wir streiten nicht. Wir ringen durchaus um Inhalte.

Ursula Sowinski: Die anderen besser kennenlernen, damit wir uns besser verstehen. Es geht darum, dass wir mehr auf die Dinge schauen, die uns verbinden, als auf die, die uns trennen.

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Alexandra Khariakova: Eins haben wir gemeinsam – wir sind Frauen! Und viele haben Kinder und Familie. Das schafft schon viel Verbundenheit.

Michaela Labudda: Was hier im Kreis einüben: Miteinander achtsam umgehen.


Das Gespräch führte Silvia Rinke. Gedruckt finden Sie es in unserem Monatsmagazin Rundblick Unna – Juli-Ausgabe.

Kommentare (10)

  • Jama To via Facebook

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    Wann treffen sich diese Frauen und wo?
    (Wann ist nächstes Treffen?)
    Kann jeder Frau hinkommen?
    Wäre nett wenn Sie mir bitte Bescheid geben!
    Danke!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Liebe Jama To, vielen Dank für das Interesse! Die Treffen dieses Kreises finden reihum statt, wir werden uns nach dem nächsten Termin erkundigen und teilen ihn dann mit. Und ja, jede Frau ist willkommen! VG aus der Redaktion!

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    • Jama To via Facebook

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      Liebe (Rundblick Unna)
      Danke für die Mühe!
      Ich komm gerne mal hin!
      Voraussetzung ich erfahre früh genug wann und wo ist das Treffen! Da ich nicht immer zu Hause Zeit verbringe, und mein Termin nicht immer so kurzfristig ändern kann!
      Danke! Ihre Jama To!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Liebe Jama To, Sie können sich auch direkt an die Gleichstellungsbeauftragte Josef Redzepi bei der Stadt Unna wenden, die die Treffen koordiniert. Sie freut sich über Interesse! Tel. 02303/103 555. VG!

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    • Jama To via Facebook

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      Ich hab verstanden das diese Gruppe Frauen Gruppe ist!
      Josef Redzepi hört sich nach Männliche Name!
      Mich stört nicht! Auch mit Männer kann eine Diskussion interessant sein!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      JosefA, liebe Jama To, steht auch so im Interview. :-) Viel Erfolg!

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  • Auguste Schammel

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    Ich sehe nicht wie ein Ausländer aus. Gebe ich mich als solcher zu erkennen ist die Reaktion meist „du bist Luxemburger, das ist was anderes…..“ Ich bin der Meinung dass ich hier in Deutschland genauso ein Ausländer bin wie jeder andere der nicht hier geboren wurde. Ich bin nicht besser nur weil ich „im richtigen Land“ geboren wurde.

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  • Oskar B.

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    Wenn ich mich äußerlich als Ausländer zu erkennen gebe, indem ich Kopftuch trage oder Häkelmütze oder bodenlangen Mantel oder halblange Hosen mit tiefem Schritt, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich als Ausländer eingeordnet und angesprochen werde.

    Egal, in welchem Land ich lebe, grenze ich mich schon durch meine Bekleidung von der Mehrheitsgesellschaft ab, werde ich von jeder Bevölkerung dieser Erde als Fremder betrachtet.

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  • Norbert Kapp

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    Ich habe mit dem Übersenden von Botschaften, hier von religiösen Botschaften auch ambivalente Gefühle. Ich bin einerseits beglückt, meinen Pfarrer in everybody-Tracht begrüßen zu dürfen, eben wohltuend, menschlich, aber jeder sollte dann doch das Recht haben, sich so zu kleiden, wie er sich wohlfühlt. Auch Nonnen haben nach dem Konzil erst einmal „abgerüstet“. Heute tauchen sie aber gar nicht mehr in der Öffentlichkeit mehr auf, weil es sie eben nicht mehr gibt, oder weil sie sich nicht der Ordenstracht bedienen. Im Urlaub und im TV aber lieben wir die „Exotik“, eben als etwas Belebendes, eine Bereicherung. („um Himmels Willen“). Ich erinnere mich mit Freuden an eine junge Frau in einem Geschäft, wir „flirten“ mit den Augen. Sie trägt ein sehr kunstvollgefaltetes Kopftuch, muss dutzende davon haben. Will sie missionieren? Und wenn! Warum soll ich mich davon nicht auch positiv ansprechen lassen, auch mir ist das Religiöse wichtig, obwohl beim katholischen Priester, meinem Pfarrer, bei mir gerade die Nicht-Uniform Entzücken auslöst. Also möglichst wenig auffallen? Gilt auch für Irokesenhaarschnitt und Tattoo?
    Oder Aufforderung zu etwas Toleranzgymnastik, die Würde des Menschen ist unantastbar, bevor wir uns wieder völlig gleichgültig werden. So ein Gesprächskreis und das „sehr Behutsame“ finde ich eine gute Idee. Können das die Frauen besser!!!???
    Ichhoffe, das ich hier mit meinem „Beitrag“ in die richtige Schublade geraten bin.

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    • Silvia Rinke

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      Ja, Herr Kapp, das sind Sie. Wir freuen uns über Ihre ausführliche Meinungsäußerung.

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