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Polizeieinsätze intern: Asylheime sind „häusliches Umfeld“ – Stadt Hamm bricht Schweigen jetzt auf

Da Flüchtlingsunterkünfte von der Polizei als „häusliches Umfeld“ definiert werden, berichtet sie über Einsätze dort in der Regel nicht – auch dann nicht, wenn es z. B. bei Schlägereien Verletzte gibt. Nach dieser Praxis verfährt auch die Kreispolizeibehörde Unna, ebenso wie die benachbarten Polizeibehörden. In Hamm bricht jetzt erstaunlicherweise die Stadtverwaltung aus eigenem Antrieb die Zurückhaltung auf: Sie berichtete am Dienstag von sich aus über einen Polizeieinsatz in einer Flüchtlingsunterkunft in Westtünnen.

Dort war am späten Montagabend ein Streit zwischen zwei Asylbewerberinnen um eine Waschmaschine eskaliert. Unter mehreren Dutzend Bewohnern sei die Stimmung hochgekocht, berichtete die Stadtverwaltung, so dass die Polizei gerufen wurde. Diese rückte mit acht Beamten an. Eine Massenschlägerei konnte verhindert werden, eine der Frauen erlitt leichte Blessuren, ansonsten gab es keine Verletzten.

Der Westfälische Anzeiger konfrontierte mit dieser neuen Transparenz der Stadt die Hammer Polizei; diese zeigte sich verwundert, betonte, dass man hier nichts verheimliche, sondern eben generell nicht über Fälle von „häuslicher Gewalt“ öffentlich berichte – ob sich diese Gewalt nun bei Familie Schmidt im Wohnzimmer abspielt oder in einer Asylbewerberunterkunft, spielt dabei keine Rolle. Ebenso verfährt wie schon mehrfach berichtet die Polizeipressestelle in Unna.

Demgegenüber hat die Stadtverwaltung Hamm beschlossen, Vorfälle mit Polizeieinsatz in Unterkünften nicht (mehr) zu verschweigen. Ein Übergriff kürzlich in einer großen Hammer Asylunterkunft (Alfred-Fischer-Halle) war erst mehrere Tage später publik geworden, schreibt der WA.

Die Kreispolizeibehörde Unna berichtete zuletzt aus eigenem Antrieb über einen Vorfall in Kamen vor drei Wochen: Ein Asylbewerber hatte auf der Straße vor der Unterkunft am Mausegatt Mitarbeiter des Heims mit zwei Messern bedroht, und im Handgemenge war seine Frau verletzt worden. Dieser Vorfall spielte sich auf der Straße ab und fiel deswegen nicht unter „häusliches Umfeld“. Anders lagen per Definition die Umstände, als sich Anfang Januar in demselben Asylheim ein pakistanischer Bewohner vor einem 3jährigen syrischen Mädchen selbst befriedigte. Polizeisprecherin Vera Howanietz sagte uns damals, dass die Pressestelle diesen Missbrauchsfall nur aufgrund einer konkreten Pressenachfrage öffentlich gemacht habe. Mit Verweis aufs „häusliche Umfeld“.

Der Pakistani wurde inzwischen wie berichtet zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Die Unnaer Stadtverwaltung hat übrigens keine Veranlassung, über Polizeieinsätze in der Landesstelle (Erstaufnahmeeinrichtung) in Massen aus eigenem Antrieb zu berichten: Denn Betreiberin dieser Landeseinrichtung ist die Bezirksregierung Arnsberg bzw. das DRK.  

Kommentare (19)

  • Ralf Hausk via Facebook

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    Kartenspielertricks, wir leben in einer Bananenrepublik!

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  • Dinse Hans-Otto

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    Das Schweigekartell bricht langsam aber sicher auf.

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  • Christiane Kramer via Facebook

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    So ist auch verständlich, dass Berichte/Statistiken über Delikte/Straftaten nicht korrekt sind! Da beklagt die Politik das Straftaten gegen Asylanten/Heime zunehmen, jedoch umgekehrt beschönigt sind. Sorry aber die Bevölkerung ständig zu belügen und zu täusch ist nicht der korrekte Weg! Zumal das Volk nicht blöd ist und die Heuchelei der Politik erkannt hat…

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  • Rundblick Unna via Facebook

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    Hintergrund: Die Stadt Hamm hat jetzt beschlossen, Vorfälle mit Polizeieinsätzen in ihren Unterkünften von sich aus zu berichten. Ein Vorfall neulich in einer großen Unterkunft war erst nachträglich durchgesickert, was massive Kritik hervorrief.

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  • Heiko Blitz via Facebook

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    peinliche Zeitgenossen…. wie sie meinen uns an der Nase herumführen zu können…..

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  • Mike

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    In der Tat Kartenspielertricks, es wird die Realität so verdreht von den Behörden wie die Politk es gerne hätte. Damit wird klar, daß die Polizei nicht unabhängig arbeiten kann.

    Wie lassen sich sonst Sachen erklären wie: „Die Integration von Flüchtlingen aus Asylbewerberunterkünften in ein häusliches Umfeld“ ? Wenn doch das Heim bereits häusliches Umfeld sein soll.

    Ein häusliches Umfeld bzw. häusliche Gewalt liegt vor, wenn in einer familiären Beziehungen, einer Ehe oder eheänhlichen Gemeinschaft ein Streit auftritt, sie liegt aber NICHT vor, wenn sich zwei fremde Familien oder Leute streiten, nach der schrägen Defintion wäre selbst ein Hotel ein häusliches Umfeld.

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    • Christiane Kramer via Facebook

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      Man liest doch zB. auch:“der 45 jährige Partner der 30 jährigem hatte aus Eifersucht mit dem Messer bedroht- und so den Einsatz der Polizei ausgelöst“ – da ist ja dann auch keine Rücksicht auf häusliches Umfeld genommen! Das die Polizei keine Auskunft geben darf, ist politisch auferlegt! Das weis man ja nicht erst seit der Silvesternacht in Köln und vielen anderen Städten!

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  • Peter Köhler via Facebook

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    Ich wohne in Unna-Massen. Und höre sehr oft Rettungswagen bzw. Polizeieinsatzwagen. Lesen tut man davon nichts.

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Nein, genau deswegen nicht , Peter Köhler. Wir wurden schon häufiger gefragt, wieso wir nichts von diesen Einsätzen berichten. Weil wir schlicht nichts davon erfahren. Auch als voriges Jahr ein gesuchter Schwerverbrecher in der Landesstelle verhaftet wurde, erfuhren wir davon erst durch eine Anwohneranfrage.

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    • Peter Köhler via Facebook

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      Euch mache ich da auch keinen Vorwurf. Es gibt ja genug Leute die das mitkriegen. Vielleicht sollte man einfach mal zur Polizei gehen und fragen wie das alles zusammenpasst. Aber durch euren Artikel wird ja vieles erklärt. Ich finde es immer wieder erstaunlich was ihr hier macht. Und ich finde es auch gut dass ihr versucht zu heftige Diskussionen zu beruhigen. Ich selber bin vielleicht auch manchmal etwas radikal in meinen Ansichten. Auf jedenfall kann man immer wieder nur betonen dass der Rundblick mit seiner Berichterstattung etwas Besonderes ist.

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      :-) Wir versuchen einfach, so wirklichkeitsnah wie möglich zu berichten – ist zuweilen eine Herausforderung. Netter Zuspruch freut uns natürlich immer sehr. Vielen Dank.

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  • fürst

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    Ein mutiger, aber richtiger Schritt der Stadt Hamm.
    Respekt denen, die sich da gegen Widerstände durchgesetzt haben.
    Es ist, wie es ist. Das ist nun einmal so.
    Verschweigen macht Unmut, macht zornig, macht Wut –
    wenn das Verschwiegene dann doch ans Licht kommt.

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  • Peter Köhler via Facebook

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    Interessant wäre auch ob Mitarbeiter des DRK zur Verschwiegenheit verpflichtet werden. Denn die hätten bestimmt auch so einiges zu berichten.

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