Rundblick-Unna » Politik selbst politikverdrossen? Auch die BILD entdeckt jetzt das „Solo für Kolter“

Politik selbst politikverdrossen? Auch die BILD entdeckt jetzt das „Solo für Kolter“

„Unna hat nur EINEN Bürgermeisterkandidaten.“ Ach, sag an… so ganz taufrisch ist die Nachricht nicht mehr. An diesem Wochenende hat sie aber nun auch die BILD-Zeitung entdeckt. Seitenhoch widmet sich das Blatt einem lachend am Schreibtisch gezeigten Alleinkandidaten Werner Kolter und setzt in Rot die Frage darüber: „Ist jetzt schon die Politik politikverdrossen?“

Wie zur Antwort sieht man unten rechts das ebenfalls entspannt lächelnde Konterfei des CDU-Parteichefs Gerhard Meyer. Gegen den impliziten Vorwurf, Politikverdrossenheit zu schüren (da seine immerhin zweitgrößte Ratsfraktion keinen Gegenkandidaten aufgestellt hat), wehrt er sich mit folgendem Zitat: „Wir haben heute mehr Parteien als vor 20 Jahren. Die Wahlbeteiligung sinkt trotzdem. Das zeigt, dass ein größeres Angebot nicht unbedingt mehr Leute an die Urnen bringt.“

Gerhard Meyer CDU

Gerhard Meyer, CDU.

Bürgermeister und Solokandidat Werner Kolter (SPD) ist über die skurrile Situation, am 13. September außer Konkurrenz zu kandidieren, selbst nicht sonderlich begeistert. In einem großen Rundblick-Interview, das kommende Woche in unserem Monatsmagazin sowie online erscheint, wird sich der Bürgermeister entsprechend klar äußern: Die fehlende Auswahl bei der Wahl hätten andere zu verantworten. Sprich namentlich die CDU, doch auch die weiteren Ratsfraktionen (immerhin noch fünf), die es allesamt versäumt bzw. wohl eher vermieden haben, gegen den enorm populären Amtsinhaber eine Mission Impossible zu starten.

Kein Geheimnis ist derweil, dass sich auch die SPD selbst und auch ihr Kandidat durchaus vor einer unterirdischen Wahlbeteiligung fürchten; zumal manche Bürger es Kolter nachtragen, dass er durch die von der Kommunalwahl abgekoppelte Solo-Wahl zusätzliche Kosten verursacht. Die immer wieder in die Diskussion geworfenen 100 000 Euro, die die gesonderte Bürgermeisterwahl in Unna angeblich kostet, seien jedoch Unfug, hört man Widerspruch aus der SPD. Sie behauptet, diese Bürgermeisterwahl inklusive Wahl“kampf“ (wenn man ohne Gegner überhaupt kämpfen kann) koste höchstens 30 000 Euro. Immerhin auch Geld, das anderweitig sinnvoller investiert worden wäre, werden Kritiker wiederum entgegnen.

Der Wahlkampf ohne Gegner wird als „informativer Dialogwahlkampf“ ablaufen, kündigt der Bürgermeister in unserem Interview an. So kommt NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann zur Diskussion nach Unna und der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. Plakatiert wird das Konterfei des Alleinkandidaten sparsam („die meisten Unnaer dürften wissen, wie ich aussehe“), Wahlwerbeschirmchen werden trotzdem da und dort bei Veranstaltungen in der Fußgängerzone aufblitzen, allein schon um den Bürgern zu signalisieren: Hallo,  liebe Unnaer, es ist Wahl, und bitte geht hin!

Er werbe darum, sagt Werner Kolter in unserem Interview, „dass die Unnaer diese Wahl Ernst nehmen.“

BILD Werner Kolter

Die BILD beginnt ihren Bericht in der aktuellen Samstagsausgabe mit den Sätzen: „Er ist ein freundlicher Mann. Er lächelt gerne, gibt sich bescheiden und bodenständig. Doch seine politischen Gegner lehrt dieser Bürgermeister das Fürchten…“ Das stimmt, keine von sechs konkurrierenden Ratsfraktionen mochte einen der Ihrigen gegen diesen roten Platzhirsch verheizen lassen. Darum hat Unna nun am 13. September eine Wahl ohne Wahl.

Bzw. so ganz stimmt das doch nicht. Man kann „ja“ hinter Werner Kolter ankreuzen, man kann „nein“ ankreuzen und man kann sich enthalten. Eine Mindestwahlbeteiligung (früher 25 Prozent der Wahlberechtigten der Kommune) gibt es nicht mehr, NRW hat sie abgeschafft. Daher braucht Werner Kolter theoretisch nur eine einzige Ja-Stimme mehr als Nein – und er bleibt Bürgermeister.

Die BILD-Zeitung zitiert Kolter mit deutlichen Worten: „Das ist keine Wunschkonstellation, mit Konkurrenz kann man sich besser profilieren.“ CDU-Parteichef Gerhard Meyer outet sich mit der erstaunlichen Offenbarung: „Wir hätten einen geeigneten Kandidaten gehabt, aber wir wollten ihn nicht in einem chancenlosen Wahlkampf verbrennen.“ Auf diesen „geeigneten Kandidaten“ der CDU darf man nun möglicherweise bei der kommenden Wahl gespannt sein. Denn in eine vierte Amtszeit wird sich der unschlagbare Bürgermeister Werner Kolter definitiv nicht begeben. „Sie können mich gern so zitieren“, sagt er im Interview. Haben wir jetzt also schon mal gemacht.

Die Frist für eine Kandidaten-Nominierung für die Bürgermeisterwahl am 13. September endet offiziell am morgigen Montag, 27. Juli, 18 Uhr.

Kommentare (9)

  • Helmut Brune via Facebook

    |

    Nichts gegen Herrn Kolter aber man sollte sich mal seriös die Frage stellen, wie es kommt, daß die Wahlbeteiligung sinkt. Kommt das dadurch, daß die Politik sich immer weiter von den Wählern entfernt und nur zu Wahlzeiten den Leuten Honig um den Mund schmiert? Oder weil sich immer wieder herausstellt, daß sie ihre Wahlversprechen nicht halten und so den Wählern den Eindruck geben: Die Politik macht doch, was sie will und wir haben keinen Einfluß drauf? Im Übrigen ist das natürlich kein rein deutsches Problem, so geht es in der ganzen Welt.

    Antworten

  • Tobi

    |

    Ist schon oberpeinlich für die CDU, wenn sie der SPD noch nicht mal mit einem „Verlierer“ ein paar Stimmen abluchsen will. Das sagt doch, dass die CDU bereits völlig aufgegeben hat. So eine schwache Partei braucht mir dann auch 2020 keinen Kandidaten anbieten. Da bleibe ich dann beim SPD Nachfolger.

    Antworten

  • Andi Malisch via Facebook

    |

    Ok ich mach es!

    Antworten

  • Christel

    |

    Super !!
    Die Bild Zeitung macht sich auch schon darüber lustig !

    Antworten

  • Christel Heinze via Facebook

    |

    Ich finde es einfach nur peinlich, dass kein Gegenkandidat von der CDU aufgestellt wurde. Aber wenn ich an die oberpeinliche letzte Bürgermeisterwahl der CDU denke, dann ist es vielleicht besser so! …. ( sagt ein CDU -Mitglied)

    Antworten

    • Tobi

      |

      Besser ein schlechtes Ergebnis, als gar kein Ergebnis :o)))

      Antworten

  • Ralf

    |

    In der Politik grassiert die Feigheit. Da stellt die zweitgrößte Partei in Unna keinen Bürgermeisterkandidaten, weil sie angeblich Angst vor einer Niederlage hat. Na und, was würde sich denn gegenüber anderen Bürgermeisterwahlen in Unna für die CDU ändern (Ausnahme Weidner)? Da äußert Herr Meyer, man hätte ja einen
    guten Kandidaten gehabt. Abgesehen davon, dass dies die Unwahrheit ist, wäre es in diesem Falle erst recht eine Unverschämtheit, den Bürgern dieser Stadt diese Alternative vorzuenthalten. Wieder ein toller Akt der Groko!! Wie hier auf der Kleinbühne läuft es in der großen Politik auch nicht anders. Herr Albig hat für die SPD auf Bundesebene in Sachen nächster Kanzlerwahl schon einmal vorgefühlt. Welchen Grund sollte Wähler denn bitteschön noch haben, eine von diesen Parteien zu wählen. Bei der Bürgermeisterwahlen in Unna kann man jedenfalls gleich zu Hause bleiben. Bei einer Wahl muss man die Wahl zwischen mehreren Kandidaten haben. Wenn das Ergebnis schon vor dem Wahlgang klar ist, verkommt die Aktion zur Lachnummer.

    Antworten

    • Christel Heinze via Facebook

      |

      ?? du hast Recht!!! Wenn ich allein den Ausdruck „Groko“ höre, wird mir schlecht……
      Ich bin immer dafür und finde es sehr wichtig, dass man wählen geht! Aber in diesem Fall würde ich sagen : Werner Kolter ist und bleibt Bürgermeister von Unna … Das Geld, das für die Wahl ausgegeben werden soll, spenden wir, zB an unsere Kindergärten!

      Antworten

Kommentieren