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Kripo-Chef: „Der Kreis Unna liegt leider auch für Einbrecher sehr verkehrsgünstig“

„Zehn Einbrüche an einem Wochenende kreisweit. Bereits zweimal gleich drei Fälle binnen weniger Stunden im selben Quartier in Königsborn. Buchstäblich kein Tag vergeht mehr ohne Einbruchsmeldungen…“

So vermeldeten wir vor fast genau einem Jahr und können momentan exakt auf denselben Satz wieder zugreifen, denn die Situation ist wieder ganz ähnlich. Wieder muss die Kreispolizeibehörde kreisweit (ohne Lünen)  täglich bis zu 12 Einbrüche aufnehmen – ebenso wie im Vorjahr besonders oft in Königsborn und im Unnaer Süden.

Peter Andres Kripo Unna

Mit Kriminaldirektor Peter Andres sprachen wir vor einem Jahr über die Ursachen der steigenden Einbruchszahlen – und darüber, was die Polizei dagegen unternimmt. Die Tendenz hat sich fortgesetzt: In bis zu 80 Prozent aller Fälle sind inzwischen organisierte Banden am Werk – zumeist südosteuropäischer Herkunft.

Herr Andres, die subjektiv wahrgenommene Häufung von Einbrüchen stimmt offenbar mit den objektiven Tatsachen überein…

Kriminaldirektor Peter Andres: Ja, das lässt sich ganz klar mit Zahlen belegen. Mit Beginn der dunklen Jahreszeit mehren sich immer die Einbrüche, man kann sagen, die „Saison“ dauert von Oktober bis April. Doch der gefühlte Durchschnittswert von drei bis vier am Tag kommt im Moment schon hin.

Wann ging das insgesamt los, dass es mehr wurde?

Peter Andres: Wir beobachten seit Mitte 2011 einen stetigen Anstieg der Fallzahlen im gesamten Kreisgebiet. Ende 2011 lagen wir bei 611 Einbrüchen. 2012 waren es 740, und im vorigen Jahr war die Zahl bereits auf 992 angestiegen. Damit lagen wir knapp vor der Tausendergrenze. Für 2014 können wir noch nichts Abschließendes vermelden, da wie gesagt die „Hochsaison“ erst im Oktober begonnen hat. Bisher lässt sich ein leichter Rückgang feststellen. (Anmerkung d. Red.: 2014 sanken die Zahlen teilweise deutlich. Anfang 2015 stiegen sie allerdings wieder ebenso deutlich an.)

Viele unserer Leser vermuten, dass bei dieser Häufung von Einbrüchen längst nicht mehr bloß der „Gelegenheitseinbrecher von nebenan“ am Werk ist…

Peter Andres: Diese Vermutung ist richtig. Es handelt sich meistens um mehrere Täter. Typisch ist, dass sie zu zweit oder dritt in älteren Fahrzeugen mit auswärtigen Kennzeichen anreisen; meist aus Großstädten wie Dortmund, Hagen, Duisburg, Hamm. Sie steuern gezielt den Kreis Unna an, um hier Einbrüche zu verüben und direkt wieder zu verschwinden. Dabei profitieren sie von der günstigen Straßenstruktur. In diesem Fall sehr ungünstig – natürlich – für die Einbruchsopfer. Autobahnen, Autobahnkreuze, Bundesstraßen, alles nah beieinander. Der Kreis und die Stadt Unna liegen schon sehr verkehrsgünstig.

Ganz offen gefragt: Sind diese „Banden“ aus Südosteuropa?

Peter Andres: Das passt nicht schlecht. Überwiegend sind es Bulgaren und Rumänen. Das hat natürlich mit der Freizügigkeit in Europa zu tun.

Zu erkennen sind diese „Banden“ also an schrottreifen Autos mit auswärtigen Kennzeichen und vermutlich dunkler Kleidung…

Peter Andres: Ja, und daran, dass sie nicht zielgerichtet des Wegs gehen, sondern sich suchend umblicken und immer wieder mal stehenbleiben. Jemand, der ein Ziel hat, weil er zum Beispiel einkaufen geht, verhält sich nicht so. Daher drauf achten: fremdes Autokennzeichen, älteres Auto, zwei bis drei Personen in dunkler Kleidung, suchende Blicke – da ist Verdacht angebracht.

Schauen wir exemplarisch nach Unna. Gibt es hier Einbruchschwerpunkte?

Peter Andres: Ja, die gibt es; wie in jeder Kommune. Wir haben in den zurückliegenden drei Jahren umfassend in jeder Stadt und Gemeinde des Polizeibezirks die Tatorte analysiert und Kartenmaterial gesichtet. Um zu schauen: Wo drubbelt es sich? In Unna gibt es fünf Häufungspunkte: Königsborn; der Bereich der B1 mit Brockhausplatz, Holbeinstraße; der Bahnhofsbereich, Lessingstraße bis zur Viktoriastraße; der Bereich Ulmenstraße / Pappelweg / Ahornstraße, Bereiche mit vielen dicht belaubten Bäumen, wo man sich leicht verstecken kann; und schließlich am Kreuz Unna-Ost: Wagenfeld-, Paul-Verhoeven-Straße, Südfriedhof, Hermann-Löns-Straße.

Wie Sie eben sagten: Alles Bereiche, zu denen man schnell hin und von denen man schnell wieder zurück kommt.

Peter Andres: Verkehrsgünstig, genau. Deshalb machen wir an denAus- und Einfallstraßen stichpunktartig Verkehrskontrollen, die sich gezielt auf die typischen Merkmale konzentrieren: älteres Fahrzeug, auswärtiges Kennzeichen, mehrere Leute im Wagen. Einheimische lassen wir bei diesen Kontrollen bewusst außen vor. Wir bekommen für dieses Konzept 3500 Arbeitsstunden der Bereitschaftspolizei zur Verfügung gestellt.

Welche Art von Wohnungen bevorzugen Einbrecher?

Peter Andres: Zu 70 bis 80 Prozent Erdgeschosswohnungen. Und meist kommen die Täter durch die Terrassentür. Diese ist bei sehr vielen Häusern die Schwachstelle: Meist sind Fenster und Haustür gut gesichert, nur für die Terrassentür hat es dann nicht mehr gereicht. Immerhin bleiben schon über 40 Prozent aller Einbrüche im Versuch stecken – 2011 waren es noch knapp über 30 Prozent. Für uns ist das eine Bestätigung, dass unsere Aufklärungskampagnen wirken und die Menschen ihre Wohnungen besser sichern. Im Obergeschoss das Fenster bei Abwesenheit gekippt zu halten ist übrigens auch nicht ratsam: Die Täter steigen dann einfach über eine Leiter ein. Auf Kipp stehende Fenster gelten versicherungstechnisch als offene Fenster.

Sprich: Die Versicherung zahlt nichts. Und zu welcher Tageszeit arbeiten Einbrecher am liebsten?

Peter Andres: Die Kernzeit liegt zwischen 16 und 21 Uhr.

Frage zum Schluss: Hat der „ganz normale Gelegenheitseinbrecher“ von nebenan ausgedient?

Peter Andres: Nein, einheimische Einzeltäter gibt es durchaus auch noch. Aber sie sind auf dem Rückzug. 70 bis 80 Prozent aller Einbrüche gehen inzwischen aufs Konto auswärtiger Täter.

– Die Kriminalstatistik für das Jahr 2015 stellt die Kreispolizeibehörde Unna voraussichtlich im Februar 2016 vor. Im ersten Halbjahr bestätigte sich im Kreis die ruhrgebietsweite Tendenz, wonach die Einbruchszahlen um 15 bis 25 höher lagen als im Vorjahreszeitraum. In Fröndenberg – wo wir die Einbruchszahlen seit Sommer gesondert verfolgten – bewegt sich die Zahl der Wohnungseinbrüche (gescheiterte Versuche mitgezählt) in diesem Jahr auf die 90 zu. Besonders stark stiegen die Einbruchszahlen jedoch in Schwerte und Selm an. Unna bewegte sich zur Jahresmitte im Mittelfeld.

 

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