Rundblick-Unna » Keine Not-Alternative zur AfD: Interview mit Martin Bick, FDP

Keine Not-Alternative zur AfD: Interview mit Martin Bick, FDP

Unser politisches Interview des Monats führten wir diesmal mit dem Vorsitzenden der kleinsten Unnaer Ratsfraktion – den Freidemokraten.


Herr Bick, können die Liberalen in Unna eigentlich noch etwas anderes als Ostereier verteilen?

Martin Bick: Na klar können wir das! – Die Ostereier sind übrigens super angekommen.

FDP Eier

Kein Wunder, die gab es ja auch umsonst – die Eingangsfrage war natürlich überspitzt formuliert, schlicht gefragt: Wann macht die FDP in Unna eigentlich mal wieder Politik?

Martin Bick: Machen wir. Wir sind, zugegeben, in den letzten Monaten wenig präsent gewesen. Nun hat man als kleine Fraktion ohnehin immer das Problem: Wie wird man ausreichend wahrgenommen? Man kann mit Showanträgen oder Provokationen für Aufmerksamkeit sorgen….

. wir nennen jetzt mal keine Namen.

Martin Bick: … nein, keine Namen. Okay, man kann das so machen, aber mir persönlich entspricht dieses laute Auftreten nicht. Man schlägt sich damit ja auch schnell wichtige Türen zu, man will ja etwas erreichen. Jedenfalls ist es schon schwieriger, wahrgenommen werden, wenn man eine so kleine Fraktion ist.

Sie sind sogar die kleinste aller sieben Ratsfraktionen. Es gab ja schon früher diesen spöttischen Spruch, die FDP könnte ihre Parteiversammlungen auch in einer Telefonzelle abhalten. Mal davon abgesehen, dass es kaum noch Telefonzellen gibt…

Martin Bick 3

Martin Bick: … mal davon abgesehen passen unsere ca. 50 Mitglieder des Stadtverbandes Unna trotzdem nicht rein. Mein Fraktionsvize Andreas Tracz und ich würden reinpassen, gut – (lacht) Wir haben wie Linke und Piraten zwei Vertreter, aber das schlechteste prozentuale Wahlergebnis, 4,4 Prozent. Das muss man nicht schönreden, das war ein Desaster. Die Ursache war natürlich, dass die FDP im Jahr davor aus dem Bundestag geflogen ist. Sowas demotiviert heftig.

Das lässt sich unschwer an der Zahl ihrer Anträge ablesen. 2015 kein einziger.

Martin Bick: Wir wissen, dass das letzte Jahr nicht optimal verlaufen ist. Ich stand kurz davor, hinzuschmeißen. Aber die FDP ist wieder da!

Woher weht plötzlich Morgenluft? Aus der Richtung bundesweiter Umfragen?

Martin Bick: Ja, das natürlich auch. Schon 7,5 Prozent in aktuellen Umfragen ist ein super Ergebnis, und wir werden jetzt auch in Unna wieder präsenter.

Nennen Sie doch mal ein paar klassische Themen der Unnaer FDP.

Martin Bick: Tempo 30 – auf Unnas Hauptverkehrsstraßen. Ich bin dagegen!

Tempo 30

Frei nach dem liberalen Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“?

Martin Bick: Weil es Unsinn ist. 30 auf der Hammer Straße, der Kamener Straße, sogar der Verkehrsring war ja im Gespräch. Das erzeugt Such- und Schleichverkehr durch Wohngebiete und höhere Schadstoffbelastung. Im kleinen Gang mit hoher Drehzahl wird es auch nicht unbedingt leiser. Hauptverkehrsstraßen sollen Verkehr aufnehmen. Wieso wohl fordert die FDP in Unna schon seit Jahrzehnten die Westtangente als Umgehungsstraße?

Die kommt nach den aktuellen Landesstraßenbauplänen aber auch in den nächsten Jahren nicht.

Martin Bick: Nein, aber wir fordern sie trotzdem weiter. Ein anderes Beispiel: Grundschulneubau am Hertinger Tor – modernes Lernen für Falkschule und Nicolaischule. Unsere Idee!

Die haben sich jetzt aber die beiden großen Fraktionen gekapert…

Martin Bick: Herr Heckmann als damaliger CDU-Fraktionsvorsitzender wollte am Hertinger Tor nur Wohnbebauung. Es gab dazu sogar einen Antrag. Ich find´s lustig. Ein anderes Beispiel: Bürokratieabbau. Wenn ich als Unternehmer etwas unternehmen will, ist das hier in Deutschland eine Katatstrophe. Bürokratiewahn! Tausend Wege und Dokumente.

Daraus hat Reinhard Mey allerdings schon in den 70er Jahren das nette Lied getextet „Einen Antrag zur Erteilung eines Antragsformulars“, hat das Thema also nicht inzwischen einen meterlangen Bart?

Martin Bick: Darum müssen wir aber doch trotzdem angehen! Unternehmungen leichter machen statt sie zu torpedieren.

Martin Bick 2

Versagt da die WFG?

Martin Bick: Das kann die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Unna gar nicht leisten. Der städtische Wirtschaftsförderer, der jetzt kommen soll, muss das koordinieren.

Den schreibt sich aber die CDU auf die Fahne.

Martin Bick: (schmunzelt) Die CDU macht unsere Anträge. Aber wir finden´s gut. Wenn da jetzt endlich was passiert!

Dass auch für Ihre Partei endlich wieder etwas Positives in den Umfragen passiert, wird in manchen Analysen auch auf die AfD geschoben. Nach dem Motto: Ich bin unzufrieden mit der derzeitigen Politik, will aber nicht AfD wählen – also wähle ich als kleineres Übel eben FDP. Profitiert die FDP von der Flüchtlingskrise?

Martin Bick: Die FDP hatte immer ihre Wählerschaft, ich sehe uns nicht als Notnagel für Leute, die nur nicht AfD wählen wollen. Es gibt aber eben Vorfälle, die den Leuten Sorgen bereiten. Und diese Vorfälle nehmen deutlich zu. Die Ängste der Leute müssen wir uns ansehen. Wir sehen es doch, wir hören es doch, was passiert. Diese vielen Einbrüche. Freunde von mir waren betroffen, in Königsborn. Sie haben jetzt Angst, ins eigene Haus zu gehen. Ich erwarte von der Polizei, dass sie mich schützt! Polizei wird aber abgebaut, und wenn sich Herr Jäger nicht bald besinnt, werden wir überall Dortmunder Verhältnisse haben.

gab es da nicht mal einen Innenminister Ingo Wolff von der FDP?

Martin Bick: Er hat versucht, die Polizei vernünftig auszustatten. Das hat nicht hinbekommen.

Martin Bick

Geht die Stadt Unna und geht die Polizei offen genug mit der Situation um?

Martin Bick: Ich verstehe, dass Bürgermeister Kolter mit diesen Dingen moderat umgeht. Ich sage es offen: Alle sind mit der Situation völlig überfordert. Ich rechne mit weiteren – großen – Flüchtlingsströmen, und es ist klar, dass nicht nur Menschen kommen, die nur Gutes im Sinn haben. Es muss umfassende humanitäre Hilfe in den Grenzgebieten geben, es hätte sie schon viel früher geben müssen! Den Zug nach Europa müssen wir stoppen!

Eine Forderung, wie sie auch die AfD erhebt…

Martin Bick: Die AfD ist die AfD, und wir sind die FDP – mit unserem eigenen Programm und unseren individuellen parteipolitischen Zielen. Wobei die AfD durchaus die eine oder andere Idee von uns übernommen hat, wenn man sich mal ihren Programmentwurf anschaut….

Sie wollen jetzt aber nicht die Arbeitslosenversicherung privatisieren…!

Martin Bick: (lacht) Nein, da hört es auf!

Das Gespräch mit Martin Bick führte Silvia Rinke. In gedruckter Form finden Sie das Interview in unserem aktuellen Monatsmagazin „Rundblick Unna“, Ausgabe Mai/2016.

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Kommentare (5)

  • Sven Arnt via Facebook

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    Gut wenn Politik auch wieder bunter wird.

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  • Benno

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    Hat es RU-Unna es nötig Parteien eventuell zu pushen ?

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Wir pushen nicht Parteien, Benno, sondern lassen regelmäßig in monatlichen Interviews Vertreter der hiesigen Ratsparteien zu politischen Themen zu Wort kommen. Und zwar nicht erst seit heute, sondern seit zwei Jahren schon. In unserem Archiv werden Sie dazu reichlich fündig werden. Besten Gruß von der Redaktion.

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  • Michael Schild

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    Die Blauen sind nur wir! Es freut uns, wie präsent wir sind, auch wenn wir nicht mit am Tisch sitzen. Wir achten den liberalen Charakter der FDP und ihre staatskritische Einstellung, sowie ihre Nähe zur offenen Bürgergesellschaft und unser Wahlkampf wird gegen die SPD gerichtet sein, nicht gegen die FDP!

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