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Jede Menge Energie: Interview mit Stadtwerke-Chef Jürgen Schäpermeier

Seine eigene Energie stellte Unnas Stadtwerke-Chef nachhaltig beim diesjährigen Stadtradeln unter Beweis: Drei Wochen stieg der Familienvater komplett aufs Fahrrad um und ließ sein Auto öffentlich bekundet an die Parkkralle legen. Ein Gespräch mit Jürgen Schäpermeier rund um Energie.


Herr Schäpermeier, Sie rückten vor gut vier Jahren an die Spitze der Unnaer Stadtwerke, sind aber schon seit buchstäblich Jahrzehnten in der Energiewirtschaft beschäftigt- konkret im 31. Jahr, Wird das nicht irgendwann langweilig?

Jürgen Schäpermeier: (lacht) Das ist genau die Frage, die mir direkt zu Beginn meiner Ausbildung gestellt wurde. Ich habe nach dem Abitur die einjährige höhere Handelsschule besucht. Mein Lehrer sagte damals zu mir „Stadtwerke? Ist das nicht zu langweilig?“ Fand ich dann überhaupt nicht: Ich habe bei den Stadtwerken in Greven die Ausbildung zum Industriekaufmann erfolgreich abgeschlossen und dann nebenberuflich Betriebswirtschaft in Osnabrück studiert.

Und? Langweilen Sie sich? Sie halten es immerhin schon eine ziemlich lange Weile bei Stadtwerken aus.

Jürgen Schäpermeier: Sehr dynamisch fand ich es anfangs nicht. Aber das hat sich deutlich geändert. Wechselnde Märkte und Kunden, man muss sich in Wettbewerb bewähren – und wir haben das Thema Energiewende. Wenn wir die vor Ort nicht gestalten, wird es sie nicht geben. Spannend und täglich eine neue Herausforderung.

Windkraft Stadtwerke

Ist die Konkurrenz unter den Stromanbietern ausgeprägt?

Jürgen Schäpermeier: Sehr stark sogar. Der Wettbewerb findet immer stärker im Internet statt, da konkurrieren inzwischen weit über 100 Energieanbieter um die Kundschaft. Wir bewegen uns genauso in Wettbewerbsmärkten wie z.B. die Einzelhändler vor Ort.

Wie behaupten Sie sich als relativ kleines regionales Unternehmen in diesem knallharten Konkurrenzkampf?

Jürgen Schäpermeier: Man darf nicht stehenbleiben, muss sich weiterentwickeln. Punkt eins. Zweiter Punkt, ganz wichtig: Man muss den Kunden überzeugende Angebote machen, ihnen sehr guten Service bieten, damit sie trotz der gewachsenen Anbietervielfalt  weiter ihrem Energieversorger vor Ort den Vorzug geben. Das gelingt uns nicht vollständig, wir verzeichneten durch die Internetkonkurrenz 15 Prozent Einbußen, sind aber mit weit über 85 Prozent Marktführer.

Zum Großteil haben Sie aber doch Stammkunden, oder?

Jürgen Schäpermeier: Wir haben  rd. 85 Prozent Stammkunden aufgrund unserer Präsenz vor Ort, das ist richtig. Vor Ort präsent und vor allem aktiv zu sein ist ein ganzwichtiges Thema. Kunden verbinden Dienstleistung mit Gesichtern. Bietet man vor Ort keinen Ansprechpartner, kann sich bei den Kunden Unzufriedenheit einstellen; man wird als Unternehmen im ganz wörtlichen Sinn nicht „gesehen“. Das Internet-Zeitalter bietet ja praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, man kann online alles nach Belieben kaufen, man kann Online-Kredite abschließen… das wäre für mich z. B. nicht vorstellbar, ich brauche meinen Banker, der mir persönlich gegenüber sitzt. Kundenkontakt ist das A und O. 

Stadtradeln Schäpermeier

Jürgen Schäpermeiers persönliche „Energie-Wende“ im Sommer beim Stadtradeln Unna: „Mit gutem Beispiel voran!“, hieß da das Credo des Stadtwerke-Chefs – er ließ sein Auto an die Parkkralle legen und erledigte drei Wochen lang alles konsequent autofrei. Mit dem Fahrrad (wie hier im Bild) und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Seine Erfahrungen dieser drei Wochen hat er in Tagebuchform auf Facebook niedergeschrieben.


Neue Energien, herkömmliche Energien – das letzte Atomkraftwerk wird abgeschaltet. Was passiert? 

Jürgen Schäpermeier: Schwieriges Thema. Ich sehe es von zwei Seiten. Natürlich birgt Atomenergie unkalkulierbare Risiken. Deutschland war das erste Land, das Atomkraftwerke konsequent abschalten wird. Man muss schließlich mit guten Beispiel vorangehen. Das Ziel ist richtig, doch ob die Geschwindigkeit in der Umsetzung der Energiewende gut ist, wird sich zeigen. Wir haben schließlich noch keinen Konsens darüber, wie der Wegfall der Atomenergie kompensiert werden kann, ohne dass die Sicherheit der Energieversorgung gefährdet wird oder die CO2-Belastungen ansteigen.

Für die Kunden immer die wichtigste Frage: Wie entwickelt sich mein Strompreis? Steigt er? Wird er mittelfristig wieder sinken, gibt es vielleicht bald einen einheitlichen Preis für alle Anbieter?

Jürgen Schäpermeier: Kurz- bis mittelfristig (ca. 1.3 Jahre) werden wir, vorausgesetzt, die staatlichen Abgaben auf den Strompreis verändern sich nicht, relativ konstante Preise haben. Weitere Prognosen möchte ich wegen der hohen Unsicherheit nicht abgeben. Einen Einheitsstrompreis sehe ich nicht, dafür haben wir inzwischen viel zu viele Anbieter mit unterschiedlichsten Preismodellen. Es würde auch einer marktwirtschaftlichen Grundordnung widersprechen. Wir differenzieren auch: Wer nur Energielieferung ohne Service will, zahlt weniger.

Glasfaser schnelles Internet Stadtwerke Unna

Welche Ziele peilen die Stadtwerke Unna als Nächstes an – abgesehen von Kundenakquise und Stammkundenpflege?

Jürgen Schäpermeier: Geschäftsmodelle verändern sich rasant. Wir arbeiten an vielfältigeren Anwendungstechniken, etwa Digitalisierungsangeboten für Hauseigentümer. Wir bauen die Angebote für die eigene Energieerzeugung aus.. Ein sehr interessantes Thema. Smarthome haben wir schon mit Kunden getestet und verbessert, dadurch wird der Kundenkontakt noch intensiver. Wir haben in vielen Stadtbereichen Glasfaserkabel verlegt – in Neubaugebieten sowieso-, das bedeutet mit Lichtgeschwindigkeit im Internet surfen. Vieles wird in Zukunft digital ablaufen. Und für jeden erschwinglich- ganz wichtig. 

Stichwort: „erschwinglich für jeden“ – was halten Sie von Elektroautos?

Jürgen Schäpermeier: Das müssen Sie selbst erleben! Ein Gefühl wie im Autoscooter, nur noch besser! (lacht) Wir stehen natürlich noch am Anfang. Der elektrisch betriebene i30 der Stadtwerke hat eine Reichweite von  ca.140 Kilometern elektrisch und zusätzlich rd. 80 km im herkömmlichen Antrieb. Im regionalen Einsatz ist Elektromobilität daher schon voll markttauglich. Man muss sich allerdings an die Geräuschkulisse gewöhnen. Denn man hört wirklich nichts, keine Motorengeräusche. 

E Auto Stadtwerke

Das ist aber doch schön…!

Jürgen Schäpermeier: Für den, der drinsitzt, klar, auch für Anwohner, die an viel befahrenen Straßen leben. Aber die Gefahr im Straßenverkehr steigt natürlich, wenn da plötzlich lauter lautlose Autos herumfahren. Die Veränderung in den Mobilitätsgewohnheiten geschieht nicht von heute auf morgen. Erdgasfahrzeuge z.B. haben die Erwartungen bisher nicht erfüllt; die am Markt erhältlichen Modelle sind ausgereift, sind aber leider nicht angenommen worden. Hoffen wir, dass durch die Elektromobilität im Verkehrssektor deutliche CO2-Ersparnisse erzielt werden können.

Und was hält Unnas Stadtwerke-Chef von Unna?

Jürgen Schäpermeier: Ich kannte die Stadt schon als Kind; einmal im Jahr habe ich hier meine Großmutter besucht. Heute bin ich richtig verliebt in Unna. Kulturell hervorragend – die vielen tollen Feste, an praktisch jedem Wochenende ist irgendetwas los, man kann was erleben. Entscheidend sind die Menschen, in Unna gibt es sehr viele nette und aufgeschlossene Zeitgenossen, man fühlt sich wohl hier, hat eine hohe Lebensqualität. Und auch wirtschaftlich ist Unna sehr stark. Wir als Stadtwerke unterstützen deshalb gerne die lokalen Veranstaltungen. Unna ist einfach eine Stadt zum Verlieben!

Schäpermeier 2


Mit Jürgen Schäpermeier sprachen Ina Witt und Frank Kuhlmann. Redaktionelle Bearbeitung: Silvia Rinke. In gedruckter Fassung finden Sie das Interview (gekürzt) in unserem Monatsmagazin Rundblick Unna.

Kommentare (5)

  • Ulf W.

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    Ja ja. Der Kunde darf gerne jedes Jahr höhere Strompreise zahlen. Die Herren arbeiten im Glas-Metalltempel, kassieren dicke Gehälter. Wenn aber mal ne Straßenlampe defekt ist, muss man bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, bis die repariert wird..

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  • Patrick Tecky via Facebook

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    Dicke Gehälter glaube ich kaum. Gut qualifizierte Leute verdienen in der Industrie erheblich mehr als im öffentlichen Dienst. Die hohen Strompreise kommen von den immer weiter steigenden gesetzlichen Abgaben. Das ist ja mittlerweile wie beim Benzin. 3/4 vom Strompreis sind regulierte Abgaben, Umlagen, Entgelte, Steuern. Da die EEG Umlage wieder steigen wird (gesetzliche Umlage) und die Netzentgelte bei vielen Netzbetreibern auch steigen (reguliert durch die Bundesnetzagentur) wird man sich wohl zum Jahreswechsel bei den meisten Versorgern wieder auf steigende Preise einstellen können. Wenn eine Abgabe steigt, steigt ja auch automatisch der Betrag für die Mehrwertsteuer am Ende der Rechnung.
    Die Stadtwerken führen jedes Jahr viel Geld an die Kommunen ab was ein Yello Strom z.b. nicht macht. Wenn es die Stadtwerken nicht geben würde dann würden den Kommunen viel Geld fehlen was man dann wahrscheinlich mit anderen höheren Gebühren reinholen müsste. Die Stadtwerke fördert auch eine Menge Projekte und Vereine. Ist ein echter Mehrwert für jede Stadt. Eine Stadtwerke vor Ort mit gutem Service kann aber auch nicht bundesweit der günstigste Anbieter sein. Das ist auch klar.
    Die Stadtwerken tun auch viel für die Energiewende vor Ort. Ich selber arbeite nicht bei der Stadtwerke Unna bin mir aber den Mehrwert für die Stadt und somit auch für die Bürger bewusst.
    Ich habe lieber tausende Stadtwerken in Deutschland als das die Energieversorgung komplett privatisiert ist.

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  • Rundblick Unna via Facebook

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    Über die von Patrick Tecky angesprochenen Umweltprojekte der Stadtwerke gibt es diverse Infos auf der SWU-Homepage. „Dicke Gehälter“ werden bei kommunalen Energieversorgern eher selten sein.

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  • Tanja

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    http://www1.wdr.de/themen/monitor/betriebe-tabelle100.html

    Unna ist zwar nicht dabei, aber wohl mit ähnlich großen Städten vergleichbar…

    Da muss ich Ulf W. recht geben. 100.000-200.000 pro Jahr darf man wohl doch schon zu sehr sehr guter Gehaltsklasse zählen…

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  • Patrick Tecky via Facebook

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    Für einen Geschäftsführer in einem Betrieb mit über 150 Mitarbeitern würde ich das als normal ansehen und nicht als sehr sehr gut. Ein Ingenieur bei Daimler Siemens etc wird sehr wahrscheinlich auch zwischen 100-200 TEURO liegen ohne das die GF sind. Ich habe genügend Ingenieure im Bekanntenkreis die weit über 100.000 liegen ohne GF zu sein und die sind nicht bei den üblichen Bekannten Firmen in Deutschland. Aus der Sicht eines Normalverdieners sieht das immer viel aus. Ich komme z.b. aus dem Handwerk und kenne auch andere Gehälter. Dann darf man auch nicht mehr mit der Bahn fahren weil ich will nicht wissen was der GF bekommt. Mein Arzt wird wahrscheinlich mir gegenüber auch ein sehr sehr gutes Gehalt haben. Die Frage ist immer aus welcher Perspektive man das sieht. Als Normalverdiener sagt man meine Güte sind das Gehälter. Als Manager bei Siemens oder Daimler lächelt man darüber.
    Wenn die Stelle als GF mal ausgeschrieben wird, wird man warscheinlich auch Probleme kriegen einen geeigneten Bewerber zu finden wenn das angebotene Gehalt zu weit unterm Durchschnitt ist für so eine Position. Das ist ja noch die andere Sache wenn man das mal objektiv und realistisch betrachtet.

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