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Inklusions-Ernüchterung: Immer mehr Kinder mit Behinderungen wechseln an Förderschulen

Stolz präsentierte der Kreis Unna erst Ende November die finalen Beschlüsse für seine neuen Förderschulzentren. Sie gehen im August 2016 an den Start, bisherige Einzelförderschulen werden aufgelöst. Landrat Makiolla zeigte sich in der damaligen Pressemitteilung besonders stolz auf die zügigen Schritte zur Inklusion: Der Kreis habe „als einer der ersten in NRW die von … NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann ausgehende Initiative so gut und einvernehmlich umgesetzt.“

Doch die viel gepriesene Inklusion überzeugt die Eltern offenbar nur begrenzt. Denn immer mehr Kinder mit Behinderungen wechseln von einer Regelschule (zurück) auf eine Förderschule. Allein jedes 3. Kind ist es an den Schulen des Landschaftsverbandes-Westfalen-Lippe, für den der Kreis jedes Jahr hohe Zuzahlungen leistet. Das berichtete heute der WDR.

Viele Eltern behinderter Kinder seien mit der Betreuung an den Regelschulen einfach unzufrieden, sagte eine Förderschulleiterin aus Dortmund. „Ganz oft hören wir, dass die Kinder dort mit ihrer Besonderheit nicht gut akzeptiert waren, zum Teil von den Mitschülern. Da spielt Mobbing auch eine Rolle und auch von den Lehrern nicht wirklich so beschult worden sind, dass sie sich da wohlgefühlt haben.“

Eigentlich sollen im Rahmen der Inklusion Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen und dadurch gegenseitig voneinander profitieren. Schulministerin Sylvia Löhrmann pries das Inklusionsmodell noch im Herbst bei ihrem Besuch zum Bürgermeister-Solowahlkampf in Unna begeistert an. Doch widersprach ihr Bürgermeister Kolter deutlich.

Löhrmann 18

Er betonte bei der Veranstaltung im Katharinen Hof (Bild oben): Die Finanzierung für inklusiven Unterricht durch das Land NRW reiche bei Weitem nicht.

4 Millionen Euro werde die Stadt Unna die komplette Umsetzung der Inklusion kosten: Fachräume, behindertengerechter Umbau. Bisher werde die Stadt damit deutlich vom Land allein gelassen. „100 000 Euro gibt es für 2015 vom Land“, machte Kolter klar. „Das Gesetz“ (er meinte das Inklusionsgesetz, für das die Schulministerin zuvor vollmundig geworben hat) „ist so bei Weitem nicht auskömmlich.“

In den Schulen wird zudem und vor allem beklagt, dass für die besondere Betreuung von „Inklusionskindern“ zu wenig Lehrer zur Verfügung stehen, die eine entsprechende Förderschulausbildung oder zumindest Weiterqualifizierung haben. So werden an einem Gymnasium in Werl drei Kinder mit Lernbeeinträchtigungen in einer 5. Klasse mit unterrichtet; als Unterstützung für die Gymnasialfachlehrer ist lediglich ein ausgebildeter Pädagoge für elf Unterrichtsstunden pro Woche von einer benachbarten Förderschule abgestellt. Ein schwer körperbehinderter Junge wird außerdem an diesem Gymnasium „inklusiv beschult“, obwohl das Altgebäude in keiner Form behindertengerecht ist. Die Schulleitung brachte dieses Problem mehrfach vor, geändert hat sich bisher nichts.


Die neue Förderschullandschaft im Kreis Unna ab August 2016:

Geschaffen werden zwei Förderschul-Zentren für die Sekundarstufe I:  in Unna (für Unna, Fröndenberg, Schwerte, Holzwickede und Kamen) und im Norden mit zwei Teilstandorten in Lünen und Selm (für Bergkamen, Lünen und Selm).

Im Primarbereich mit den Schwerpunkten Sprache und emotionale und soziale Entwicklung entstehen Förderzentren in Fröndenberg und in Rünthe.

Im Gegenzug werden zum 31. Juli 2016 die Harkortschule in Königsborn und die Sodenkampschule Fröndenberg aufgelöst. Dasselbe geschieht mit sechs weiteren Förderschulen im Kreis:

  • Barbaraschule in Werne
  • Albert-Schweitzer-Schule in Bergkamen
  • Friedrich-Ebert-Schule in Lünen
  • Pestalozzischule in Selm
  • Käthe-Kollwitz-Schule in Kamen
  • Schule an der Ruhr in Schwerte

Erklärtes Ziel des Kreises ist es, „den Umbau der Förderschullandschaft aktiv zu gestalten und ihn nicht einfach durch sinkende Schülerzahlen und die damit verbundenen Schulschließungen geschehen zu lassen.“  Eltern von Kindern mit Förderbedarf sollen ihr Wahlrecht behalten und auch in Zukunft mit – relativ – kurzen Wegen zu den Förderschulen eine echte Alternative zur Regelschule behalten.

Zum Hintergrund schreibt der Kreis: „Der demografische Wandel und die Umsetzung der Inklusion führen dazu, dass die Schülerzahlen an den Förderschulen deutlich stärker sinken als an anderen Schulen. Ohne eine Lenkung dieses Prozesses würden früher oder später alle Förderschulen unter die vorgegebene Mindest-Schülerzahl fallen und müssten aufgelöst werden.“

Der Kreis betont in seiner aktuellen Mitteilung auch den finanziellen Vorteil für die Städte und Gemeinden: „Bislang haben sie Aufwendungen von jährlich rund 3,2 Millionen Euro. Die neuen, über die Kreisumlage finanzierten Förderschulzentren werden rund 2,4 Millionen Euro kosten. Damit spart die kommunale Familie jährlich 800.000 Euro.“

 

 

 

 

Kommentare (22)

  • Sabine Jorzick via Facebook

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    Ich kann aus Erfahrung sprechen das von Inklusion noch immer nicht wirklich gesprochen werden kann. ..Keiner weiss richtig Bescheid und es müsste viel mehr auf die einzelnen Behinderungen eingegangen werden. ..Da es nun mal zu viele verschiedene Behinderungen gibt. .Auch fehlt es an akzeptanz

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  • Sven Arnt via Facebook

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    Also jetzt mal allen ernstes. Der Grundgedanke der Inklusion ist ja richtig und ich kann die Eltern verstehen. Allerdings wenn man sich und das empfehle ich, mal mit den Sozialarbeitern/Sozial- und Sonderpädagogen unterhält, also denen die seit langem gut und erfolgreich mit den Kindern arbeiten, dann wäre man da keinesfalls verwundert. Ich habe da so einige im Bekannten- und Freundeskreis. Es ist ein ideologischer Irrsinn der da, vor allem zum Schaden der Kinder, betrieben wird. Schauen wir uns doch den Zustand der Schulen an, mit Klassengrößen, die immer noch bis an die 30 Schüler Grenze gehen. Da ist für die nicht behinderten Schüler schon keine individuelle Förderung möglich. Auch die Verteilung der Sonderpädagogen auf die Regelschulen fängt das kein Stück auf. Was man da macht, ist Einsparungen durchsetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist zynisch und über alle Maßen heuchlerisch, was die Landesregierung da durchzieht. Die Schulen sind in einem beklangenswerten Zustand. Auch sich zu wundern, dass es grade unter Kindern zu derartigen (natürlich unsozialen) Ausgrenzungen/Mobbing kommt, zeugt für mich aber von einem sehr blauäugigen Weltbild. Stünden die Schulen optimal da. Also Klassengrößen bis max. 15 Kindern, mit ausreichend und geschulten Lehrkräften, ja dann hätte man an so eine Umsetzung denken können. Ideologischer, auch durch den Willen auf Teufel komm raus Einsparungen vorzunehmen, bildungspolitischer Dilettantismus. Ganz schlimm was da passiert. Ich bin da wirklich sauer und es tut mir für die beteiligten Eltern und vor allem Kinder wirklich leid.

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  • Rundblick Unna via Facebook

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    Ein uns namentlich bekannter Schulleiter hat im Schulausschuss seiner Stadt deutlich die Missstände angesprochen (fehlende Ausstattung räumlicher wie personeller Art). Ihm wurde danach seitens der Bezirksregierung mehr Zurückhaltung nahegelegt.

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    • Sabine Jorzick via Facebook

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      Schlimm genug

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    • Sven Arnt via Facebook

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      Eigentlich ein Skandal!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      … tja, das fand der aufgebrachte Schulleiter auch.

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    • Sven Arnt via Facebook

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      Ich verstehe nicht ganz warum da immer wieder gekuscht wird. Letztlich kann doch nicht wirklich was passieren wenn berechtigte und vor allem fachliche Kritik öffentlich gemacht wird. Auch als Beamter hat man durchaus das Recht zur freien Meinungsäußerung und sogar die Pflicht sein Bestes für das Land und dessen Bürger zu geben. Wir haben einen Eid auf die Landesverfassung abgelegt, nicht auf die Regierung! Das kotzt mich ehrlich gesagt immer mehr an. Also damit meine ich jetzt nicht diesen Schulleiter, aber die Tendenz Schönfärberei im Bereich leitender Beamter in Richtung Landesregierung mit zu machen ist leider deutlich feststellbar.

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  • Katja Mette via Facebook

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    Ich kann da sehr aus eigener Erfahrung berichten. Den meisten Lehrern fehlt es schon an genügend Empathie um mit besonderen Kindern um zu gehen, wie sollen es die Kinder dann lernen? Das Mobbing an der Tagesordnung ist ist wohl das kleinste Problem.

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    • Sven Arnt via Facebook

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      Vielleicht weniger an Empathie, denn an fundierter Ausbildung (deshalb gibt es ja Sonderpädagogen) und vor allem schlicht an Zeit und Nerven (siehe Klassengrößen etc.). Wobei ich selbstverständlich ihre persönlichen Erfahrungen nicht in Abrede stellen will, bitte nicht falsch verstehen.

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    • Katja Mette via Facebook

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      Ich rede von Lehrern an Regelschulen, diese sind keine Sonderpädagogen. Wobei ich es bei Lehrern überhaupt von Pädagogen zu reden recht fragwürdig finde. Aber das ist wieder etwas anderes.
      Kinder mit Störungen im Bereich Wahrnehmung sind (in den meisten Fällen) in unseren Schulalltag in Regelschulen einfach nicht/schwer händelbar.
      Oft auch nicht mit I-Helfer. Der Unterricht ist zu laut alles zu unstrukturiert und es fehlt Lehrern an Empathie zu sehen was dem Kind fehlt. Das ist einfach so. Was auch daran liegen mag das sie einfach generell mit den Klassenarbeiten überfordert sind. Ich gebe ja nicht den Lehrern alleine die Schuld.
      Aber Eltern die für ihr besonderes Kind eine Förderschule bevorzugen kann ich nur gut verstehen u d die machen sich die Wahl nicht leicht.

      Integrationsklassen ala PWG wo die Kinder weit ab von den anderen unterrichtet werden und gesondert Pausen machen sind alles andere als Integration.

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    • Anika Osthoff via Facebook

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      Liebe Frau Mette, sie können mir glauben, dass die Arbeit in Inklusionsklassen für Regelschullehrer in höchstem Maß frustrierend ist. Weil man niemandem gerecht wird und auch in keinster Form dafür ausgebildet wurde. Nicht umsonst ist Lehramt für Sonderpädagogik ein eigenes mehrjähriges Studium. Ich glaube daher gerne, dass es da zu frustrierenden Erfahrungen für alle Beteiligten kommt. Jetzt aber Lehrern an Regelschulen sämtliche pädagogische Kenntnis und Empathie abzusprechen führt ein bisschen weit und ist auch unfair.

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      • Silvia Rinke

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        @Katja Mette, Anika Osthoff: Aus eigener Erfahrung als Lehrkraft an einer Regelschule mit Inklusionskindern möchte ich Anika Osthoff nachdrücklich zustimmen. Man ist als Nicht-Sonderpädagoge in keiner Weise für den speziell notwendigen Umgang mit diesen Kindern ausgebildet. Man hat eine Klasse mit 28 hellwachen und lernhungrigen Fünftklässlern vor sich sitzen und soll nun als alleinige Lehrkraft im Unterricht eine Binnendifferenzierung hinbekommen für Kinder, die sich von ihrem Wissensstand und kognitivem Vermögen auf dem Stand von Zweitklässlern befinden? Das kann nicht funktionieren. Die Lehrkraft muss sich in jeder Unterrichtsstunde neu entscheiden, wem sie gerecht werden will: den drei Inklusionskindern oder den 28 leistungsstarken Gymnasialkindern. Das führt zwangsläufig zu Unzufriedenheit und Frustrationen. Den Kindern wird das alles in keinster Weise gerecht.

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    • Katja Mette via Facebook

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      Ich Schere mit Sicherheit nicht alle über einen Kamm. Aber mir sind selten Lehrer mit genügend Einfühlungsvermögen, Verständnis und pädagogischer Kompetenz begegnet. So leid es mir tut aber ich kenne Lehrer die mir genau das bestätigen.
      Allerdings ist es auch nicht Aufgabe eines Lehrers der Regelschule Erziehungsarbeit bzw. Inklusionsarbeit zu leisten. Denn sie sind weder Erzieher noch Sonderpädagogen (und selbst die beiden Berufsgruppen besitzen nicht immer die nötigen Kompetenzen.

      Unser System funktioniert da einfach nicht. Die Klassen/Schulen sind zu groß und die Ausbildungen nicht umfassend genug. Das wird sich nur leider nicht ändern denn dafür müsste Geld fließen.

      Bitte meine Aussagen nicht falsch verstehen. Lehrer haben Kompetenzen, sind sicher auch emphatisch und es gibt einige die über das normale Maß hinaus. Aber die Bedürfnisse eines besonderen Kindes zu erkennen und deuten ist nunmal etwas anderes und darum ging es mir.

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  • Hanno

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    Damit ist ja wohl die tolle Welt der SPD-Grünen-Schulpolitik an der Wirklichkeit vorbei zu gehen. Tja, so ist es, wenn man aus ideologischen Gründen den Eltern etwas aufzwingen will, was die für ihre Kinder gar nicht wollen…

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  • Andre Sander via Facebook

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    Diese Modell der Inklusion ist schon in Frankreich und Italien gescheitert. Kurz darauf wurde es in NRW eingeführt. Ich habe seinerzeit vehement darauf hingewiesen, das je nach Schwere und Art der Behinderung, das lernen erschwert wird. Ich habe auch darauf hingewiesen, das die Lehrer der Regelschulen nicht die nötige dreijährige Zusatzausbildung haben und diese auch nicht durch eine drei Monatigen Fortbildung ausgeglichen werden kann. Ich warnte genau vor dem was jetzt passiert. Die Eltern verstehen jetzt, das ihre Kinder zwar das Recht haben ihre Kinder auf eine Regelschule zu schicken, es aber nichts bringt wenn die Kinder durch ihre Behinderung keine Bewertungen ihrer Leistungen bekommen. Jetzt schwenken die Eltern wieder auf die Förderschulen um. Das Problem wird sein, es wird zu wenig Plätze geben. Den die Politik hat sich beeilt, Förderschulen schnell zu schließen. Ich fand diese Entscheidung nicht nur merkwürdig schnell sonder auch gefährlich. Ich für meinen Teil denke ehr, das die Entscheidung zur Inklusion dem Demographischen Wandel geschuldet ist. Jetzt kommt das nächste Problem dazu. Den Schulen wurden geschlossen um Kosten zu sparen, da der Bund die Kommunen kaputt spart. Jetzt müssen auch Flüchtlingskinder beschult werden. Die Klassen wachsen, weil es nicht genug Räume gibt weder in den Regelschulen noch in den Förderschulen. Jetzt ist die Politik ratlos. Im Umkehrschluss wachsen die Klassen auf ein Volumen an, welches eine vernünftige beschuldig unmöglich macht. Warum wurden meine Warnungen ignoriert. Ich habe diese sogar bis in den Kreis reingetragen. Sogar Eltern förderbedürftiger Kinder haben mir den Rücken gestärkt. Die EU hat zwar die Inklusion verlangt, doch ist keine Umsetzung ausgereift. Auch wurden bereits gescheiterte Ansätze aus anderen Ländern übernommen. Den selber Gedanken machen ist Arbeit und Kritik an der Politik nicht erwünscht. Den die Politik ist allwissend.

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