Rundblick-Unna » Gedenken an die NS-Opfer in Werne: „Wehren wir den Anfängen“

Gedenken an die NS-Opfer in Werne: „Wehren wir den Anfängen“

Die Pogromnacht des 9. November 1938 gibt jedes Jahr Anlass zum Gedenken an der alten Stätte der Synagoge. Trübes Novemberwetter konnte bis zu 60 Zuhörer nicht abschrecken, der diesjährigen Rede des Bürgermeisters Lothar Christ zu folgen.

In diesem Jahr wurde auf Beiträge von Schülern verzichtet. Aber im kommenden Jahr wird das wieder ins Auge gefasst, kündigte Christ an.

Die Stimmung, wie auch das Wetter war dem Gedenken in der Marktgasse angemessen. Bei nasskalten Temperaturen bezog sich Bürgermeister Christ bei seiner Rede auf das Buch „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ von Oliver Hilmes. Wenngleich die Pogromnacht vor 78 Jahren als Startschuss für die systematische Verfolgung der Juden gilt, führte Bürgermeister Christ an, dass die Verfolgung der Juden, wie auch Sinti/Roma und diverser Menschengruppen, die nicht in das NS-Bild passten, schon weitaus früher begann. Die Saat wurde bereits bei den Olympischen Spielen 1936 gestreut und keimte dann in der Novembernacht 1938 auf.

Es folgt die komplette Rede des Bürgermeisters Lothar Christ am 9. November 2016 zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

78 Jahre sind nunmehr vergangen seit dem Tag, zu dessen Erinnerung wir uns heute hier am Standort der ehemaligen jüdischen Synagoge zusammengefunden haben. Und bereits 80 Jahre liegt ein Ereignis zurück, auf das während der diesjährigen Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro auch zurück- geschaut wurde, nämlich die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland.

Was haben, so mögen Sie fragen, diese beiden Geschehnisse miteinander zu tun? Nun, die Pogromnacht wird von Historikern gemeinhin als Zäsur angesehen.

Als Zeitpunkt, von dem an eine systematische Verfolgung der Juden begann, welche später zum Holocaust führte. Doch was geschah vorher? Wie schaffte es das Naziregime, Ausgrenzung und Diskriminierung von Juden und anderen Minderheiten lange Zeit von der öffentlichen Wahrnehmung fernzuhalten?

Hier vermag ein Rückblick auf die Olympischen Spiele des Jahres 1936 durchaus Antworten zu bieten und einige von ihnen finden sich in dem interessanten Buch des Historikers Oliver Hilmes, welches vor einigen Monaten unter dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ erschienen ist. Dort kann man erfahren, wie Hitler die weltweit bekannteste Sportveranstaltung dazu nutzte, um die Welt zum Narren zu halten.

Nur wenige Monate nach der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands und der Einführung der Wehrpflicht, beides Verstöße gegen den Versailler Vertrag, präsentierte er sich bei den sommerlichen Wettkämpfen als friedliebender, weltoffener Gastgeber für die Sportlerinnen und Sportler sowie mehr als einhunderttausend ausländische Gäste. Die mit großem Pomp organisierten Spiele wurden zu einem riesigen propagandistischen Erfolg, waren aber auch,

wie Hilmes schreibt, „der Höhepunkt einer großen Heuchelei“. Und, so muss man hinzufügen, eines groß angelegten Täuschungsmanövers.

So ließ Hitler in Berlin während der zweiwöchigen olympischen Wettkämpfe alle Schaukästen des Hetzorgans „Der Stürmer“ abmontieren.

Dadurch blieb den Gästen der Anblick von Schlagzeilen erspart, wie „Die Juden sind unser Unglück“, „Giftschlange Juda“ oder „Bad Orb judenfrei“. Gleichzeitig wurde in einer Anweisung der Reichspressekonferenz dringend davor gewarnt, „die Berichterstattung der Olympischen Spiele mit rassistischen Gesichtspunkten zu belasten“.

Hitler selbst antwortete auf den Vorschlag von Reichsjugendführer Baldur von Schirach, sich mit dem vierfachen Goldmedaillengewinner Jesse Owens fotografieren zu lassen: „Die Amerikaner sollten sich schämen, dass sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen. Ich werde diesem Neger nicht die Hand geben“. Nach außen hin aber mussten die Nazis trotz ihres Rassenwahns den Schein wahren, hatten doch die Amerikaner bereits mit einem Olympiaboykott gedroht.

Um diesen abzuwehren, erdreistete man sich deshalb, die in den USA lebende deutsche Weltklasse-Fechterin und Halbjüdin Helene Mayer zu den Spielen einzuladen. Nachdem sie die Silbermedaille gewonnen und bei der Siegerehrung den Arm zum „Hitlergruß“ erhoben hatte, schrieb der Regimegegner Victor Klemperer in sein Tagebuch: “Ich weiß nicht, wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reiches oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird“.

Die Nazis jedenfalls hatten den schönen Schein gewahrt und so konnte die liberale amerikanische Zeitschrift „The Nation“ am 1. August schreiben:“ Man sieht nicht, wie jüdische Köpfe abgeschlagen oder auch nur gehörig geprügelt werden…. Die Menschen lächeln, sind freundlich und singen begeistert in Biergärten….“.

Nichts zu lachen aber hatten zahlreiche Menschen, die bereits während des Sportereignisses und vor allem später von einer breiten Öffentlichkeit meist unbemerkt verfolgt wurden. Etwa Leon Henri Dajou, der in der Schickeria bestens bekannte Besitzer von Berlins edelstem und teuerstem Club. Wurde er während der Olympischen Spiele als Gastgeber vieler ausländischer Besucher noch geduldet, so versuchte er als Jude anschließend, der Verfolgung durch Verkauf seines Lokals zu entgehen, bevor er sich bei der Flucht vor der Gestapo nach Paris absetzen konnte.

Weniger Glück hatten viele andere, über die in dem Buch berichtet wird:

Etwa ein Mann namens Selle, der während der Spiele in Gaststätten das Regime kritisiert und deshalb für die Dauer von fünf Jahren ins Konzentrationslager überführt wurde. Oder Peter Joachim Fröhlich, der als Junge begeistert die Wettkämpfe im Olympiastadion miterlebt hatte und mit seinen Eltern nach Amerika emigrierte, weil sie Juden waren. Selbst Mitorganisatoren der Spiele blieben nicht verschont, wie Hauptmann Wolfgang Fürstner, der Verantwortliche für das Olympische Dorf. Konfrontiert mit Eheproblemen, vielerlei Unterstellungen und Vorwürfen, insbesondere aber seiner „nicht- arischen“ Abstammung, begeht er eine Woche nach Ende der Spiele Selbstmord.

Neben diesen exemplarischen Beispielen von Einzelschicksalen fanden während der 36-er Olympiade aber auch Aktionen größeren Ausmaßes statt, die belegen, dass die Nazis selbst im Angesicht der internationalen Wettkämpfe ihre Menschen verachtende Politik fortführten. Während in den Stadien die Zuschauer jubelten, wurden aufgrund eines Erlasses „zur Bekämpfung der Zigeunerplage“ ab dem 16. Juli 1936, also zwei Wochen vor Beginn der Spiele, etwa 600 Sinti und Roma aus Wohnungen und von Stellplätzen in ein Barackenlager am Rande der Stadt zwischen einem Friedhof, einer Bahntrasse und Rieselfeldern angesiedelt. Die Hygiene war katastrophal, die Versorgung unzureichend und Krankheiten griffen um sich. Manche der Insassen wurden später in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz verschleppt und waren dem Tod geweiht.

Ebenfalls im Sommer 1936 mussten Häftlinge nahe Oranienburg unter großen Torturen ein Lager errichten, in dem später mehr als 200.000 Menschen inhaftiert wurden, das KZ Sachsenhausen. Doch vor allem während der olympischen Spiele ließen sich Deutsche wie Ausländer von einer geschickten Propaganda und einer geschönten Selbstdarstellung hinter´s Licht führen, obwohl sie, insbesondere in der Auslandspresse, von Willkür und Unrecht im NS-Staat hätten lesen können.

Als Fazit können wir aus diesen Beispielen des Sommers 1936 lernen, dass zwar die Pogromnacht des 09. November 1938 als Beginn der systematischen Judenverfolgung angesehen wird, dass dies aber nur die intensive Fortsetzung einer Entwicklung war, die schon lange zuvor ihren Lauf genommen hatte.

Und so müssen wir uns auch heute klar machen, dass die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Religion, Rasse oder Meinung nicht über Nacht einsetzt, sondern in der Regel eine längere Vorgeschichte hat. Eine Vorgeschichte, die es frühzeitig zu erkennen gilt.

Viele Menschen haben dies in den ersten Jahren des Hitler-Regimes nicht erkannt. So auch der bis in die Nachkriegszeit hinein bekannte Schauspieler Hubert von Meyerinck, der als Teil des damaligen Systems galt. Doch er besaß am 9. November 1938 den Mut, über den Kurfürstendamm zu laufen und auszurufen: „Wer auch immer unter Ihnen jüdisch ist, folgen Sie mir“. Und dann hat er jüdische Mitbürger in seiner Wohnung versteckt.

Seien wir in Konsequenz damaliger und ähnlicher Ereignisse wachsam, wehren wir den Anfängen, ganz gleich, ob Synagogen oder Moscheen, Kirchen, Flüchtlingsunterkünfte oder Menschen angegriffen werden. Verfolgen wir aufmerksam die Geschehnisse, die Entwicklungen und die Rhetorik in Staaten, die uns aktuell große Sorge bereiten – auch in solchen, mit denen wir verbündet sind. Haben wir den Mut, gegen alle, die unsere Werte in Frage stellen oder bekämpfen wollen, unsere Stimme zu erheben und ihnen Einhalt zu gebieten.

Ich danke Ihnen.

Kommentieren