Rundblick-Unna » „Für die Werkstatt wird es eine Lösung geben – ich bin mir absolut sicher“: Interview mit Herbert Dörmann

„Für die Werkstatt wird es eine Lösung geben – ich bin mir absolut sicher“: Interview mit Herbert Dörmann

Unser monatliches Interview führten wir diesmal mit Herbert Dörmann, Geschäftsführer der Werkstatt im Kreis Unna.


 

Herr Dörmann, bis zum Ende vorigen Jahres bekam die Werkstatt 500 000 Euro Zuschuss von der Stadt Unna; jedes Jahr. Im Zuge der Haushaltssicherung hat der Kämmerer die Summe um die Hälfte gekappt, verlangt, dass auch andere Städte ihren Obolus beisteuern. Finden Sie eine halbe Million Euro nicht selbst etwas vermessen?
Herbert Dörmann: Keineswegs, denn der Betrag bemisst sich ja vor allem an der Anzahl der Menschen, die wir unterstützen. Ich stelle daher die Frage umgekehrt. Was passiert, wenn wir uns mit Hilfe dieser Zuschüsse nicht um die vielen Jugendlichen kümmern, um die es hier geht? Sie geraten auf die schiefe Bahn. Der Staat muss dann eingreifen, oft langfristig, und das wird sehr, sehr teuer. Im März hatten wir rund 1000 Projektteilnehmer im Kreis Unna: in Fortbildungslehrgängen, „Jugend in Arbeit“, Trainingsmaßnahmen bis hin zur Produktionsschule und zur Berufsausbildung. Plus 205 Schüler im eigenen Berufskolleg. Wir sparen hierdurch knallhart Geld für die öffentliche Hand. Das erkannte schon der frühere Sozialdezernent Werner Kern damals Anfang der 80er Jahre, als die Werkstatt gegründet wurde. Für unsere Arbeit sprechen moralische Gründe, das ist klar. Aber eben auch ganz nüchtern fiskalische.

Herbert Dörmann Werkstatt Unna (3)

Die Stadt Unna will zunächst – „nur“ noch – 250 000 Euro an Werkstatt-Zuschüssen zahlen, fünf weitere Städte und Gemeinden im Kreisgebiet beteiligen sich allerdings ebenfalls – nur Kamen und Bergkamen haben sich zurückgezogen. Nutzen deren Jugendliche denn die Werkstatt-Angebote nicht? Das kann ich mir schwer vorstellen…
Herbert Dörmann: Dem ist auch nicht so. Aus Bergkamen und Kamen kommen ca. 15 % der Werkstatt-Teilnehmer. Also nicht eben wenig, und es würde daher durchaus passen, wenn sich beide Städte wieder in die Finanzierung einbinden. Wie Sie sagen, das tun die anderen Kommunen.. auch. Lünen und Selm mit 200 000 €, Fröndenberg, Bönen und Holzwickede mit zusammen 127 000 €, Schwerte mit 100 000 €. Ja, und Unna eben bisher mit 500 000 €. …
Dabei sollte man im übrigen nicht vergessen, dass die kommunalen Zuschüsse lediglich 5 % der Mittel ausmachen, die wir für die benachteiligten Zielgruppen einsetzen. Jährlich beantragen wir zudem Fördermittel aus der EU in einer Größenordnung von 1,5 % Mio. €, die ohne unsere Arbeit in andere Regionen flössen.

Werkstatt Unna Logistik

Kommen wir mal vom Geld auf die Menschen. Von wie vielen Mitarbeitern sprechen wir, um welche Menschen kümmern Sie sich?
Herbert Dörmann: Wir sprechen von 400 Werkstattbeschäftigten, dazu kommen 100 Auszubildende, die vor den örtlichen Kammern einen Berufsabschluss machen und 900 Jugendliche und Erwachsene, die sich in Weiterbildungslehrgängen befinden. Wir kümmern uns im engen Schulterschluss mit Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter um besonders benachteiligte Menschen mit geringer oder ohne jede Perspektive. Schulabbrecher, Langzeitarbeitslose – im Kreis Unna gibt es 8000 Langzeitarbeitslose, jeder Zweite ist schon länger als zwei Jahre ohne Arbeit. Wir fördern vor allem Jugendliche mit schwierigen Biografien und aus benachteiligtem sozialen Umfeld. Viele haben eine problematische Persönlichkeitsstruktur. In unserer Produktionsschule weisen bereits 40 % der Jugendlichen erhebliche psychische Probleme auf. Ähnlich ist die Situation in unserem Förderzentrum für Langzeitarbeitslose. Wenn wir diese Menschen nicht auffangen, fallen sie durchs Rost.

Wie fangen Sie sie auf? Ganz konkret?
Herbert Dörmann: Als Beispiel – diesen Mann gibt es, er ist 32 Jahre, war siebeneinhalb Jahre arbeitslos. Adipositas – 158 Kilo -, familiäre und finanzielle Probleme, Verlust jeglicher Selbsthilfekompetenz, destruktive psychische Reaktionen aufgrund seiner Perspektivlosigkeit. Unsere Maßnahmen: Bewerbungshilfen und -training, Arbeitsprojekte, Ernährungsberatung, Sportangebote, Selbstbewusstseinstraining und permanennte Begleitung. Nach 15 Monaten intensiver (Mit-)arbeit steht er nun unbefristet in Arbeit.

Herbert Dörmann Werkstatt Unna (4)

Ein umfassendes, ganzheitliches Angebot wie dieses klingt ziemlich aufwändig.
Herbert Dörmann: Ja, aber es ist nötig, an vielen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen, um in der Arbeit mit diesen Menschen Erfolg zu haben. Gerade die psycho-soziale Betreuung ist vielfach sehr wichtig. Wir beantragen aktuell einen Psychologen. Er soll familienbezogen arbeiten und bei unserem Kooperationsprojekt mit Jobcenter und Stadt Unna in Königsborn angesiedelt sein.

Und wie bezahlen Sie diesen Fachmann?
Herbert Dörmann: (lächelt wissend) Das Land würde die Stelle zu 90 Prozent bezuschussen.

Gibt es etwas, worüber Sie sich momentan besonders den Kopf zerbrechen?
Herbert Dörmann: Ja: In unserer Region gibt es viel zu wenig Ausbildungsstellen, gerade für Jugendliche mit Berufsstartproblemen. Weit über 1000 Stellen fehlen rechnerisch im Kreis Unna, um jedem Bewerber ein Angebot zu machen. In Münster gibt es 1,3 Stellen pro Bewerber – im Kreis Unna 0,6 Stellen. Das finde ich gruselig! Ein strukturelles Problem, das sich seit Jahren durchhält!

Werkstatt Unna Ausbildung Feuerabend (2)

Und das beim angeblich so großen Fachkräftemangel? Wo Betriebe angeblich händeringend Auszubildende suchen und keine finden?
Herbert Dörmann: 97 Prozent der gemeldeten Ausbildungsplätze im Kreisgebiet sind nach Berechungen der Bundesagentur für Arbeit besetzt. Tippen Sie mal, wie viele Gesamtschüler nach ihrem Schulabschluss einen betrieblichen Ausbildungsplatz finden.

Jeder Zweite?
Herbert Dörmann: Da sind Sie optimistisch. 25 Prozent, gerade mal jeder Vierte. Dieses Problem können wir weder auf Kreis- noch auf regionaler Ebene lösen. Wir brauchen hier einen interregionalen Lastenausgleich, ein Programm, das bei uns und in vielen anderen Ruhrgebietsregionen zusätzliche Ausbildungsstellen fördert.

Zum Schluss zurück zur Ausgangsfrage: Kamen und Bergkamen sollen wieder in die Finanzierung der Werkstatt einsteigen – wie laufen denn die Gespräche?
Herbert Dörmann: Gespräche wird es erst nach der Sommerpause geben.

Gilt das Mikado-Prinzip: Wer sich zuerst bewegt, verliert? Oder anders gefragt: Worst Case-Sznenario: Herr Hupe und Herr Schäfer, Kamens und Bergkamens Bürgermeister bleiben hart, springen nicht für den 250 000-Euro-Zuschuss ein, Kämmerer Herr Mölle in Unna bleibt ebenfalls hart und dreht Ihnen den Geldhahn zu: Was dann? Haben Sie einen Plan B?
Herbert Dörmann: Es wird eine Lösung geben. Da bin ich mir absolut sicher. Wir haben das in 30 Werkstatt-Jahren immer gemeinsam hingekriegt.

werkstatt unna sekt

30 Jahre Werkstatt im Kreis Unna – im Sommer 2014.


Das Interview finden Sie in Print-Fassung im aktuellen Rundblick-Magazin (Ausgabe Juli), das kostenlos in Unna, Kamen, Bergkamen, Fröndenberg und Holzwickede ausliegt.

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