Rundblick-Unna » Erst runter vom Piratenschiff, dann vom Ex-Mitpirat verlassen. Interview mit Christoph Tetzner, partei- und fraktionslos

Erst runter vom Piratenschiff, dann vom Ex-Mitpirat verlassen. Interview mit Christoph Tetzner, partei- und fraktionslos

Erst verließ er das Schiff, dann verließ ihn sein Ex-Mitpirat. Ein Gespräch mit Christoph Tetzner, parteiloser und seit dem 17. November auch (wieder) fraktionsloser Ratsherr im Unnaer Stadtparlament.

Herr Tetzner, wenn Sie momentan ins Unnaer Rathaus kommen – schallt Ihnen dann von überall her Türenknallen in die Ohren?

Christoph Tetzner: Hallo Frau Rinke. Danke für Ihre Einladung zu diesem Interview. Mitnichten werden die Türen zugeknallt. Einigen alteingesessenen Verwaltungsangestellten bin ich durchaus ein Dorn im Auge, was mir auch bewusst ist. Leider können viele Menschen halt nicht differenzieren zwischen Politik und Privat, was sehr traurig ist. Im Rathaus arbeiten ja nicht nur Menschen, mit denen ich über kreuz bin.

Die Zielrichtung meiner Frage dürfte klar geworden sein: Sind Sie im Rathaus aufgrund Ihrer ständigen unbequemen Vorstöße noch gelitten? Oder schlägt man Ihnen – jetzt im übertragenen Sinne – jetzt auch bei „harmlosen“ Anfragen die Tür vor der Nase zu?

Christoph Tetzner: Nein, die Herren sollten eigentlich Profi genug sein, um sowas auszuhalten. Außerdem muss man ja auch mal festhalten, dass ich laut Gemeindeordnung NRW auch eine Verpflichtung gegenüber den Bürgern dieser Stadt habe. Hier möchte ich mal kurz auf die Vereidigungsformel als Ratsmitglied hinweisen, in der es heißt: „Ich verpflichte mich, dass ich meine Aufgaben nach bestem Wissen und Können wahrnehmen, das Grundgesetz, die Verfassung des Landes und die Gesetze beachten und meine Pflicht zum Wohle der Gemeinde erfüllen werde.“ Was nützt es, wenn in der Verwaltung augenscheinlich Fehler gemacht werden und wir dann hinterher Landes- oder sogar Bundesgelder zurück zahlen müssen? Ich glaube kaum, dass dies dann die Herren der Verwaltung selber den Bürgern erklären würden. Statt dessen schiebt man dann wieder die Politiker vor. Ich erinnere mich da gerne an den Satz unseres 1. Beigeordneten: „Das haben Sie so entschieden …. meine Damen und Herren.“

Wenn Unnas Piraten einen öffentlichen Vorstoß unternahmen – ich spreche in der Vergangenheit, da es die Piratenfraktion seit Donnerstag ja nicht mehr gibt: Unter Anträgen stand aber immer nur ein Name: Ihrer. Aber Sie waren doch zu zweit in der Fraktion. Was machte eigentlich Ihr Stellvertreter Christian Ross? Oder stand die Unnaer Piratenfraktion schon seit Längerem erneut vor der Selbstzerlegung?

Christoph Tetzner: Christian war in der Fraktion ja in einer Doppelfunktion tätig und übt auch noch ein Kreistagsmandat aus. Wir hatten uns vorher so verständigt, dass ich in der Stadt Unna mehr stemmen muss. Er ist ein guter Politiker, auch wenn er eher weniger in Erscheinung tritt. Sie fragen nach der Selbstzerlegung der Fraktion. Hierauf kann ich Ihnen keine Antwort geben! Eine Fraktion kann man ab zwei Mandatsträgern gründen. Daher kann man eine Zwei-Mann-Fraktion auch durch seine Entscheidung einfach auflösen, wie dies ja auch schon Heike Palm gemacht hat. Ich hätte gerne die Arbeit mit Christian Ross fortgesetzt.

Zu einem aktuellen Thema: Sie sind mit dem Planungsverlauf zur Fußgängerzonensanierung nicht einverstanden, haben dazu einen geharnischten Einwand an den Bürgermeister geschickt. Was verstimmt Sie, was geht da nicht in Ordnung?

Massener Straße Fußgängerzone

Christoph Tetzner: Ich habe es ja gerade schon kurz angedeutet. Zuallererst möchte ich noch deutlich sagen, dass ich auch für eine neue Fußgängerzone bin. Aber auch hier muss man sich an die Spielregeln halten. Wenn dieses beauftragte Planungsbüro nun schon den dritten Auftrag bekommen hat – Rathaustreppe, Kirchplatz und nun die Fußgängerzone – ,sollte man da besonders vorsichtig sein.

Sie fordern also eine öffentliche Ausschreibung der Planungen?

Christoph Tetzner: Ja, unbedingt. Bei solch einer Planung die Architektur nicht auszuschreiben ist einfach ganz schlecht. Wir verzichten so auf eine Auswahl von Vorschlägen, aus denen wir den Besten wählen könnten. Auch ist es wieder versäumt worden, mit der Fußgängerzone eine gesamtstädtische Planung anzugehen. Durch geschickte Architektur könnte man die Menschen durch die Bummelzone leiten, ohne nur ein einziges Schild aufzustellen. Und wir hätten hier die Möglichkeit unsere Stadt wie aus einem Guss wirken zu lassen. Haben Sie mal gezählt, wie viele unterschiedliche Pöller in Unna herumstehen? Oder wie viele verschiedene Lampen? Von der Pflasterauswahl ganz zu schweigen. Jeder Baumarkt hat weniger Pflastersorten im Angebot als unsere Innenstadt.

Werden Sie Herrn Kolter und seiner Verwaltung in den kommenden Zeit noch mit weiteren Beschwerden auf die Füße treten?

Christoph Tetzner: Ich trete niemanden auf die Füße! Die Herren bekommen ein sehr gutes Salär und da kann ich doch auch als Bürger erwarten, dass die Leistung entsprechend ist. Momentan prüft die Kanzlei Wedemeier, ob wir in den Sachverhalten Stadtmarketing, Nordring 7 und Fußgängerzone weitergehende Mittel einleiten. Auch hier möchte ich mal ganz deutlich sagen: Als Mitglied des Rates bin ich gemäß Gemeindeordnung NRW verpflichtet, Sachverhalte, die ich als falsch empfinde, auch den nächsten Stellen zu melden.

Glauben Sie denn, dass Ihr offensives Vorgehen das richtige Mittel der Wahl ist? Oder geraten Sie damit nicht eher in die politische Isolation? Wo sehen Sie im Rat noch Bündnispartner, um Ihre Anliegen durchzusetzen?

Christoph Tetzner Piraten

Christoph Tetzner: Ich sehe den Sachverhalt auch hier wieder sehr einfach: ich befinde mich gerade mit der Verwaltung in einer Eskalationsspirale. Einige der Herren, die in 2020 den gemeinsamen Ruhestand angehen, stammen aus einer Zeit, in der es hier immer eine komfortable Ratsmehrheit gab seitens einer einzelnen Partei.

Nennen wir diese Partei ruhig, es war die SPD.

Christoph Tetzner: Klar. So, sichere komfortable Mehrheit macht mitunter träge und man verkennt dann auch die Zuständigkeiten. Klar ist es augenscheinlich so, dass ich isoliert bin. Dennoch habe ich auch einige Freunde im Rat und in der Verwaltung, mit denen ich mich austausche. Die finden das mitunter richtig gut, was ich da mache. Bündnispartner klingt wieder eher nach Fronten. Ich sehe diese Front nicht, auch wenn einige Ratsmitglieder mich nicht grüßen. Die haben eher ein Problem mit mir und nicht ich mit Ihnen.

Zu guter Letzt: Als nüchterner Betriebswirt mussten Sie schon länger davon ausgehen, dass die Piraten bei der NRW-Wahl im Mai aus dem Landtag fliegen, oder?

Christoph Tetzner: Ja, die Piraten werde es schwer haben bei der nächsten Wahl. Auch die Berichterstattung über einige Mandatsträger macht es nicht leichter, sich den Bürgern gegenüber zu erklären. Ich habe deshalb ja am 21. Oktober meine Mitgliedschaft bei der Piratenpartei gekündigt.

AUF DIE FRAGE ZU SEINEM VERBLEIB IN DER FRAKTION SAGTE UNS CHRISTOPH TETZNER AM TAGE SEINES PARTEIAUSTRITTES FOLGENDES:Der Fraktion und damit auch dem Rat bleibe ich erhalten, ich werde weiterhin – auf meine Weise – Politik für Unna machen und versuchen, in dieser schönen Stadt etwas Gutes zu bewegen. Das kann ich Ihnen versprechen.“

Der Parteiaustritt erfolgte am 21. 10. Am Donnerstag, 17. 11., erklärte Christian Ross seinen Austritt aus der Zweier-Piratenfraktion, die somit aufgelöst war.

http://rundblick-unna.de/ross-tritt-aus-piratenfraktion-zum-zweiten-mal-zerbrochen/

Piratenlogo

Kommentare (3)

  • Helmut Brune

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    Das sind ja gut Dinge, die der Herr Tetzner da aufführt. Daß er dafür Kritisiert wird, kann ich mir auch vorstellen. Im Allgemeinen ist es sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik so, daß Alteingesessene die Haltung zeigen: Wir haben das doch immer so gemacht, warum soll es jetzt nicht mehr Gut sein? Dabei sind sie dann eigentlich zum Stillstand gekommen. Jeder weiß daß Stillstand auch Rückgang bedeutet. Es kommt dan zu Diskussionen, wobei alle nur ihre persönliche Meinung verkünden wollen. Dabei wird dann vergessen, einander erstmal zu zu hören. Wenn man spricht, wiederholt man nur das, was man sowieso schon weiß. Wenn man zuhört kann man etwas lernen. Wie auch immer, man kann Herrn Tetzner nicht unterstellen, daß er nicht die allerbesten Absichten für die Stadt Unna und deren Bürger hat. Meinen Respekt und meine Hochachtung hat er dafür.

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  • Silvia Rinke

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    Kommentare, die bis Samstagnachmittag auf unserer Facebookseite eingingen:

    Annette Buchholz
    endlich mal einer, der die probleme offen anspricht! respekt dafür

    Rundblick Unna Für diese Offenheit zollen ihm die einen Respekt, die anderen kritisisieren ihn heftig dafür und sind überzeugt, dass ein Lokalpolitiker auf diese Weise nichts erreichen kann.

    Annette Buchholz ich würde mir für unna mehr solcher politiker wünschen!

    Chrissy Westh ..kurz u. schmerzlos „Neutralität sprich Partei- u. fraktionslos ist die BESTE Voraussetzung einer Kompeten und auch objektiven Einschätzungen zur Handhabungen für Planungen etc., wenn es um Verantwortungen sowie Durchsetzungen geht. Find ich.

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  • Anette Kaufmann

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    Chapeau!

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