Rundblick-Unna » Elternprotest in Düsseldorf: Lernbehinderte Kinder durch Inklusion „systematisch benachteiligt“

Elternprotest in Düsseldorf: Lernbehinderte Kinder durch Inklusion „systematisch benachteiligt“

Inklusion klappt offenbar nicht wirklich. Nachdem bereits Anfang Januar bekannt wurde, dass immer mehr Kinder von Regelschulen zurück auf Förderschulen wechseln, wurde heute am Landtag in  Düsseldorf demonstriert: Eltern einer Dortmunder Förderschule protestierten gegen die rotgrüne Schulpolitik.

Die Georgschule für lernbehinderte Kinder leide massiv unter der Einführung der Inklusion (Beschulung von Kindern mit Behinderungen in normalen Regelschulen). So berichtet der WDR.

Dass die von Schulministerin Löhrmann (Grüne) viel gepriesene Inklusion in Wahrheit gezielt die Förderschulen „kaputtsparen“ soll, ist als Kritikpunkt von Eltern (und Lehrern) schon häufig laut geworden. An der Georgschule in Dortmund sollen tatsächlich drei Lehrerstellen wegfallen – damit könne Englisch nur noch in großen Klassen unterrichtet werden, wenn es nicht komplett ausfällt. Und dies bei Kindern, die besonderen Förderbedarf und qualifizierte Betreuung in kleinen Gruppen brauchen.

Und dazu kommen auf weniger Lehrer immer mehr Schüler – ein Phänomen, über das wir Anfang Januar bereits berichteten: Zunehmend erkennen Eltern, dass ihre Kinder mit dem Unterricht an der Regelschule überfordert sind, und melden sie (wieder) an einer Förderschule an. Denn den Regelschulen fehlt es ebenfalls an (ausgebildeten) Lehrkräften für diese besonders förderbedürftigen Kinder, die im Klassenverband eigentlich besonders differenzierten Unterricht mit intensiver Betreuung bekommen müssten. In einer normalen Schulklasse mit im Schnitt 25 Kindern sei das von der einzelnen Lehrkraft kaum zu schaffen.

Die Dortmunder Eltern, die heute vor dem Landtag Flagge zeigten, sehen in der jetzigen Schulpolitik – Inklusion vorantreiben, Förderschulen schließen bzw. zusammenlegen – eine systematische Benachteiligung lernbehinderter Kinder.


Der Kreis Unna präsentierte erst Ende November die finalen Beschlüsse für seine neuen Förderschulzentren. Sie gehen im August an den Start, bisherige Einzelförderschulen werden aufgelöst. Landrat Makiolla zeigte sich in der damaligen Pressemitteilung besonders stolz auf die zügigen Schritte zur Inklusion: Der Kreis habe „als einer der ersten in NRW die von … NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann ausgehende Initiative so gut und einvernehmlich umgesetzt.“

Doch die viel gepriesene Inklusion überzeugt die Eltern offenbar nur begrenzt. Denn immer mehr Kinder mit Behinderungen wechseln von einer Regelschule (zurück) auf eine Förderschule. Allein jedes 3. Kind ist es an den Schulen des Landschaftsverbandes-Westfalen-Lippe, für den der Kreis jedes Jahr hohe Zuzahlungen leistet.

Viele Eltern behinderter Kinder seien mit der Betreuung an den Regelschulen einfach unzufrieden, sagte eine Förderschulleiterin aus Dortmund. „Ganz oft hören wir, dass die Kinder dort mit ihrer Besonderheit nicht gut akzeptiert waren, zum Teil von den Mitschülern. Da spielt Mobbing auch eine Rolle… und wir hören, dass die Kinder auch von den Lehrern nicht wirklich so beschult worden sind, dass sie sich da wohlgefühlt haben.“ (O-Ton: WDR Dortmund)

Löhrmann 17

Eigentlich sollen im Rahmen der Inklusion Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen und dadurch gegenseitig voneinander profitieren. Schulministerin Sylvia Löhrmann pries das Inklusionsmodell noch im Herbst bei ihrem Besuch zum Bürgermeister-Solowahlkampf in Unna begeistert an (Bild oben Löhrmann in der Diskussion mit Bürgermeister Kolter (li.), dem Königsborner Gesamtschulleiter Hans Ruthmann und Unnas Schulausschuss-Vorsitzendem Michael Sacher, re.).

Doch widersprach ihr auch Bürgermeister Kolter damals schon deutlich.

4 Millionen Euro werde die Stadt Unna die komplette Umsetzung der Inklusion kosten: Fachräume, behindertengerechter Umbau. Bisher werde die Stadt damit deutlich vom Land allein gelassen. „100 000 Euro gibt es für 2015 vom Land“, machte Kolter klar. „Das Gesetz“ (er meinte das Inklusionsgesetz, für das die Schulministerin zuvor vollmundig geworben hat) „ist so bei Weitem nicht auskömmlich.“

In den Schulen wird zudem und vor allem beklagt, dass für die besondere Betreuung von „Inklusionskindern“ zu wenig Lehrer zur Verfügung stehen, die eine entsprechende Förderschulausbildung oder zumindest Weiterqualifizierung haben. So werden an einem Gymnasium in Werl drei Kinder mit Lernbeeinträchtigungen in einer 5. Klasse mit unterrichtet; als Unterstützung für die Gymnasialfachlehrer ist lediglich ein ausgebildeter Pädagoge für elf Unterrichtsstunden pro Woche von einer benachbarten Förderschule abgestellt. Ein schwer körperbehinderter Junge wird außerdem an diesem Gymnasium „inklusiv beschult“, obwohl das Altgebäude in keiner Form behindertengerecht ist. Die Schulleitung brachte dieses Problem mehrfach vor, geändert hat sich bisher nichts.


Die neue Förderschullandschaft im Kreis Unna ab August 2016:

Geschaffen werden zwei Förderschul-Zentren für die Sekundarstufe I:  in Unna (für Unna, Fröndenberg, Schwerte, Holzwickede und Kamen) und im Norden mit zwei Teilstandorten in Lünen und Selm (für Bergkamen, Lünen und Selm).

Im Primarbereich mit den Schwerpunkten Sprache und emotionale und soziale Entwicklung entstehen Förderzentren in Fröndenberg und in Rünthe.

Im Gegenzug werden zum 31. Juli dieses Jahres die Harkortschule in Königsborn und die Sodenkampschule Fröndenberg aufgelöst. Dasselbe geschieht mit sechs weiteren Förderschulen im Kreis:

  • Barbaraschule in Werne
  • Albert-Schweitzer-Schule in Bergkamen
  • Friedrich-Ebert-Schule in Lünen
  • Pestalozzischule in Selm
  • Käthe-Kollwitz-Schule in Kamen
  • Schule an der Ruhr in Schwerte

Erklärtes Ziel des Kreises ist es, „den Umbau der Förderschullandschaft aktiv zu gestalten und ihn nicht einfach durch sinkende Schülerzahlen und die damit verbundenen Schulschließungen geschehen zu lassen.“  Eltern von Kindern mit Förderbedarf sollen ihr Wahlrecht behalten und auch in Zukunft mit – relativ – kurzen Wegen zu den Förderschulen eine echte Alternative zur Regelschule behalten.

Zum Hintergrund schreibt der Kreis: „Der demografische Wandel und die Umsetzung der Inklusion führen dazu, dass die Schülerzahlen an den Förderschulen deutlich stärker sinken als an anderen Schulen. Ohne eine Lenkung dieses Prozesses würden früher oder später alle Förderschulen unter die vorgegebene Mindest-Schülerzahl fallen und müssten aufgelöst werden.“

Der Kreis betont den finanziellen Vorteil für die Städte und Gemeinden: „Bislang haben sie Aufwendungen von jährlich rund 3,2 Millionen Euro. Die neuen, über die Kreisumlage finanzierten Förderschulzentren werden rund 2,4 Millionen Euro kosten. Damit spart die kommunale Familie jährlich 800.000 Euro.“

 

Kommentare (16)

  • Katja Mette via Facebook

    |

    Richtig so! Die Inklusion klingt ja erst einmal idyllisch. Aber in Der Realität ist es nunmal nicht so rosig. Richtige Inklusion bedeutet viel Arbeit welche nunmal mit kosten verbunden ist. Wenn der Staat aber nichts dafür raus tut bringt das ganze nichts. (Danke Herr Kolter das sie das ganze gut im Blick haben ??) Es leiden nur die Kinder darunter. Und die werden bei weitem nicht nur von ihren Mitschülern gemieden und gemobbt!!
    Ich weiß warum ich mich bewusst bei meinem Kind für die Förderschule entschieden habe. Und ich bin froh das wir noch die Wahl haben ich würde mich strickt dagegen wehren mein Kind auf die Regelschule zu schicken. Die Form ist einfach nicht für jedes Kind gut!!

    Antworten

    • Rundblick Unna via Facebook

      |

      Hallo, Katja Mette! Genau das hören wir aus vielen Schulen, von Eltern wie von Lehrern und können es auch aus einer Erfahrung bestätigen. Man kann nur hoffen, dass hier nicht Entscheidungen zementiert werden, die fatal auf Kosten aller gehen. VG!

      Antworten

  • Mike

    |

    Leider geht die Politik einen falschen Weg. Inklusion mag auf dem Papier funktionieren, die Realität ist aber leider eine ganz Andere. Die Schulen schaffen es ja derzeit nicht einmal den Regelunterricht stattfinden zu lassen auf Grund von Personalmangel.
    Wie leider mal wieder scheitert es am Geld was lieber für etwas anderes ausgegeben wird als für unsere Kinder, unsere Kinder sind die Zukunft, da wird IMHO am falschen Ende gespart.

    Antworten

  • Heike Palm via Facebook

    |

    Inklusion kann gelingen in einem flexiblen Kurssystem bei ca 15 Kindern pro Kurs. Gleichzeitig entsprechende Ausstattung mit Sonderpädagogen, Sozialarbeitern und Psychologen. Die räumliche Ausstattung muss entsprechende Gruppenräume, auch für Kleingruppen vorsehen. Dann, und nur dann, können alle profitieren. Da ein solches System als nicht bezahlbar angesehen wird, wird die Inklusion leider scheitern. Die Regelschulen sind zur Zeit auf homogene Schülergruppen ausgerichtet. Wie ich selbst erfahren musste, sind diese selbst mit einem Kind mit einer milden Ausprägung des Aspergerautismus völlig überfordert.

    Antworten

    • Rundblick Unna via Facebook

      |

      Unterstreichen wir, Heike Palm. „Richtige“ Inklusion kostet viel, viel Geld. Genauso wie „richtige“ Integration. Aber dieses sehr, sehr viele Geld scheinen die verantwortlchen Bürgervertreter nicht in die Hand nehmen zu wollen.

      Antworten

  • Peter Köhler via Facebook

    |

    Ein sehr guter und interessanter Bericht. Ich denke, das ist wieder ein Beleg dafür wie Politiker an der Lebensrealität und den Bedürfnissen von Kindern und Eltern vorbeiregieren. Gerade in der Schulpolitik wird doch experimentiert was das Zeug hält. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass diese Politiker jeden Bezug zur Realität verloren haben und oft auch einfach unfähig sind.

    Antworten

    • Mike

      |

      Fachkräftemangel in der Politik, nicht das was Experten und Lehrer sagen wird gemacht sonder wer die größte Lobby hat gewinnt…

      Antworten

  • Helmut Brune via Facebook

    |

    Kosteneinsparungen mit Qualitätsverlust ist die falsche Massnahme. Lernbehinderte Kinder sind ja keine Einheitswurst. Da muss schon individuell für jedes Kind einzeln entschieden werden, was geht und was nicht.

    Antworten

    • Rundblick Unna via Facebook

      |

      Zumal es nicht ausschließlich um lernbehinderte Kinder geht, die „inkludiert“ werden sollen, sondern auch um Kinder mit emotionalen Störungen oder Körperbehinderungen, ebenfalls sehr oft/in der Regel? unter (völlig) unzureichenden Bedingungen.

      Antworten

    • Kathrin Mares via Facebook

      |

      Mein junge hat den förderschwerpunkt sozial emotional (kombinierte störung) ist aber kognitiv top fit..er erträgt aber keine großen gruppen von menschen… könnt ihr euch ihn an einer regel grundschule vorstellen?…ich nicht! Vor allem liebt er es zur schule zu gehen..was wäre bloß wenns die nicht geben würde…man mag gar nicht drüber nachdenken

      Antworten

  • Margarethe Strathoff

    |

    ich sehe das ebenfalls so und kann auch nur unterstützen, wie wichtig die Förderschule ist. Alle Kinder müssen „gefördert“ werden und das am Besten in kleinen Klasseneinheiten. Dann sollte Frau Löhrmann mal viel Geld in die Hand nehmen und die Zukunft investieren. In der Theorie sieht einiges anders aus die Praxis lässt einige auf der Strecke liegen. Leider! Da ist eine Kostennutzungsrechnung fehl am Platze und wird auf den Rücken der Kinder ausgetragen.

    Antworten

    • Rundblick Unna via Facebook

      |

      „Kosten-Nutzen-Rechnung“ bei lernschwachen Kindern – ja, Margarethe Strathoff, da kommt man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus.

      Antworten

  • fürst

    |

    Das Geld ist da, von uns allen erarbeitet. Es wird auch in die Hand genommen – aber zur Förderung und Ausbreitung bestimmter Großfamilien.

    Antworten

  • Kathrin Mares via Facebook

    |

    Ich bin Mutter eines förderschulkundes! (Regenbogenschule Unna)

    Antworten

    • Rundblick Unna via Facebook

      |

      Alles Gute für deinen Jungen, Kathrin Mares! Der von dir beschriebene Personalschlüssel und die Klassengröße ist an Regelschulen natürlich vollends Utopie – und genau das muss für die Schulpolitiker eigentlich dringende Warnung sein, dass es ohne entsprechende massivste Investitionen (plus Umbauten) einfach nicht so klappen kann, wie es für die Kinder erforderlich ist. VG!

      Antworten

  • Peter Köhler via Facebook

    |

    Man könnte den Verdacht haben, die rotgrüne Landesregierung plant aus Kostengründen die Förderschulen abzuschaffen. Das wäre Politik auf dem Rücken der Schwächsten unserer Gesellschaft. Und passt wohl überhaupt nicht zu dem Ausspruch “ Wir lassen kein Kind zurück“. Oder war das auch nur eine hohle Phrase?

    Antworten

Kommentieren