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Ein Jahr danach – der Jahrestag: Was von der „Causa“ übrig blieb

„Erdbeben in SPD Unna“ titelten wir vor einem Jahr. An diesem Mittwoch, 23. November, jährt sich zum ersten Mal das Erdbeben in der Unnaer Sozialdemokratie – jene als  Skandal wahrgenommene und von Aufschreien begleitete Kündigung, die der Fraktionsvorsitzende Volker König im Alleingang an seiner 59jährigen Büroleiterin vornahm.

Bärbel Risadelli

Das ganze Jahr hindurch hat die „Causa Risadelli“ die SPD treulich begleitet, bleibt ihr wie ein zäher Kaugummi hartnäckig an der Schuhsohle kleben. Doch geblieben von der Empörung und dem Schrei nach Konsequenzen ist nichts, kaum etwas ist jedenfalls wahrzunehmen. Zurück zum Alltagsgeschäft.

Der Vorsitzende genießt weiterhin das Vertrauen seiner Fraktion. Sonst hätte man ihn, wie es in einer demokratischen Partei möglich ist (und andernorts auch gemacht wird), abgewählt.  Bärbel Risadelli kämpft weiterhin um ihre Rechte und ihre volle Rehabilitation als Arbeitnehmerin; nach dem Fehlschlag vor dem Arbeitsgericht Dortmund beschäftigt die Kündigung jetzt im Berufungsverfahren das Landesarbeitsgericht Hamm. Von personellen Konsequenzen, die nach dem fristlosen Rauswurf wochenlang beschworen, lautstark gefordert und teils auch mit vehementer Überzeugung vorhergesagt wurden, blieb nicht mehr als eine Handvoll Rückzüge engster Risadelli-Getreuer. Drumherum hastig-verstohlenes Bemühen, unauffällig die Scherbenberge zusammenzukehren.

SPD Unna Oberstadt Vorstand

Der Vorstand der Oberstadt-SPD, im Bild oben zu sehen, wurde praktisch komplett ausgetauscht, Vorsitzende Ingrid Kroll und Vize Margarethe Strathoff gaben jeweils noch öffentliche Statements dazu ab, ansonsten vollzog sich der personelle Neustart geräuschlos. An der Spitze des größten SPD-Ortsvereins steht nun ein Gewerkschafter, ein Mann der Arbeitnehmerrechte. Ein Umstand, der auf dem Hintergrund der „Causa“ unfreiwillige Ironie atmet.

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Den Neustart rief zuvor schon die Gesamtpartei und in Person der Bürgermeister aus. Bei den Stadtverbandsneuwahlen trat Volker König selbst als Vorsitzender zurück bzw. nicht mehr an – was keiner „Causa“ geschuldet, sondern lange vorbereitet und seit dem Tode Michael Hoffmanns abgemacht war: Die Doppelspitze Partei und Fraktion würde König nur temporär verkörpern. Neue Parteichefin ist jetzt Anja Kolar, enge Vertraute „des Königs“. Die Proteste dagegen, kurz und laut, verhallten rasch. Bärbel Risadelli selbst hält der SPD ebenfalls weiter die Treue, ist nach wie vor Vizevorsitzende der Genossen in Mühlhausen-Uelzen. Ihr junger Nachfolger hingegen im OV-Vorsitz vor 2 Jahren, Frank Artmeier, kandidierte nicht nur nicht wieder neu, sondern er trat komplett aus der Partei aus. Womit er, soweit bekannt wurde, der einzige war.

Seinem wiederum blutjungen Nachfolger Philipp Kaczmarek, Juso-Chef, verwandt mit dem Bundestagsabgeordneten und Mitglied im Parteivorstand, wünschte Artmeier abschließend  freundlich alles Gute – bestes Gelingen, vermutlich.

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Hier noch einmal unser erster Bericht zur „Causa Risadelli“ vom 24. November vorigen Jahres. 

besinnliche wochen spd

Erdbeben in der Unnaer SPD-Fraktion. Knall auf Fall wurde am Montagabend Fraktionsgeschäftsführerin Bärbel Risadelli fristlos hinausgeworfen. Eine Begründung oder offizielle Mitteilung dazu gibt es bisher nicht.

Fraktionsvorsitzender Volker König hatte, ausgerechnet am Abend des Staatsaktes für den verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt, kurzfristig eine Sondersitzung des Fraktionsvorstandes einberufen. Die Kündigung der 60jährigen Mühlhausenerin soll ohne Begründung erfolgt worden sein. Weder König noch ein anderes Mitglied des Fraktionsvorstandes gaben bisher eine Stellungnahme zu der überraschenden Trennung von der Geschäftsführerin ab. Eine Mailanfrage unserer Redaktion an König bezüglich Änderungen in der Fraktionsgeschäftsführung blieb seit Dienstag unbeantwortet.

Bärbel Risadelli enthielt sich auf unsere Anfrage selbst jeglicher einer Kommentierung. Wie ein Lauffeuer machte die Nachricht gleichwohl unter den Genossen die Runde.

Risadellis Ortsverein Mühlhausen-Uelzen rief für gestern Abend aufgrund der Aktualität der Ereignisse eine Vorstandssondersitzung ein. In dieser versicherte man der langjährigen Vorsitzenden und amtierenden Vizevorsitzenden rückhaltlose Unterstützung. Das betonte am Nachmittag auf unsere Anfrage Mühlhausens Ortsvorsteher und Ratsherr Paul Raupach.

„Der Ortsverein wird eine Stellungnahme abgeben“, machte Raupach sehr deutlich. „Bisher warten wir noch die offizielle Begründung ab. Wir werden danach beraten, wie wir mit diesem Fall umgehen, und eine entsprechende Erklärung veröffentlichen.“

Paul Raupach bat uns um Verständnis darum, zum momentanen Zeitpunkt keine weitere Kommentierung zu dem hochkantigen Hinauswurf der Ortsvereinsgenossin und Vizechefin abgeben zu können. „Was ich sagen kann und deutlich sage, ist, dass Bärbel Risadelli die volle Unterstützung des Ortsvereins bekommt.“

Ebenfalls um Verständnis darum, „dass ich nichts sagen darf“, bat uns Gudrun Friese-Kracht, eine der drei stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Unnaer SPD. Die Ratsfrau aus Massen, die sich derzeit noch in Genesung von einer schweren Krankheit befindet, legte Wert auf das Wörtchen „darf“.

Ebenso verhalten reagierte auf unsere Nachfrage Ingrid Kroll, ebenfalls stellvertretende Fraktionschefin und Vorsitzende des größten SPD-Ortsvereins Unna-Oberstadt. Auch sie wählte ihre wenigen Worte indessen mit Bedacht: „Zu diesem Zeitpunkt gebe ich zu einer nicht öffentlichen Fraktionsvorstandssitzung keine Stellungnahme ab.“

Die nächste turnusmäßige Sitzung steht für Donnerstag nächster Woche auf dem Terminplan der SPD-Fraktion, am 3. Dezember. Schon morgen aber, am Donnerstag (26. 11.), wird sich die Fraktion im Vorfeld der Ratssitzung beraten. Und das dürfte, so war heute aus SPD-Kreisen zu hören, „eine sehr interessante Rats-Vorbesprechung werden.“

Bärbel Risadelli war vor drei Jahren Fraktionsgeschäftsführerin geworden. Der inzwischen verstorbene frühere Fraktionsvorsitzende Michael Hoffmann hatte die Mühlhausenerin aus einer unbefristeten Stellung als Fraktionsgeschäftsführerin der SPD Arnsberg nach Unna geholt.

Unter SPD-Mitgliedern sorgte Risadellis fristlose Entlassung durch Fraktionschef König für fassungsloses Entsetzen. Von einem „geistigen Debakel“ war schon gestern Abend in wütenden (inoffiziellen) Reaktionen die Rede, von „einer Schmierenkomödie“, einem „Tribunal“ für die geschasste Geschäftsführerin: Eine fast 60 jährige Mitarbeiterin aus einer unbefristeten Stellung in die Arbeitslosigkeit zu stoßen sei „unerträglich für eine Partei, die das ,sozial´ im Namen führe“.

Kommentare (7)

  • Helmut Brune

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    Schmierenkommödie ist wohl ein zutreffender Name. Auch jetzt, wo es schon ein ganzes Jahr her ist, habe ich immer noch nichts von einer Begründung gesehen. Es kann doch nicht angehen, daß Bärbel Risadelli gefeuert wurde, nur weil sie König nicht in den Kram passte oder weil er vielleicht eine persönliche Abneigung gegen sie hatte. Von allen Seiten habe ich vernommen, daß Bärbel Risadelli sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Ich wünsche ihr wirklich von Herzen, daß sie beim nächsten Termin ihr Recht bekommt und vollständig Rehabilitiert wird. Wenn es noch Demokratie gibt, muß das einfach geschehen.

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  • Tobi

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    Frau Risadelli macht in der antisozialen Partei weiter ? Jubelt sie demnächst: es lebe der König ?!? Oder was ?
    Der Gewerkschafter findet das auch gut und übernimmt nun auch einen Vorstandsposten ?
    Irgendwie habe ich den Eindruck, als wenn niemand dieser Partei eigene Grundsätze hat. Für einen Posten wird Moral und jegliche Bedenken über Bord geworfen.
    Na, mal schauen, was für Themen die SPD uns im Wahlkampf so serviert. Soziales, Lohn, Gerechtigkeit, Politik für Arbeitnehmer oder kleine Leute ?!?

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  • Wierumer

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    schöner Artikel. Zeigt er doch wie es um unserer Politiker heute steht. Pöstchen behalten. Pöstchen schieben und dazu wie aktuell berichtet bei der SPD Spenden und Sponsoring nicht nur für die Partei- sondern auch für die persönliche Kasse. Niemand hat noch den Arsch in der Hose Missstände anzuprangern, Konsequenzen zu fordern und Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen da es ja seinen eigenen Komfortstandard und sein Mandat treffen könnte. Die Wahl der SPD Oberstadt zeigt wie weit der Filz in dieser Partei fortgeschritten ist. Einzig der Vergleich die „Causa“ klebt wie zäher Kaugummi an der Schuhsohle hinkt, m.E. würde ich es eher vergleichen mit Hundekot oder nicht ganz so fein kann man auch Hundescheiße dazu sagen.

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  • Margarethe Strathoff

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    Chapau .China. .Egal. . Chapaue .. habe heute öfters meinen Namen gehört. Nur zur Feststellung : wenn ich dokumentiere, dann unter meinem Namen! Liebe Grüße Margarethe Strathoff

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  • Ferdi

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    Um die Frage von Helmut für mich zu beantworten bleibt mir nur festzustellen….nein….eine Demokratie im Sinne der SPD-Granden früherer Jahre gibt es nicht mehr. Vielleicht hätte man auch schon zu früheren Zeiten daran zweifeln können, die damaligen konnten ihre Unwahrheiten allerdings geschickter verpacken. Heute wirkt das nur noch platt, oberflächlich und verlogen. Und man gibt sich erst gar keine Mühe, Unwahrheiten zu kaschieren. Frei nach dem Motto…dreist ist geil! Mir als Stammwähler der SPD hat es allerdings die Augen geöffnet. Nie wieder werde ich dieser Partei meine Stimme geben. Dazu ist sie viel zu wertvoll.

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  • Hans Bergmann

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    Namensnennung ist aber auch alles Frau Strathoff. Der Rest geht über fehlende Rechtschreibkenntnisse den Bach runter…

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  • luenne

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    Bei allem was sich die „meisten“ (gibt auch ein paar Ausnahmen) Politker erlauben ist es wircklich kein Wunder das man die Lust verliert.
    Und ganz ehrlich wenn man hier wählen müsste zwischen Merkel und Trump ich glaube der Sieger wäre klar.
    Und warum ?
    Weil die Politik sich mit allem beschäftigt nur nicht mit den wünschen der Wähler.
    Ein wircklich schönes Beispiel ist die Rente wie „gut“ das es Leute entscheiden dürfen die es nicht betrifft wenn die Rente auf 43% gesenkt wird …

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