Rundblick-Unna » Ehemaliger Landesstellenpfarrer: „Kirchenasyl stellt Frage ans Asylrecht – Doch Flüchtlingshilfe für Kirche nicht verhandelbar“

Ehemaliger Landesstellenpfarrer: „Kirchenasyl stellt Frage ans Asylrecht – Doch Flüchtlingshilfe für Kirche nicht verhandelbar“

Seit Montag gewährt die evangelische Gemeinde Fröndenberg einer jungen Afrikanerin Kirchenasyl. Eine solche Entscheidung „“stellt immer eine Frage ans geltende Asylrecht“, erklärt der frühere Massener Landesstellenpfarrer Helge Hohmann. Sie stellt das Asylrecht offen in Frage.

Am Dienstagabend, bevor der Kirchenkreis Unna sein Asyl öffentlich machte, war Helge Hohmann in der Nachbarmeinde in Menden zu Gast. Auch diese gewährt seit Anfang Mai einem Flüchtling Schutz, den sie sogar mit (Vor-)Namen sowie Foto in ihrem Gemeindebrief vorgestellt und sein Schicksal skizziert hat. So weit wollte der Kirchenkreis Unna mit seiner Öffentlichkeit nicht gehen. Es sollte jedoch deutlich gemacht werden: Diese junge Afrikanerin lebt momentan bei uns, und sie genießt kirchlichen Schutz, so lange ihr Asylverfahren in der Schwebe hängt.

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Die Mendener Gemeinde schützt einen jungen Syrer, der über den Landweg nach Europa anreiste und zuerst in Ungarn registriert wurde. Dorthin soll er nun abgeschoben werden – in einen EU-Staat, der gleichwohl Flüchtlinge ins Gefängnis steckt – einfach, weil keine Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden und auch keine vorgesehen sind. „In Polen, Bulgarien, der Türkei vor allem sieht es nicht besser aus“, unterstrich Pfarrer Hohmann, der sich als landeskirchlicher Beauftragter für Zuwanderungsarbeit intensiv in die komplexe Flüchtlingsthematik vertief hat.

Vor vielen Besuchern auch aus dem Kirchenkreis Unna stellt der Pfarrer bei seinem Vortrag in Menden fest: „Kirchenasyl bewegt sich nicht im rechtsfreien Raum. Es ist den Kirchen in der Verfassung zugebilligt. Aber gleichzeitig stellt Kirchenasyl eine kritische Anfrage ans geltende Asylrecht.“

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22 Kirchenasyle gibt es derzeit im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen. Sie alle fußen auf der Verfassung sowie auf dem Selbstverständnis der Kirche, Hilfebedürftigen Hilfe und Schutzbedürftigen Schutz zu gewähren. Helge Hohmann hat als früherer Pfarrer in der Landesstelle Massen viele Jahre praktische Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit gesammel. Er weiß um die Ressentiments, die proportional zu den Flüchtlingsströmen unaufhaltsam auch in der Mitte der Bevölkerung wachsen. Und er sagte offen zu seinen aufmerksamen Zuhörerinnnen und Zuhörern im Bodelschwinghsaal – die meisten von ihnen aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert: „Wer sich wie Sie für Flüchtlinge einsetzt, muss mit Gegenwind rechnen.“

Gegenwind manifestiert sich aktuell in einer massiv anschwellenden Fremdenfeindlichkeit, die auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt. „2013: 55 rechtsextreme Taten in Deutschland, 2014: 170. Und viele gegen Flüchtlinge„, nannte Hohmann aktuelle Zahlen des Innenministeriums. „35 Brandanschläge und über 250 flüchtlingsfeindliche Kundgebungen.“Hohmann zeigt ein Plakat der Initiative „Rettet Münster Bohlmann“, wo ein kleines Stück Wiese für eine Flüchtlingsunterbringung geplant war. Die Pläne wurden niedergeschrien. „Ganz perfide sind auf diesem Foto wirklich Menschen zu sehen, die flüchten“, erklärt Hohmann das Foto, „doch sie sind so fotografiert, dass sie auf uns zuzugehen scheinen. Das wirkt bedrohlich.“

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Für die Kirche, machte der Pfarrer klar, ist Flüchtlingshilfe nicht verhandelbar .„Barmherzigkeit gegenüber Fremden ist ein Wesensmerkmal christlicher Existenz: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.“ So steht es im Markus-Evangelium.

Konkrete Forderungen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD):
– Effektive Seenotrettung
– Faire Asylverfahren aller (!) EU-Staaten
– Legale Wege in die EU (Aufhebung des Visumszwangs)
– Ursachen in den Ursprungsländern beseitgen – freilich ein langer Weg, mit dem man aber einfach mal beginnen müsse, insistierte der engagierte Pfarrer. „Zum Beispiel, indem man Waffenlieferungen in Krisenregionen stoppt.“

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