Rundblick-Unna » „Dialog Schule“ mit Ministerin Löhrmann: Über fehlende Inklusions-Millionen und Schüler, die Angst haben, auf kaputte Klos zu gehen

„Dialog Schule“ mit Ministerin Löhrmann: Über fehlende Inklusions-Millionen und Schüler, die Angst haben, auf kaputte Klos zu gehen

Unnas Schulen fehlen Millionen für die Umsetzung der Inklusion. In der Peter-Weiss-Gesamtschule haben die Kinder Angst, zur Toilette zu gehen, weil die Klos derart kaputt und marode sind, und die Lehrerinnen stehen Schlange vor einer einzigen Damentoilette.

Im benachbarten Ernst-Barlach- und im Pestalozzigymnasium herrscht derartiger Lehrermangel, dass in der kompletten PGU-Unterstufe der Nachmittagsunterricht ausfällt. Mit diesen Tatsachen sah sich am Donnerstagabend NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann konfrontiert, die Unnas SPD und Grüne zum „Dialog Schule“ in den Katharinen Hof geladen hatten.

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Also nach dem roten Bundesfraktionsgeschäftsführer vorige Woche jetzt die grüne Landesministerin. Der „Dialog Schule“ ist in den ersten 50 Minuten ein „Monolog“, konkret der (bei einer Landesministerin zu erwartende) Werbemonolog für ihre grünrote Schulpolitik.

Danach gibt´s nicht wie angekündigt eine grüne Ministerin auf rotem Sofa zu besichtigen, sondern eine stehende grüne Ministerin umringt von roten und grünen Mitdiskutanten: Hans Ruthmann (Leiter der Werner von Siemens-Gesamtschule), Bürgermeister Werner Kolter, Michael Sacher (Grüner Schulausschussvorsitzender) und der schulpolitische SPD-Sprecher Sebastian Laaser, der als Moderator mit Mikro in der Hand diverse Spurts durch den Saal zurücklegt, da sich das Publikum als rege kritikfreudig erweist.

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Bürgermeister Kolter, Hans Ruthmann (Werner v. Siemens-Gesamtschule), Minsterin Löhrmann, Michael Sacher (Grüner Schulausschussvorsitzender).


Die deutlichsten Widerworte kassiert die grüne Ministerin direkt vom roten Bürgermeister: Stichwort Inklusion, gemeinsamer Unterricht nichtbehinderter und behinderter Kinder in Regelschulen.

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Löhrmann: Ein Sparmodell, wie so oft behauptet wird? Nein! Sondern dies: „Bis 2017 fließen eine Milliarde zusätzlich in Stellen und Fortbildung.“ Bürgemeister Kolter stellt seine eigenen Zahlen dagegen.

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4 Millionen bekommen wir nächsten Monat zusätzlich aus dem Kommunal-Investitions-Förderfonds vom Bund, die wollen wir ausschließlich in die Modernisierung unserer Schulgebäude verwenden. Nochmal 4 Millionen wird uns aber die komplette Umsetzung der Inklusion kosten: Fachräume, behindertengerechter Umbau. Bisher werden wir damit deutlich vom Land allein gelassen. 100 000 Euro gibt es für 2015 vom Land. Das Gesetz“ (er meint das Inklusionsgesetz, für das die Schulministerin zuvor vollmundig geworben hat) „ist so bei Weitem nicht auskömmlich.“

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Kein Unterricht fällt aus? „Bei uns schon“: Malte Kreutzer, Ernst-Barlach-Gymnasium (EBG).


 

Nicht auskömmlich sind auch die Lehrerstellen nach Erfahrung jener, die täglich vor Ort den Mangel merken. An der Peter Weiss Gesamtschule (PWG) fällt zur Freude des Schulleiters derzeit – welch freudige Bestätigung auch für Sylvia Löhrmann – kein (!) Unterricht aus. „Bei uns schon“, kontert Malte Kreutzer aus der Oberstufe des EBG und dämpft das wohlgefällige Lächeln der Schulministerin damit kurzfristig ab. Und ein positives Lernumfeld (Löhrmann spricht an diesem Abend in Unna viel und ausgiebig von positiven Lernumfeldern)  sei schon etwas schwierig zu erzeugen, „wenn Lehrer und Schüler ständig am Limit arbeiten. In der gymnasialen Oberstufe fehlen 1000 Lehrer. Das sind Zahlen, die wir schon spüren.“

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Löhrmann hält unbeeindruckt mit ihren Einstellungszahlen entgegen (in fünf Jahren einmal 1500 neue Lehrerstellen, dann 9600 Stellen von 2010 bis 2015 in den Gymnasien „belassen“ – trotz G8) Man müsse, wenn Schulen Unterrichtsstunden nicht besetzen könnten, „auch über organisatorische Dinge sprechen“, gibt Löhrmann die Veranwortung an die Schulen zurück: „Es gibt Schulen, die schaffen es, die Stundentafel zu erfüllen.“ Was mitschwingt, ist: Die, die es nicht schaffen, sollten sich besser organisieren.

Unnas kritische Schülerschaft lässt jedoch nicht locker: „Auch bei uns herrscht totaler Lehrermangel“, unterstreicht Charlotte Diesch fürs PGU, „die gesamte Unterstufe hat keinen Nachmittagsunterricht mehr. Es kann ja nicht sein, dass von den ganzen Lehrerstellen nichts ankommt.“ Doch, ist offenbar aber so.

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An den Gymnasien scheinen die vielen Lehrerstellen jedenfalls nicht anzukommen – wohl eher dann vielleicht an den Sekundarschulen (Kombi aus früheren Haupt- und Realschulen), die die Ministerin als ähnlich zukunftsträchtige Errungenschaften der rotgrünen Schulpolitik preist wie das Inklusionsgesetz.

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Zu diesem Gesetzwerk hat allerdings auch der Leiter der Werner von Siemens-Gesamtschule, Hans Ruthmann, Kritisches zu bemerken: „Wir haben die Voraussetzungen nicht“, sagt er klipp und klar. „Und die rückläufige  Entwicklung der Schülerzahlen wird sich ncht linear auf die Schulen verteilen.“ Die beiden Gesamtschulen Unnas verzeichnen ungebrochen Aufnahmerekorde.

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Kommentare (9)

  • Maggie Strathoff

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    wurde gar nicht die Frage gestellt, warum SIE so G8 mit diesem desolaten Etat verteidigt? Hat sie evtl Enkel, die durch dieses Schhulsystem geprügelt wird?

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  • Maggie Strathoff

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    …werden. ..Sorry

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  • Helmut Brune via Facebook

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    Da zeigt sich doch, daß politische Planungen und Finanzierungsprogramme nicht da ankommem, wo sie ankommen sollten. Meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, daß die Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern of zu Wünschen übrig läßt. Darum halte ich obengenannte Dialoge für Wichtig. So erfahren Politiker, die Folgen ihres Handelns in der Praxis.

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  • Björn Merkord via Facebook

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    Übrigens kann jede Schule per Schulkonferenzbeschluss zum G9 zurückkehren. In Bayern und Baden-Württemberg geschieht dies reihenweise. In NRW fehlt scheinbar der Mut. Mit diesem Argument als Drohkulisse ließe sich auch ganz anders über strukturelle Fehlstunden reden.

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  • Stefan Werner

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    Na ja, unabhängig von der Parteizugehörigkeit haben wir es hier mit einer typischen Vertreterin der heutigen BRD-Polit“elite“ zu tun. Fehlende Kompetenz und Einsicht wird einfach durch Ignoranz und ideologischen Starrsinn ersetzt. Dass immer weniger Menschen noch zur Wahl gehen, kann ich da ein Stück weit nachvollziehen.

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  • Svense Kennze via Facebook

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    Schade schade, dass ich da keine Zeit hatte. Aber es wurden ja zum Glück Kernthemen zumindest angerissen…auch von Herrn Kolter. Schön zu lesen. Wenn ich dann aber weiter lese, dass Frau Löhrmann natürlich fleißig ihre eigene (schlechte) grüne Schulpolitik aus dem Land der Feen und Auen feiert und verkauft, ich habe nichts anderes erwartet, dann bekomme ich leider wieder erhöhten Puls. Ich bin aber froh, dass zumindest in der Lokalpolitik angekommen ist, dass mit diesem Etat keine lernwürdigen Schulgebäude finanziert und eine (sehr fragwürdige) Inklusionslösung zu machen ist. Ich bezweifle allerdings, dass Frau Löhrmann in ihrer Selbstgefälligkeit in irgendeiner Form etwas von der vielen berechtigten Kritik mit nach Düsseldorf nimmt, um entsprechend umzusteuern. Leider…

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