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Bürgermeister? "Nicht mit diesem Aussehen!"

Michael HoffmannEr ist das Gesicht, die Stimme und einer der erfahrensten Köpfe der Unnaer SPD: Michael Hoffmann, fast 20 Jahre Fraktionsvorsitzender, davor sieben Jahre Vizebürgermeister fast seit einem Vierteljahrhundert Vorsitzender des Kulturausschusses. Im Interview mit Rundblick-Unna.de spricht Michael Hoffmann, 60, über Unnas Innenstadt, die Lichtkunst, die Zukunft der Lindenbrauerei sowie seine eigenen politischen Ambitionen.

„Unsere Innenstadt ist nicht nur die Fußgängerzone“

Herr Hoffmann, was geht Ihnen spontan durch den Sinn, wenn Sie durch Unnas Innenstadt schlendern?
Michael Hoffmann: Dass die Innenstadt nicht nur Fußgängerzone ist. Innerhalb des Verkehrsrings leben 3500 Menschen; der Innenstadtbewohner erlebt alles mit, kann alles mitmachen, ist immer dabei. Verglichen mit anderen Städten ist die Unnaer City sehr lebendig. Zur Fußgängerzone: Wir haben derzeit einige Leerstände. Die Ursache ist aber nicht die, dass wir zu wenig Kaufkraft und Nachfrage hätten, sondern dass die Geschäftsflächen einfach zu klein und oft unmodern sind. Reden wir Bücherzentrum: Wir haben alle dort Bücher gekauft, aber räumlich waren das eigentlich nicht mehr zeitgemäße Verhältnisse. Jemand in meiner Größe musste sich in einigen Verkaufsräumen sogar bücken. Nein: Neu bauen – und architektonisch in die Altstadt integrieren. Das ist unsere Aufgabe. Bei der City-Residenz ist es uns auch gelungen.

Die Seniorenresidenz an der Massener Straße, für die vor fünf Jahren ein Viertel des Innenstadtquartiers abgerissen wurde, deren Erstbetreiber insolvent ging und die immer noch zu 80 Prozent leer steht?
Hoffmann: Für mich nach vor eine Bereicherung, jawohl. Wir haben dort jetzt neun Gebäude – früher waren es sieben, teilweise verfallen und nicht mehr bewohnt. Man vergisst schnell, was da vorher war.

Aber wenn die Mietpreise – nach der Insolvenz des Erstbetreibers – nun mehr als 10 Euro pro qm kalt betragen und das ohne jede Zusatzleistung, dann kann Ihnen das als Sozialdemokrat doch nicht gefallen?
Hoffmann: Die Preise kann ich nicht beeinflussen. Ich nehme das zur Kenntnis. Die Fußgängerzone hat leider ihren Preis.

Immer wieder hört man Kritik an der Parksituation. Finden Sie auch, dass in Unna Parkplätze fehlen?
Hoffmann: Unna hat unheimlich viele Parkplätze in der City. Über 4000! Sinnvoll sind vor allem die in den Parkhäusern und Tiefgaragen. Jeder überirdische Parkplatz ist für mich verschenkte Fläche, die viel besser für schöne, altstadtgerechte Wohnbebauung genutzt werden sollte. Hier könnte vor allem Wohnraum für Familien entstehen mit kleinen Plätzen und Ruhezonen. In der Innenstadt leben unterdurchschnittlich viele Kinder.

In der Innenstadt gibt es auch weniger Arztpraxen, da sich immer mehr Ärztehäuser an die Krankenhäuser andocken. Sehen Sie eine Gefahr für die Kaufkraft – auf dem Weg zum Arzt oder in der Wartezeit erledige ich gleichzeitig meine Besorgungen in der Innenstadt, fällt das jetzt zunehmend weg?
Hoffmann: Ich beobachte diesen Wegzug schon mit Sorge: Am Evangelischen Krankenhaus wird jetzt das zweite große Ärztehaus gebaut. Was gut ist und den Krankenhausstandort stärkt; gleichzeitig verliert die Innenstadt jedoch Arztpraxen. Ein kleiner Trost ist, dass das EK noch voll durch das Busnetz erschlossen ist.

Hat Unna langfristig Potenzial für zwei Krankenhäuser?
Hoffmann: Ja. Es gibt für beide Häuser Bedarf, da das EK und das KK ihre Schwerpunkte unterschiedlich setzen. Unna muss ein medizinisches Angebot für seine Bürger sowie für die Region vorhalten; schließlich sind wir Kreisstadt! Die Arbeitsteilung funktioniert auch, und die wirtschaftliche Situation ist absolut vergleichbar.

„Lindenbrauerei gehört seit 23 Jahren zu unserer lebendigen Stadt“

"Die Lindenbrauerei ist tot"

„Die heutige Lindenbrauerei ist tot“

Stichwort negativer Eindruck: Für die Lindenbrauerei sind per Eil-Sondersitzung 200 000 € Soforthilfe beschlosssen worden, doch unter welchen Bedingungen kann das Kulturzentrum über den Jahreswechsel hinaus bestehen?
Hoffmann: Unna braucht das Kulturzentrum, es gehört seit 23 Jahren zu unserer lebendigen Stadt und ist auch als Teil der freien Kulturszene unverzichtbar. Allerdings ist das Organisations- und Controllingkonzept gescheitert. Das neue Konzept, das wir extern in Auftrag geben, werden wir nach eingehender Beratung in der Politik gemeinsam mit dem Trägerverein in der Ratssitzung am 16. Dezember – 2013! – beschließen.

Macht Regina Ranft zu viel Kultur? Sollte sie mehr Großraumdisco machen?
Hoffmann: Sie hat immer geklagt, dass die Besucherzahlen bei den Discos wegbrechen. Es gibt z. B. die Ü30er, Disco de Luxe über 40, Ü50, Discos für Schwule und Lesben…

… jetzt wieder eine neue Disco nur für Frauen…
Hoffmann: Ja, die unterschiedlichsten Formate. Allerdings mit meist rückläufigen Besucherzahlen.

Braucht Unna diese ganzen Formate?
Hoffmann: Regina Ranft soll ihre Discos machen, aber sie sollte vielleicht mal was an der Musik machen. Stärker profilieren! Für Ü60 kann sie Tanztees machen. Die Discos müssen ihren Zweck erfüllen: durch die Bewirtung Geld fürs kulturelle Angebot zu erwirtschaften. Das ist der Sinn dieser Discos. Es gab für den Kultursommer z. B. noch zusätzliches Geld über die 196 000 Euro Jahreszuschuss hinaus. Dann erwarte ich aber auch ein breites, flankierendes Gastro-Angebot…

… das nicht nur aus ein paar Würstchen und Lindenbier besteht…
Hoffmann: … und das nicht direkt mit Ende der Veranstaltung abgebrochen wird: So, Licht aus, alle gehen nach Haus und der Schalander ist auch noch geschlossen!

Dürfen wir uns nach dem 16. Dezember fragen, ob wir bei der Summertime 2014 jeweils zwei Euro Eintritt zahlen?
Hoffmann: Man muss sich immer fragen, ob der Aufwand für eine solche Absperrung nicht die Einnahmen übersteigt. Und man muss nicht alles mit Eintritt versehen. Man grenzt auch schnell jemanden aus. Kultur in unna soll auch Kultur für alle sein.

Schätzen Sie die Unnaer denn so ein, dass sie einen Solidarbeitrag für solche Kulturveranstaltungen zahlen würden?
Hoffmann: Diese Diskussion – ein Solidar-Button fürs Stadtfest – hatten wir ja immer mal wieder… ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Unnaer in dieser Hinsicht solidarisch sind, fürs Kulturzentrum und auch für das Stadtfest.

Nochmals zurück den Discos und der jüngeren Zielgruppe: Kann Unna in dieser Hinsicht überhaupt gegen Dortmund an – und sollten wir das überhaupt versuchen?
Hoffmann: Ja! Das neue Gastro-Gutachten stellt fest, dass Jugendliche Unna an den Wochenenden verlassen. Unna ist aber Teil des Ruhrgebiets, der Metropole Ruhr. Unna hat es geschafft, sich ein eigenes Profil zu entwickeln, insbesondere bei der Kultur. Bei der Kulturhauptstadt 2010 hat uns das breites Lob und viel Anerkennung eingebracht. Nochmals: Wir müssen für Unnas Jugendliche hier in Unna attraktive Angebote machen.

Die Lichtkunst hat in der Außenwahrnehmung deutlich an Attraktivität verloren, seit das Ausmaß der Schulden offenbar wurde: 95 000 Euro wird jetzt die Stadt schultern. War das Lichtkunstwerk von Turrell, die „Camera Obscura“ für 600 000 Euro, aus Ihrer heutigen Sicht ein Fehler?
Hoffmann: Nein! Ich bin heute noch stärker denn je der Meinung, dass die Entscheidung richtig war. Wir haben gut 5000 zusätzliche Besucher im Jahr, und unser Renommee ist überregional deutlich gestiegen.

Braucht man für den Betontrichter aber nicht ein bisschen mehr Werbung? Man steht davor, kein Hinweisschild, man fragt sich, ist da ein Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg übrig geblieben…?
Hoffmann: Er sieht deswegen so aus, weil er so aussehen soll: an die historischen Gebäude an der Lindenbrauerei angepasst. Natürlich ist das auch ein bisschen Provokation. Die Besucher finden den Trichter vielleicht nicht schön. Aber sie gucken hin!

Und rufen dabei: „Ihh – was für ein hässlicher Betonklotz!“
Hoffmann (lachend): Soll Kunst nicht auch immer ein bisschen provozieren? über Kunst, Kultur und Architektur kann man sich bekanntlich immer schön streiten.

„Ich setze mich dafür ein, dass Werner Kolter wieder kandidiert“

Bürgermeister? "Nicht mit diesem Gesicht."

Bürgermeister? „Nicht mit diesem Gesicht.“

Am 25. Mai 2014 ist Kommunalwahl; Ihre Ambitionen?
Hoffmann: Ich werde wieder für den Stadtrat kandidieren, ich will Ratsmitglied bleiben, und ich möchte gern die Fraktion und den Kulturausschuss weiter führen.

Würden Sie gern Bürgermeister werden?
Hoffmann (lachend): Nicht mit dem Aussehen.

Die Frage ist ernst gemeint.
Hoffmann: Ernst gemeinte Antwort: Wir haben einen Amtsinhaber, der bis 2015 gewählt ist. Und ich werde mich ganz stark dafür einsetzen, dass Werner Kolter wieder kandidiert.

Und Ihr Plan B, falls Kolter ablehnt?
Hoffmann: Wozu einen Plan B, wenn Plan A funktioniert?

Das Interview führten Silvia Rinke, Tobias Kestin und Frank Kuhlmann.

Drei Fragen an… Michael Hoffmann

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