Rundblick-Unna » Bestialisches Gemetzel am Rande des Erträglichen: Shakespeares wüster „Titus Andronicus“ im Narrenschiff

Bestialisches Gemetzel am Rande des Erträglichen: Shakespeares wüster „Titus Andronicus“ im Narrenschiff

„Ich will sie all ermorden, find ich Zeit!!“ Vorab: Diese Zeit findet sie, die im irrsinnigen Schmerz nach Blutrache dürstende Gotenkönigin Tamora. Deshalb diese Warnung bitte ernst nehmen. Diese Narrenschiff-Aufführung ist nichts für schwache Nerven.

Wer kein Blut sehen kann, wem die realistische Darstellung von Verstümmelungen und brutalen Vergewaltigungen schwer nicht erträgt, sollte besser von diesem Theaterbesuch Abstand nehmen. Alle Übrigen erwartet mit dieser neuesten Shakespeare-Inszenierung des Narrenschiffs eine Orgie bestialischer Gewalt –  ein derart hemmungsloses Gemetzel mit solch übel realistischen Szenen hat man von dem brillanten Ensemble bisher noch nie gesehen, und entsprechend sah man auch viele Darsteller in der knapp dreistündigen Premierenaufführung am Samstag über sich selbst hinauswachsen.

Bis in die Nebenrollen gilt das – z. B. Justus Vrede, der den verkrüppelten, sprachbehinderten Publius spielt, Neffe des Titus; herzerwärmend und rührend. Übrigens eine der wenigen Figuren in diesem Stück, die nicht von Bösartigkeit und Gewissenlosigkeit durchtränkt sind.

Shakespeares „Titus Andronicus“ in seiner wüsten, unglaublichen Brutalität auf der Narrenschiffbühne: Da rollen buchstäblich Köpfe. Heftig, übel nachwirkend und an einigen Stellen Übelkeit erregend ist diese Aufführung: So wird gleich in den ersten zehn Minuten ein bluttropfendes Herz über die Bühne getragen, noch körperwarm und frisch dem erstgeborenen Sohn der Gotenkönigin herausgerissen. Es wird geprügelt, onaniert, hingeschlachtet, niedergemetzelt. Wüste Sexorgien spielen sich vor und auf dem Kaiserthron ab, Gliedmaßen werden abgehackt, Kehlen durch- und Zungen herausgeschnitten.

Nach dem blutgetränkten ersten Teil geht es nach der Pause gleich damit wieder los, dass eine Fliege erschlagen wird, sinnbildliche Metapher für all das, was in der kommenden Stunde noch folgt. Wer all das nicht erträgt, wird dieses Stück nicht ertragen, denn die Brachialität des Shakespeare-Erstlingswerks setzt André Decker mit konsequenter Rücksichtslosigkeit um.

Der geniale Narrenschiff-Macher ist bekannt dafür, dass er seinem Unnaer Publikum regelmäßig Grenzüberschreitungen zumutet. Er brilliert hier selbst als grausamer, gleichzeitig etwas dümmlich-tuntiger sexbesessener Kaiser Saturnius, ihm zur Seite steht die kongeniale Kathrin Bolle, die als gnadenlos nach Rache lechzende Gotenkönigin Tamara diesmal eine solch diabolische Fratze des Hasses aufsetzt, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.

Marco Janiel – in jeder Rolle famos – spielt Titus. Erbitterter Gegenspieler Tamaras, der als innig liebender Vater berührt und gleichzeitig nicht davor zurückschreckt, für die Familienehre seinen eigenen Sohn hinzuschlachten.

Titus Andronicus II

Auch seine Tochter Lavinia wird Titus am Ende umbringen, freilich aus verzweifelter väterlicher Barmherzigkeit, da er das endlose Leid der geliebten Tochter beenden will. Die feenzarte Lavinia, zum Weinen anrührend von Judith Binias gespielt, wurde brutalst geschändet und verstümmelt von Demetrius und Chiron, den Söhnen Tamoras.

Diese beiden Drecksgestalten werden gespielt von Jannis Küster und Florian Eller (er sprang in der Premiere für Kim Schütt ein). Sie sind derart widerwärtige Bastarde, ein solcher Abschaum, dass man sich ein entsprechendes widerwärtiges Ende für sie regelrecht herbeisehnt. Das widerfährt ihnen auch, keine Sorge; bei Shakespeare (und bei André Deckers Shakespeare-Inszenierungen) sind keine Happy Ends zu befürchten.

Ein Bastard sondergleichen ist auch Aaron – an alle Nils Jacoby-Fans: diese Titus-Aufführung ist ein Muss für euch! Jacoby spielt zum Niederknien seelenlos den Inbegriff des abgrundtief Bösen, Tamoras Vertrauten Aaron, einen Albino mit leichenweißem Gesicht und teufelsroten Augen, die grausam eiskalt glitzernd ins Publikum starren. Von solchen Gestalten bekam man früher als Kind Alpträume. Diesr Aaron schändet, metzelt, mordet aus purer Lust, einfach weil es ihm höllischen Spaß macht. Zur Beruhigung: Auch mit ihm nimmt es kein gemütliches Ende.

Kurz zum Inhalt:

Im spätrömischen Reich streiten des Kaisers Söhne Saturninus (Decker) und Bassianus (Marc Selzer) um den Thron. Das Volk jedoch will Titus Andronicus als neuen Imperator sehen, der gerade siegreich aus dem Feldzug gegen die Goten zurückgekehrt ist. In seinem Gefolge bringt er Gotenkönigin Tamora, ihre drei Söhne und ihren Geliebten Aaron als Kriegsgefangene mit, um die Verlierer vollends zu demütigen. Zuvor hat Titus gnadenlos trotz  Tamoras verzweifeltem Flehen ihren ältesten Sohn hinrichten lassen. Auf die Krone verzichtet er zu Gunsten von Saturninus, dem rechtmäßigen Herrscher. Doch Tamora wittert nun ihre Chance auf Vergeltung: sie bezirzt den neuen Kaiser, er verfällt der schönen Gotin mit Haut und Haaren und nimmt sie zur Frau. Und nun – als Herrscherin Roms – startet die Gotenkönigin einen grausamen Rachefeldzug gegen Titus, den kaum jemand überlebt.

Das Beste folgt in der Schlussszene: Bei einem Bankett, teuflisch eingefädelt vom gealterten und seinerseits jetzt nach Blutrache dürstenden Titus, setzt der geschmähte Feldherr seinem Kaiser und dessen Gattin eine ganz besondere Pastete vor. Auf Saturnius´ erstaunte Frage, wo denn die Söhne Tamoras abgeblieben seien, antwortet Titus – bebend vor Triumph: „Sie sind längst da! Sie sind hier!“ Und auf dem Heimweg, nach dem frenetischen Schlussapplaus für diese exorbitante Leistung eines Laien(!)Ensembles,  beschäftigt einen die neugierige Frage: Waren das in den Tellern eben Ravioli in Tomatensoße…?


Vorstellungen 28./29.11. // 06./11./13.12. // 17./22./24./30.01

Zeiten: Fr./Sa. um 19..30 Uhr . So. um 18.00 Uhr,  Tickets erhältlich im i-Punkt im ZIB sowie unter mail@theater-narrenschiff.de

Kommentare (2)

  • Mör Ti via Facebook

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    Schlimmer als die Geschehnisse auf Dortmunder und Unnaer Straßen kann das Theaterstück auch nicht sein. Rundblick Unna berichtet ja täglich…

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