Rundblick-Unna » „Asylwahnsinn stoppen“ trifft „Refugees welcome“: Links „Nazi raus!“-Gebrüll, rechts Hohn – und mittendrin entnervte Bürger

„Asylwahnsinn stoppen“ trifft „Refugees welcome“: Links „Nazi raus!“-Gebrüll, rechts Hohn – und mittendrin entnervte Bürger

„Hast du schon mal dein Brot verdient?!“, schreit ein Rentner wütend mit seinem Stock fuchtelnd in Richtung Polizeikette und bekommt aus der Jugendgruppe gegenüber „dreckiger Nazi-Opa!“ zurückgebrüllt. Pöbeleien und Beleidigungen links wie rechts und dazwischen normale Bürger, die kopfschüttelnd nicht fassen können, was hier an diesem Allerheiligensonntag vor dem Lüner Bahnhof abgeht.

„So ein Kindergarten“, kommentiert eine Frau mittleren Jahrgangs spöttisch, „lächerliches Getöse“, während ein kräftiger Herr neben ihr vor Wut schäumt. „Es ist schlicht nicht mehr zu fassen, was in diesem Land abgeht! Ich lass´ mich doch von einem Gabriel oder Maaß nicht als Pack beschimpfen! Wo leben wir!!“

Rechts von dem zornigen Bürger und der kopfschüttelnden Bürgerin: ein Häuflein Rechte, manche dem Klischee entsprechend kahlrasiert in schwarzer Kluft und  mit Springerstiefeln. Eine junge Frau mit weißblondem Zopf darunter. Von links heranmarschierend: ein Trüppchen  Linke, einige mit Pudelmützen und schwarzen Schals ausstaffiert.

Demo rechts II

Lauthals skandierend „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here!“ trägt die Gruppe ein  Transparent vor sich her, auf dem mit schwarzer Farbe aufgepinselt ist: „Kick it like Boateng – Patriotismus, Rassismus!“ In Sicherheitsabstand von einen Polizeiriegel getrennt stehen sie sich schließlich gegenüber,  ein Häufchen hier, ein Häufchen da, brüllen Parolen und Beleidigungen hin und her.

Normale Bürger, die sich weder rechts- noch linksaußen positionieren wollen, säumen das Geschehen am Rand und schütteln die Köpfe, sind ungehalten und auch verhalten zornig. Ein sinnbildlich höchst treffendes Bild für die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland, Flüchtlingsland.

Das Aufgebot an NRW-Polizei spottet dem Häufchen Versprenkelter Hohn. Für 14 Uhr haben an diesem Allerheiligensonntag die „NRW-Patrioten“ zur Demonstration gegen „Asylwahnsinn und Islamisierung“ aufgerufen. Dem Aufruf gefolgt sind knapp 20 Teilnehmer zumeist aus der Dortmunder Rechten-Szene, unter ihnen auch Siegfried Borchardt – genannt SS-Siggi -,  mehrfach vorbestrafter Neonazi-Aktivist.

Um Ausschreitungen zu vermeiden, findet eine ebenfalls angemeldete Gegen-Demo für ein weltoffenes, buntes Lünen in sicherer Entfernung auf dem Marktplatz statt. Integrationsminister Rainer Schmeltzer aus Lünen hält dort die Kundgebungsrede.

Demo rechts 6

Auf dem Bahnhofsvorplatz ereifert sich derweil ein eher peinliches Rechts-Links-Getöse. „Stress haben immer nur die da gemacht“, bemerkt ein pensionierte Polizist, 74 Jahre alt, und deutet mit einer Kopfbewegung auf die skandierende Gruppe junger Linksautonomer.

Deren Sprecher beschallt gerade die höhnisch lachenden Rechten um „SS-Siggi“ mit der Begrüßung, da sei ja heute „die ganze bekannte Bagage der Dortmunder Neonazis“ zur „sogenannten Demo aufgeschlagen, von dem Organisator selbst übrigens keine Spur.“ Erst heute Nacht habe es in Dortmund wieder einen versuchten Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim gegeben. „Oooooch..“, höhnen die Rechten vor Spott triefend zurück.

Man feindet sich an, spuckt Gift und Galle. Die Polizei dazwischen riegelt ab, wirkt professionell abgeklärt. „Das sind Kinder“, bemerkt ein älterer Beamter mit abgeklärter Miene.

Demo rechts 5

Am Rande stehen viele dieser wohl sogenannten „besorgten Bürger“, doch ist „besorgt“ ist in der sich täglich aufheizenden Flüchtlingskrisendebatte zum Synonym für rassistisch geworden. Es sind kritische, weiterdenkende Bürger, die hier ihrem Unmut, ihrem Zorn, ihrer – ja –  höchsten Sorge Luft machen.

„Wäre ich noch aktiv im Beruf und müsste diesen Scheißdreck miterleben, würde ich sofort hinschmeißen“, drückt ein hünenhafter pensionierter Polizeibeamter, 66 Jahre alt,  drastisch sein Befinden aus. „Ich lass mich doch nicht als Pack beschimpfen von so ´nem Gabriel und Maaß! Oder unsere Verteidigungsministerin – diese Jenny Elvers von der CDU. Die würgen alle jedes vernünftige Argument ab. Wenn ich heute Grundgesetz höre! Die Frau sollte sich ihren Amtseid durchlesen!“ Er meint die Kanzlerin.  „Die Hohenzollern haben das erste Drittel geschafft, die Nazis das zweite – Merkel schafft den Rest von Deutschland.“

Demo rechts 8

Neben ihm beurteilt ein 74 jähriger früherer Chemieingenieur die Sachlage pragmatisch, gelassen, gleichwohl genauso kritisch: „Ich habe früher einige Jahre im Ausland gearbeitet, auch in islamischen Staaten wie Saudi-Arabien.  Es wird nicht funktionieren„, sagt er ruhig. Er würde, setzt er hinzu, „gerne auch Frau Merkel nach ihrem Verantwortungsbewusstsein fragen, wenn sie diese Leute hierherholt, ohne ihnen vernünftige Unterkünfte und Perspektiven zu geben. Ja, dazu würde ich sehr gerne mal ihre Antwort hören.“

Demo rechts 7

Demo rechts 18

Kurzzeitig entsteht Tumult, als einer der Rechten aus dem bereits abfahrenden Wagen springt und sich provozierend vor den jungen Linken aufbaut. Wutgebrüll und herbeieilende Polizei, die rechtzeitig verhindern kann, dass sich die tief verfeindeten Parteien gegenseitig an die Gurgel springen. Danach Ende des Spekakels, „SS-Siggi“ fährt auch wieder heim in Richtung Dortmund, und auf dem Marktplatz unweit rollen die Demonstranten für ein weltoffenes, buntes Lünen ihre bunten Transparente und (roten) Fähnchen zusammen, gehen und radeln durch die Fußgängerzone nach Hause.

Beim Koalitionsgipfel in Berlin gehen Frau Merkel und die Herrn Gabriel und Seehofer zur selben Zeit ergebnislos auseinander. Man sei, so versichert Seehofer, „auf einem guten Weg“. Ein bayrischer Landrat droht zeitgleich damit, er werde bei nicht eiligster Einigung die nächste Busladung Flüchtlinge direkt vors Kanzleramt chauffieren.

Kommentare (12)

  • Martina Ta via Facebook

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  • Svense Kennze via Facebook

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    Schöner und unaufgeregter Bericht und die Feststellung, dass sich in Lünen bundesdeutsche Wirklichkeit im Kleinen dargestellt hat kann ich voll bestätigen. Kleine Gruppen Rechter, kleine Gruppen Linker, alle gefangen in ihren eigenen Feindbildern und ideologischen Grenzen und der normale Bürger steht daneben, macht sich ernsthafte Gedanken, während die Grüppchen mit ihrer Kinderkacke alles übertönen und die Polizei mit zusätzlicher Arbeit beschäftigen. Deutschland im Ausnahmezustand.

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  • Jama To via Facebook

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    Ich Vergleich die Situation mit meiner Arbeit als kleine Mädchen auf der Feld!
    Gespann; mit zwei Ochsen! Die nicht miteinander Gespann ziehen können weil ein Ochse zieht rechts der andere links! Es geht nur miteinander! Wann wird das Mensch kapieren???

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  • Hans Meier via Facebook

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    Interessant, das „Bürger“ die mit Nazis demonstrieren und anscheinend die selben „Argumente“ haben bei Ihnen als “ kritische, weiterdenkende Bürger, die hier ihrem Unmut, ihrem Zorn, ihrer – ja – höchsten Sorge Luft machen“ gesehen werden.

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Die von uns zitierten Bürger haben keineswegs „mit Nazis demonstriert“, Hans Meier, sondern am Rande gestanden – wie mehrfach betont „dazwischen“. VG von der Redaktion.

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  • Stefanus Maxus via Facebook

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    Jeder kritische Bürger oder solche Bürger die Sorgen äussern sind immer gleich Nazis. Damit werden weite Teile der Bevölkerung in die Nazi-Ecke gedrängt. Wobei ich vielen Leuten aus dem linksalternativen Spektrum mal unterstelle, daß sie hier nur Parolen nachplappern weil es „en vogue“ ist und man dann ein toller Hecht ist. Wenn sie wirklich so tolle Nazigegner wären, ja dann hätten sie in den sog. „nationalbefreiten Zonen“ oder meinetwegen in Dorstfeld mal den wirklich und von echten Nazis bedrohten Bürgern und Bürgermeistern beigestanden. Ach ich vergaß, da reicht Maul aufreissen alleine nicht, da kann man was auf selbiges kriegen und das ist dann nicht mehr so „en vogue“…

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