Rundblick-Unna » 25 Jahre deutsche Einheit – Döbelns früherer Bürgermeister: „Die Menschen hatten plötzlich Mut – zu gehen, wohin sie wollten“

25 Jahre deutsche Einheit – Döbelns früherer Bürgermeister: „Die Menschen hatten plötzlich Mut – zu gehen, wohin sie wollten“

Die Sachsen „sind aufmüpfig, haben Mut zum Widerstand – damals und heute“, anerkennt Matthias Girbig die Widerborstigkeit seiner Landsleute im Osten Deutschlands, und wichtig vor allem: Der Sachse kann auch herzlich über sich selbst lachen. „Man sagte damals zu Sachsen auch Dunkeldeutschland“, merkte Matthias Girbig augenzwinkernd an.

Als erster Bürgermeister Döbelns nach dem Mauerfall packte der CDU-Politiker vor einem Vierteljahrhundert das wagemutige Unternehmen „deutsche Einheit“ an; und bei seiner Festrede heute am Einheits-Feiertag in der Bürgerhalle erinnerte er sich daran, was seine Frau zu dieser Entscheidung sagte. „Am Abend meiner Nominierung kam ich nach Hause, und meine Frau sagte zu mir: Du bist verrückt.“

Lachen und Applaus in der Rathaushalle, die am Vormittag  zum 25. Jahrestag des deutschen Wiedervereinigung voll mit Kommunalpolitik besetzt war. Auf Einladung des CDU-Stadt- und Kreisverbandes und der Mitteldeutschen Vereinigung hielt Döbelns erster Bürgermeister  nach dem Fall der Berliner Mauer die Festrede zu diesem „silbernen Einheitstag“, sein Schwerpunkt: „Kommunalpolitik nach dem Mauerfall“.

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25 Jahre deutsche Wiedervereinigung bedeutet zugleich ein Vierteljahrhundert gediehene und gewachsene Partnerschaft zwischen Döbeln im Osten und Unna im Westen.

Herbst 1989, der Osten Deutschlands, damals Volksrepublik DDR. Brodelnde Aufbruchsstimmung brach sich Bahn, erinnert sich Matthias Girbig; die Unzufriedenheit wuchs, täglich, nahezu stündlich. „Die Städte waren runtergekommen. Die Versorgungslage war schwierig bis mangelhaft, die Umwelt in einem katastrophalen Zustand. Überall roch es nach Braunkohle. Die fehlende Freiheit, dahin zu gehen, wo man hingehen möchte, trieb die Menschen auf die Straße. Über Ungarn, über andere Länder versuchten die Menschen, in die Freiheit zu gelangen.“

Wieso sie das auf einmal taten – nach 40 erduldeten Jahren hinter Mauern, hinter Stacheldraht und Selbstschussanlagen: „Die Menschen hatten plötzlich Mut.“ Mut auch,um auf der Straße Protest- und Spottgesänge zu skandieren wie „SED, das tut weh!“, zuvor 40 Jahre lang undenkbar gewesen.

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Zu seinem eigenen Mut, als  Bürgermeister die Geschicke Döbelns in die Hand zu nehmen, mussten ihn befreundete Christdemokraten in Unna erst einmal mit viel Überzeugungsarbeit sanft zwingen, erinnert sich Girbig – mit lächelndem Blick auf Peter Bensmann, der beim Festakt in der Bürgerhalle in der ersten Reihe saß. Zusammen mit Manfred Wißelmann schaffte Bensmann es seinerzeit, dem Döbelner Parteifreund den entscheidenden Mut zu machen zu diesem Schritt, von dem Girbigs eigene Frau – und nicht nur sie – kopfschüttelnd sagte: „Verrückt!“

Verrückt war es denn – nach vorherigem Ermessen – auch, setzt Matthias Girbig lachend hinzu, „als es im Dezember 1989 in Döbeln spanische Apfelsinen zu kaufen gab.“ Stückpreis: „2,90 Ostmark.“ Auch sowas vergisst man nie.

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